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Alois Hotschnig: Die Kinder beruhigte das nicht.

Erzählungen.
Köln: Verlag Kiepenheuer & Witsch, 2006.
127 S.; geb.; Eur(A) 15,30.
ISBN 3-462-03685-8.

Link zur Leseprobe

Neun Erzählungen des Kärntner Autors Alois Hotschnig ziehen wie Tropfen auf einer stillen Wasserfläche immer größer werdende Kreise. Heimliches und Unheimliches ist das Thema, der Einstieg ist unmittelbar, der Ausgang unbestimmt.

"Wenn ich das Haus verließ, lagen sie auf ihrem Steg ...", beginnt die erste Erzählung "Dieselbe Stille, dasselbe Geschrei". Meist beginnt alles ganz harmlos: jemand beobachtet aus Langeweile die Leute in der Nachbarschaft, jemand folgt einer Frau auf ihrem Weg durch die Stadt oder ist auf Besuch bei Verwandten. Schon nach wenigen Sätzen wird klar, dass alles nicht so harmlos ist, wie es scheint. Seltsam ist, dass nichts "passiert" und trotzdem baut sich Spannung auf, wie in einem Film bevor "es" passiert. Die Situationen, die hier im Detail und eindringlich beschrieben werden, erinnern an Szenen eines Thrillers, in denen die Zuschauer / hier: Leser ganz behutsam aber unausweichlich verunsichert werden über das, was sie erwartet. Alles wird zweideutig, mehrdeutig, vieldeutig, schließlich unerklärlich bis unheimlich. Alle Zeichen deuten darauf hin, dass etwas an den zu Beginn so harmlosen Situationen nicht stimmt. Auch kommt es vor, dass bereits von Beginn an nichts stimmt. Weder das Gesicht im Spiegel noch der Traum, aus dem es kein Erwachen gibt.

Dazu kommt die Sache mit der Identität: Ein Mann sieht morgens im Spiegel plötzlich in ein fremdes Gesicht. Eine alte Frau führt dem Erzähler sein Leben anhand von Puppen vor Augen. Ein anderer wechselt Leben wie Hemden und ist nie er selbst. Aber wer wäre er selbst? Die kurze Erzählung "Begegnung" führt den Identitätsverlust im übertragenen Sinn vor Augen. Sie beginnt mit: "Er hob den Kopf und erstarrte in dieser Pose, als gelte es, einem Gegner zu drohen..." und endet: "... und saugten und nagten an dem Körper und höhlten ihn aus, bis er leicht genug war, eine Hülse, die trugen sie fort." Auch wenn nur von einem "Tier" die Rede ist, dessen angeschlagenen Körper sich die Ameisen einverleiben - was hier anhand der Tierwelt demonstriert wird, lässt sich leicht auf Hotschnigs Menschenwelt übertragen. Fast immer geraten die Ich-Erzähler zu Opfern unerklärlicher Umstände und Ereignisse, die handlungs- und wehrunfähig machen. Der Mann am See, der sich mehr mit den Nachbarn als mit sich selbst beschäftigt, löst sich in der Identität seines Vorgängers auf. Der Mann, der süchtig wird nach den Erinnerungspuppen der alten Frau, muss zusehen, wie sie die Puppen vor seinen Augen verschlingt. Der Mann, der nicht mehr weiß, wer er ist, irrt hoffnungslos durch die Stadt ohne Aussicht, "sich selbst" wieder zu finden.

Jene, die Alois Hotschnigs zweiten Roman "Ludwigs Zimmer" (Verlag Kiepenheuer & Witsch, 2000) kennen, werden mit ähnlichen Situationen vertraut sein. Dort erbt der Ich-Erzähler Kurt Weber ein Haus am See (in Kärnten) und mit ihm die Geschichte seiner ehemaligen Bewohner. Manche der Erzählungen, die nun 6 Jahre später erscheinen, wirken wie Entwürfe zu bzw. Bearbeitungen von Romanszenen. "Der Anfang von Etwas" (S. 85) enthält satzgleiche Passagen aus "Ludwigs Zimmer" (S. 82) beginnend mit: "Ich sah aus dem Fenster, und alles war, wie ich es aus dem Traum in Erinnerung hatte ...". Auch "In meinem Zimmer brennt Licht" erinnert nicht nur atmosphärisch an den Roman, in dem da wie dort geheimnisvolle Bootsfahrten ins Schilf unternommen werden. Was jedoch auf den ersten Blick wie pure Wiederholung anmutet, lässt sich dennoch als "neue" Erzählung akzeptieren, weil der Autor dem Geschehen eine neue Wendung gibt. Den Unterschied macht hier das "Verdecken" aus, das dem "Entdecken", das Kurt Weber sich zum Ziel gesetzt hat, gegenübersteht. Während es Weber darum geht, die Geschichte seiner Familie zu enträtseln und sich davon zu befreien, ist es gerade das Geheimnis, das den Reiz der vorliegenden Erzählungen ausmacht und sie in die Nähe des Unheimlichen rückt.

Der 1956 geborene Alois Hotschnig ist ein langsamer Erzähler. Er verharrt lange und genau im Augenblick, darin liegt das Besondere, nicht in der Besonderheit der Situation. In diesem verlangsamten Augenblick lässt er sich Zeit, Gedanken und Erinnerungen auftauchen zu lassen, sie einzukreisen, sie festzulegen, soweit es geht. Stärker als die Realität, als die genaue Beschreibung der Kiesel auf dem Küchenherd oder der Fotos an der Wand, ist die Erinnerung und die Ahnung, die sich über alles legt oder sich hervorzwängt wie die Puppen aus den Schubladen der alten Frau. Wenn also die Schlusssätze etwa lauten: "Und jetzt war ihm, als drehe sich ein Schlüssel im Schloss." (Zwei Arten zu gehen) oder "Nebenan knarrte Parkett." (Der Anfang von Etwas), dann sagt das nichts Besonderes, aber die Ahnung bleibt.

Beatrice Simonsen
18. Juli 2006

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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