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Ingeborg Bachmann-Preis: "Klagenfurt und kein Ende ..." Vom Kampf im Wörter-See

Das Beste aus 25 Jahren Ingeborg-Bachmann-Preis
Gestaltung: Alfred Dickermann und Dolores Hibler
Mitarbeit: Binia Salbrechter und Doris Trinkl
Sprecher: Josef Glanz
5 CDs
Gesamtspielzeit: ca 6 Std.
ORF Landesstudio Kärnten 2001

Aber was hat denn nun eigentlich im Juni 1977
in Klagenfurt stattgefunden? Ein Fest der Literatur?
Ein Wettbewerb mit zwei Preisen und einem Stipendium?
Ein Dichtermarkt? Eine Art Börse? Wirklich eine Arbeitstagung?
Oder gar eine literarische Modenschau? Es war, glaube ich,
alles auf einmal - und das ist gut so.
Marcel Reich-Ranicki

25 Jahre Ingeborg-Bachmann-Preis bedeuten 25 Jahre gegensätzliche Meinungen zur wohl bedeutendsten als auch umstrittensten Literaturveranstaltung im deutschsprachigen Raum. Nirgendwo sonst stehen Literatur und Kritik derart auf dem Prüfstand wie beim Lesemarathon in Klagenfurt.
25 Jahre Bachmann-Preis heißt in Zahlen, dass insgesamt 553 Autoren und 85 Juroren zu sehen und zu hören waren. Und 25 Jahre Wettlesen um den Bachmann-Preis spiegelt die Entwicklung eines literarischen Bewerbes zum Fernsehereignis, mit all seinen dazugehörigen Machtspielen, Intrigen, Affären und Skandalen.

Schon vor der ersten Veranstaltung sorgte Marcel Reich-Ranicki, damals machtvoller Literaturchef der "FAZ", für das "richtige" Gefälle zwischen Juroren und Autoren, als er den Ausschluss der Vortragenden aus der Diskussion zur Bedingung seiner Unterstützung machte. Auch für den ersten Skandal zeichnete Reich-Ranicki verantwortlich. Einen Text der Autorin Karin Struck richtete er mit den Worten: "Wen interessiert schon, was die Frau denkt, was sie fühlt, während sie menstruiert?" Dass ihr Text nicht Literatur, sondern "ein Verbrechen" sei, ließ Karin Struck das Studio heulend verlassen. Der Absturz der Autorin aus der Literaturszene war damit vorgezeichnet. Der Ingeborg-Bachmann-Preis aber avancierte zur medienwirksamsten Literaturshow und Klagenfurt zum Umschlagplatz des Literaturmarktes.

Zum 25 Jahre-Jubiläum dieses Medienereignisses hat das ORF-Landesstudio Kärnten nun eine Edition von fünf CDs unter dem "schöpferischen" Titel 'Klagenfurt und kein Ende ...' Vom Kampf im Wörter-See herausgegeben, die Mitschnitte aus Diskussionen, Lesungen, Interviews und Szenen am Rande des Wettbewerbes bietet. Jedem einzelnen Wettbewerbsjahr ist ein Cut gewidmet, je 5 pro CD. Der Hörer kann mit Hilfe des umfangreich gestalteten Booklets problemlos seine Favoriten anwählen und so die Gesamtspielzeit von 5 Stunden, 51 Minuten und 53 Sekunden umgehen, die den Klagenfurter Lesemarathon hier zu einem Hörmarathon werden lässt, den wohl nur konditionsstarke Literaturliebhaber durchhalten können. Zumal die Gestaltung der Edition zu monoton geraten ist. Mit dem Verzicht des Herausgebers, den Sprecher auch als erläuternden Moderator zu nutzen, bleiben die Mitschnitte vielfach unkommentiert und kritiklos im Raum stehen sowie gänzlich aus dem wichtigen Kontext gerissen. So liegt der Trumpf dieser Publikation in der akustischen Präsentation. Der Bachmann-Preis als Audio-CD bietet - abgesehen von einer Video- oder DVD-Edition - ein Höchstmaß an Authentizität. Der Live-Charakter vermittelt genau das, was den Wettbewerb als Medienspektakel auszeichnet: nämlich, dass nirgendwo "literarische Öffentlichkeit" derart transparent ist wie hier. Die bangen oder hoffnungsfrohen Lesungen der AutorInnen sowie die (ver)urteilenden Stimmen von so illustren Analysten wie Marcel Reich-Ranicki, Friedrich Torberg, Hans Weigel, Walter Jens, Joachim Kaiser, Heinrich Vormweg oder auch Gertrud Fussenegger und Hilde Spiel stellen in dieser Form besondere literarische Quellen dar.

