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Marina Bohlmann-Modersohn: Paula + Clara + Clara + Rilke. Eine Collage von Martina Bohlmann-Modersohn

Es lesen: Birgitta Assheuer, Ilona Fritsch, Moritz Stoepel
1 CD, 79:27 Min.
ISBN 978-3-7160-3363-0
Zürich Hamburg: Arche Verlag, 2007

Ein jugendliches Dreigestirn voll sublimer Ideale und künstlerischen Strebens sind Paula Becker (1876-1907), Clara Westhoff (1878-1954) und Rainer Maria Rilke (1875-1926) zu Beginn ihrer lebenslang währenden Freundschaft. Die Tagebuchaufzeichnungen aus jener Zeit verströmen Poesie in reinster Form, die Briefe enthalten vertrauliche und gedankenvolle Dialoge. Erst mit zunehmenden Jahren schleichen sich Misstrauen und Eifersucht ein, die sich später in gegenseitiger Anerkennung endlich wieder auflösen. Marina Bohlmann-Modersohn, die Biografin von Paula Modersohn-Becker, hat die innige Beziehung der drei Künstler in einer hinreissend poetischen Collage verarbeitet.

Im Herbst 1900 war Rilke erstmals in der deutschen Künstlerkolonie Worpswede bei Bremen zu Gast, unmittelbar nach der Lösung aus seiner leidenschaftlichen Beziehung zu Lou Andreas-Salomé. "Eigentlich ist das ein Märchen", notiert er am 10. September in sein Tagebuch. Sonntags finden am "Barkenhoff" des Malers Heinrich Vogeler künstlerische Treffen statt, die in dieser träumerischen Moorlandschaft eine besondere Anziehungskraft auf Rilke ausüben. Und hier lernt er die "Mädchen" Paula Becker und Clara Westhoff kennen. Am selben Tag entsteht das Gedicht: "Mädchen, Dichter sind, die von euch lernen/das zu sagen, was ihr willig seid./Und sie lernen leben an euch, Fernen,/wie die Abende an großen Sternen/sich gewöhnen an die Ewigkeit ..."
Die jungen Künstlerinnen hatten sich bei ihrem gemeinsamen Lehrer Fritz Mackensen kennengelernt und waren einander in inniger Freundschaft verbunden. Mackensen, Heinrich Vogeler und Otto Modersohn bildeten den Kern der Gemeinschaft, die nach dem Vorbild der Schule von Barbizon das Ziel einer freien künstlerischen Darstellung nach der Natur verfolgte.
In diesem kurzen Monat wurde in einer Atmosphäre hoher Ideale der Grundstein zu einer tiefen Freundschaft gelegt. Als Rilke im Oktober nach Berlin abreiste, folgte ein reger Briefwechsel. "Clara Westhoff und ich, wir sprachen neulich darüber, dass Sie eine lebendig gewordene Idee von uns seien, ein erfüllter Wunsch." Paula an Rilke am 25. Oktober, Rilke an Paula am selben Tag: "Meine Hände liegen offen und leer, wie halbe Muscheln aus denen die Perle genommen ist". Paula, die zu jener Zeit bereits heimlich mit dem verwitweten Otto Modersohn verlobt war, fand in der Begegnung mit Rilke eine Intensität des Gedankenaustauschs, der beide in hohem Maße anregte und befriedigte. "Wieviel lerne ich im Schauen dieser beiden Mädchen, besonders der blonden Malerin ..." (Rilke am 16. September). Paula experimentierte mit Farben auf der Leinwand, Rilke mit Worten auf Papier. Für Clara malt er ein Farben atmendes Stilleben, das seine Entscheidung für die dunkle eher zurückhaltende Bildhauerin bereits ankündigt.: "Ich würde an meinem Kocher stehen und Ihnen ein Abendbrot bereiten ... auf einem Glasteller würde schwerer Honig glänzen und kalte elfenbeinreine Butter würde auf der Buntheit eines russischen Tischtuchs ruhig auffallen ..." (23. Oktober).
Im April 1901 heirateten Rilke und Clara, im Mai Paula und Otto Modersohn. Trotzdem sich Rilke und Clara in unmittelbarer Nachbarschaft zu Worpswede niederließen, brach der Kontakt zu Paula fast gänzlich ab. Rilke schob finanzielle Sorgen vor und Claras durch die Geburt ihres Kindes unterbrochene künstlerische Entwicklung: "Sie müssen fortwährend Enttäuschungen erfahren, wenn Sie erwarten, das alte Verhältnis zu finden ..." (Rilke an Paula, 12. Februar 1902).
Im Herbst 1902 lösten Rilke und Clara den einsamen Haushalt im norddeutschen Moor auf und gingen nach Paris - die Ehe bestand allerdings nur mehr auf dem Papier. Auch Paula unternahm Reisen nach Paris, um sich malerisch weiterzuentwickeln: "Das sanfte Vibrieren der Dinge muss ich ausdrücken lernen. ... Überhaupt bei intimster Beobachtung die größte Einfachheit anstreben. Das gibt Größe." (Paris, 20. Februar 1903). Das schale Gefühl der Zurücksetzung durch Rilke nagte an ihr und sie sparte nicht mit Kritik: "In meiner Wertschätzung sinkt Rilke doch allmählich zu einem kleinen Lichtlein herab, das seinen Glanz erhellen will durch Verbindung mit den Strahlen der großen Geister Europas ..." (Paris, 3. März). Erst 1905 lebte die alte Freundschaft wieder auf und Paula malte ein Porträt Claras. "Ihr Porträt-Anfang von mir scheint mir immer wieder etwas ganz Grandioses ..." (Clara an Paula, 9. Mai 1906).
Im Februar 1906 verließ Paula ihren Mann mit dem Ziel, sich in Paris eine neue Existenz aufzubauen. "Ich bin nicht Modersohn, und ich bin auch nicht mehr Paula Becker. Ich bin Ich, und hoffe, es immer mehr zu werden." (Paula an Rilke, 17. Februar) Clara und Rilke unterstützten sie in diesem wagemutigen Plan. Diese Zeit gilt als ihre schaffensmächtigste, in der die wichtigsten Bilder entstanden. Dennoch kehrte Paula vor allem aus finanziellen Gründen zu ihrem Ehemann zurück.
Es ist dem Maler Otto Modersohn zu Gute zu halten, dass er seine Frau zu jeder Zeit unterstützte und beinahe als Einziger die wahre künstlerische Größe Paula Modersohn-Beckers erkannte. Die Briefe und Aufzeichnungen dieses Künstlerpaares zeugen von derart offenherziger, intensiver gegenseitiger Zuneigung, dass man sich auch diese als Hörbuch ediert wünscht. Warum die sonst sehr kompetente Biografin Marina Bohlmann-Modersohn den dringenden und unerfüllten Kinderwunsch Paulas in ihrer Collage konsequent ausklammert, ist nicht ganz nachvollziehbar. Am Ende ist man überrascht, als von einem Kind die Rede ist, nach dem Paula verlangt, da weder die Schwangerschaft noch die Geburt ihrer Tochter mit einem Wort erwähnt werden. Paulas Worte "Wenn ich hier jetzt nicht absolut notwendig wäre, müsste ich (Anm.: zur Cezanne-Ausstellung) in Paris sein." (Paula an Clara, 21. Oktober 1907) so kurz vor ihrer Niederkunft zeigen zwar, dass zu jeder Zeit die Malerei ihr absoluter Lebensmittelpunkt war, doch hätte man auch Claras Eindruck von Paula mit ihrem Kind "mit dem glücklichsten und stillsten Lächeln, das ich je an ihr gesehen habe" zitieren können. Paula starb an einer Embolie im Wochenbett am 20. November. Ihr Werk galt der Darstellung von Menschen, hauptsächlich Frauen und Kindern, die sie eindrucksvoll zu porträtieren verstand. "Denn das verstandest du: die vollen Früchte./die legtest du auf Schalen vor dich hin/und wogst mit Farben ihre Schwere auf ..." ( Rilke, Requiem für eine Freundin).
Bei ihrem Tod war Paula 31 Jahre alt, Rilke starb mit 51. Beide verzeichnen eine Fülle künstlerischer Produktivität, vor der die Nachwelt staunend steht. Während Rilke als gefeierter Dichter durch Europa reiste, blieben Paula zu Lebzeiten Ruhm und Anerkennung verwehrt. Clara lebte im Schatten Rilkes, als Künstlerin wenig bedeutend. Die Briefe und Aufzeichnungen geben Einblick in die Seelentiefe, mit der sich alle drei Künstler einander offenbarten, wobei der Schwerpunkt der Auswahl bei "der blonden Malerin" liegt, die in der natürlichen Kraft ihrer Ausdrucksweise Rilke kaum nachsteht.

