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Hans Dieter Zimmermann: Kafka für Fortgeschrittene.

München: C.H. Beck Verlag, 2004.
(Becksche Reihe 1581).
215 S., brosch; Euro 12,90.
ISBN 3-406-51083-3.

Was der Berliner Literaturwissenschaftler hier aus seinen und anderen Forschungen zusammengetragen hat, richtet sich, wie der saloppe Titel andeutet, nicht an Literaturspezialisten und Kafkaexperten. Vielmehr sollen Literatur- und Kafkaliebhabern die Besonderheiten seiner Texte klar gemacht und die Hintergründe seines Schreibens beleuchtet werden. Statt die Literatur mit dem Leben des Autors gegenzulesen - wie in populärer Sekundärliteratur beliebt und eigentlich nur Leseanfängern zumutbar - wird hier Leben und Oeuvre Kafkas in weitaus spannendere Zusammenhänge gestellt und damit neu lesbar.

Vernetzt, verwickelt, in Mustern ausgeprägt, aus Serien ausscherend: Zimmermann präsentiert uns verbreitete Werte oder Denkweisen, er stellt Personen und Bücher vor, die der Prager Autor kannte oder gekannt haben muss, um daraus das, was Kafka ausmacht, abzuleiten. So erarbeitet der Literaturwissenschaftler in zwei Dutzend Kapiteln das Werk des Prager Autors in chronologischer Abfolge und macht dabei deutlich, was bei Kafka anders ist oder was bei ihm nicht denkbar wäre. "Nie würde er ein Kapitel 'Die Hölle' nennen (Kubin, 175ff.), selbst wenn er sie beschreiben würde, nie würde er seine Figuren einen Klub gründen lassen, der nach Luzifer, also nach dem von Gott abgefallenen Engel benannt ist." (S.109) Wie hier beim Vergleichen von Kubins Roman "Die andere Seite" und Kafkas Prosa erfahren die Lesenden nicht nur etwas über das "Kafkaeske", sondern auch einiges über die Literatur der Zeit. Texte von Paul Leppin, Gustav Meyrink und Max Brod werden einem breiteren Publikum vorgestellt.

Ebenso interessant ist Zimmermanns Buch, wo es von Bänden aus den zeitgenössischen Bibliotheken oder aus Kafkas Büchersammlung berichtet: vom barocken Werk Comenius', von einer jiddischen Literaturgeschichte, von religionsgeschichtlichen Volksbüchern. In einfachen Sätzen und überschaubaren Abschnitten wird hier das geistes- religions- und sozialgeschichtliche Panorama skizziert, in dem Kafka schrieb. Vor diesem Hintergrund der zeittypischen Mythen, Haltungen und Denkströmungen hebt sich sodann Kafkas Werk ganz von allein ab. Wenig muss der Literaturwissenschaftler nachhelfen, um zu zeigen, wie Kafka abweicht, Widersprüche gestaltet und überhaupt anderes produziert. Selbst für weniger routinierte Leser muss kaum ausformuliert werden, wie und warum ein beunruhigendes Gefühl entsteht oder Komik zustande kommt. Indem nachvollziehbar wird, woher Kafka bestimmte Motive, Stoffe, Themen haben könnte und Zimmermann die Quellen oder Paralleltexte vorstellt, wird klar, warum sich Kafkas Geschichten dann doch nicht so lesen lassen wie der Plot in den Vergleichstexten: es liegt an den Änderungen der Reihenfolge, der Figurenkonstellation, den Verschiebungen und Auslassungen der Stationen usf. Das ist wichtige Grundlagenarbeit im Dienste von Leselust und Lesekunst, die Zimmermann hier für Laienleser leistet, selbst wenn er kaum auf die Poetologie der Werke eingeht.

Bisweilen passiert es dem Literaturwissenschaftler, dass er dem Drang nachgibt, eindeutig zu machen, was den Kafka-Texten das Kafkaeske zu nehmen droht: wenn er etwa mit einer kleinen Erzählung die anderen zu entschlüsseln versucht, oder vermutete Bestrebungen der Figuren als erwiesene ausgibt. Dass ihm dies jedoch nicht oft passiert und er sich meist damit begnügt, Deutungsfragen zu stellen statt sie zu beantworten, zeigt, dass sich sein Buch in der Tat an fortgeschrittene Leser richtet. Dem tut es auch keinen Abbruch, dass Zimmermann auf Psychologie und Psychoanalyse weitgehend verzichtet.

Vielleicht hätte er es in diesem Sinne auch unterlassen sollen, Kafkas Familienleben oder seine Freundschaften zu charakterisieren. Aber Zimmermann ist so sehr daran gelegen, Kafkas Leben und Leiden als banal und unspektakulär darzustellen, dass ihm Eckdaten und Zeugenaussagen genügen, um Kafkas Kindheit als glücklich und seine Freunde und Frauen als gute zu etikettieren. Diese psychologisch angelegten Abschnitte dienen eben der Begründung dafür, dass man sich anderswo umsehen müsse, um die Exklusivität des Autors zu verstehen: statt in Kafkas Schlafzimmer in seiner Bibliothek, statt in seinem Wohnhaus oder Büro in den Lokalen, wo sich die Prager Intellektuellen verschiedener Sprachen und Religionen mit politischen, geistigen und religiösen Themen auseinandersetzten. Selbst wenn aus dieser Perspektive immer unklarer wird, warum Kafkas Werk derart ort- und zeitlos wirkt: Die kulturhistorische Verortung, die Zimmermann hier für eine große Lesergruppe leistet, wird den Kafka-Leser erneut und weiterhin lustvoll Kafka - und nach manch anderen hier vorgestellten Büchern - wohl erst recht wieder Kafka lesen lassen. Und das ist auch gut so.

Sabine Zelger
4. Juni 2004

Originalbeitrag

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