Erwartungsgemäß finden sich auf den CDs die Aufreger und Skandale des Wettbewerbes wie etwa Rainald Goetz' Rasierklingenschnitt 1983 oder Urs Allemanns Text Babyficker, der 1991 den Juror Roberto Cazzola dazu bewegte, das Studio regelwidrig zu verlassen. Nur zu selten aber gewinnt der Hörer auch einen Eindruck von der Kehrseite der Klagenfurter Veranstaltung, abseits des Lese-, Beurteilungs- und Preisvergabezeremoniells. Gefühlsäußerungen wie etwa die der Autorin Lydia Mischkulnig 1996 über die "Autorenverschlingmaschine" Bachmann-Preis sind denn auch die wahren, aber seltenen Glanzstücke dieser Ausgabe: "Es ist grausig, es ist absolut grausig, man liest einen Text vor, an dem man gearbeitet hat, den man überprüft hat, von dem man glaubt, dass er die Kriterien, die dieser Text aufwirft, auch erfüllt [...] wenn die das zerreißen, ist die Situation furchtbar peinlich, wenn die das nicht zerreißen, ist das natürlich klass [...] aber bevor das Urteil im Großen gefällt wurde, hat man das Gefühl, man ist ein absolut überflüssiger, penetranter, aufdringlicher Autor [...]. Der Druck, der auf einem lastet - es ist irgendwie furchtbar, weil eigentlich ist es ja der Text, über den man spricht [...] man liefert ja auch einen Text, man liefert ja nicht sich, aber der Text ist natürlich von einem. [...] Man fühlt sich schon ziemlich betroffen, von dem, was da gesagt wird."

Fraglos haben 25 Jahre Ingeborg-Bachmann-Preis auch einige Veränderungen nach sich gezogen. Kontinuität und Wandlung des Wettbewerbes sind in der vorliegenden Gestaltung des ORF aber nur tendenziell erahnbar. Spätestens 1997, nach dem Ausscheiden von Peter Demetz als Juror und der Möglichkeit der Jury, sich kurzfristig auf die Manuskripte vorzubereiten, hat der Bachmann-Preis an Qualität und Unmittelbarkeit verloren. Die Debatten konzentrierten sich in den letzten Jahren daher vermehrt darauf, ob etwa durch ein moderateres und differenzierteres Preisgericht zwar Fairness, aber ebenso Langeweile einkehrte. Oder ob mit dem Abtreten der zu "Autorenschlachtungen" bereiten großen Kritiker auch der Unterhaltungswert der Veranstaltung sank bzw. der Ingeborg-Bachmann-Preis einzig den "Verfall" der Literaturkritik auf großer medialer Ebene spiegelt. Die ausgewählten Aufnahmen aus derartigen Diskussionen und Interviews können derartige Interpretationen aber weder bekräftigen noch widerlegen.

Da die Jury von den Texten nun im Vorhinein Kenntnis hat, werden Situationen wie beim Bewerb 1995 ausbleiben, als der Vöcklabrucker Autor Franzobel mit der Sprachübermacht seines Textes Krautflut das Publikum wie die Jury nicht nur "auf", sondern auch "in die Knie zwang" und den "sprachlosen" Preisrichtern das Zustandekommen eines solchen Textes verdeutlichte: dass es hierzu wichtig sei, "der Sprache einen Rhythmus zu gewinnen, der der Sprache selbst inhärent ist, und das geht halt nur, indem ich kein Radio, kein Fernsehen, kein Theater, kein Kino konsumiere, sondern mich wirklich auf Sprache konzentriere, auch in meinem Leben [...] und man die Wahrnehmung in diese Richtung eingestellt hat."

Politisches kam am Klagenfurter Literaturmarkt nie gut an und wurde auch kaum wahrgenommen. Dass und warum der Ingeborg-Bachmann-Preis seit dem Jahr 2000 "Tage der deutschsprachigen Literatur" heißt, bleibt in der Edition ebenfalls ausgespart. Doppelt schade, weil man damit auch Ausschnitte aus dem trefflichen Eröffnungsvortrag von Franz Schuh schmerzlich vermisst.
Ob nun Wettbewerb, Dichtermarkt oder "literarische Modeschau": um 25 Jahre Ingeborg-Bachmann-Preis zu dokumentieren, bedarf es mehr als etwa 6 Stunden aufbereitete Mitschnitte - in erster Linie eines umfassenden und differenzierten Kommentars. Vielleicht zum nächsten Jubiläum?

Zuerst erschienen in: Wespennest Nr.127/2002

Michael Hansel
11. Juni 2002

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