Die Auswahl der Stimmen der lesenden Schauspieler lässt sich nur subjektiv beurteilen. Für mich persönlich passt die warme Stimme von Brigitta Assheuer zwar im Grundton, doch fehlt ihr der oft kecke Ton, den Paula in ihren Briefen anschlägt und der sich aus ihrem Verhalten herauslesen ließe. Otto Modersohn, der sie, als er sie kennenlernte, als "frei bis zum Exzess" bezeichnet, beschreibt, wie sie sich in warmen Nächten ungeniert nackt vor ihren Künstlerfreunden tanzend in den Nebelschwaden des Teufelsmoors zelebriert. Auch ihre letzten Selbstbildnisse im ganzen Akt - übrigens eine revolutionäre Neuerung in der Kunstgeschichte - zeigen die mutige Direktheit der Künstlerin. Ilona Fritsch-Strauß' Stimme wiederum klingt zu eng und klein für die große Clara und ihre "braune Gesundheit und Riesenhaftigkeit" (Paula über Clara). Moritz Stoepel liest Rilke raukehlig mit entsprechendem emotionalen Impetus, obwohl man sich Rilke stimmlich auch "zart und sensitiv (mit kleinen rührenden Händen)" (Paula über Rilke) vorstellen könnte.
Das beiliegende Booklet informiert mittels Kurzbiografien über die wichtigsten Lebensabschnitte, um die Auswahl der Aufzeichnungen richtig einordnen zu können. Porträts von Paula-Modersohn Becker von Clara und Rilke und das letzte Selbstbildnis der Malerin "Selbstbildnis mit Kamelienzweig" geben Zeugnis dreier von Kunst erfüllter Menschenleben. Eine Empfehlung!

Beatrice Simonsen
9. September 2008

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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