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Joseph Conrad, Michael Köhlmeier: Herz der Finsternis

Deutsche Übersetzung von Fritz Lorch
Hörspielbearbeitung: Michael Köhlmeier
Regie: Frederik Ribell
Musik: Norbert Rümmele
Mit Bernd Rumpf und Hans Gerd Kübel
Produktion: ORF Vorarlberg 1990
ISBN: 978-3-86717-109-0
Der Hörverlag, 2007
Spielzeit: ca. 60 Min.

Was? - Ist das ein Verhör? Ein Vorstellungsgespräch, ein Interview? - Eine quietschende Tür, jemand betritt ein Zimmer. Zwei Personen, zwei Sprecher, und richtig, eine Befragung: Kapitän Marlow, der Erzähler aus Joseph Conrads "Herz der Finsternis", wird befragt. Der Interviewer scheint vorbereitet zu sein auf das Gespräch. Er hat Unterlagen, hat er vielleicht Conrads Buch gelesen, zumindest überflogen? Handelt es sich etwa um eine hermeneutische Befragung des Originaltextes?

1990 hatte Michael Köhlmeier wohl einen der heiligsten Texte der englischsprachigen Literatur - erschienen 1902 unter dem Titel "Heart of Darkness" - zu einer Hörspielfassung bearbeitet. Immerhin nach herausragenden und legendären Umsetzungen wie "Aguirre, der Zorn Gottes" (1972) von Werner Herzog oder "Apocalypse Now" (1979) von Francis Ford Coppola stellt dies ein gewisses Wagnis dar. Das 60-minütige Hörspiel, das seit 2007, Conrads 150. Geburtstag, nun als CD vorliegt, zeichnet sich durch eine bemerkenswerte Schlichtheit aus. Die Bearbeitung löst das im Original bereits höchst komprimierte und knappe Werk aus seinem Rahmen heraus und dringt unmittelbar zu den zentralen Fragen der Geschichte vor.

Die Position Marlows, bei Conrad die Erzählfigur, die ihr eigenes Erzählen innerhalb des Rahmens soweit selbst organisiert, ist hier verändert: Er ist der Befragte. "Wie meinen Sie das?" Wird er etwa zur Rede gestellt? - Doch der Hinter-/Fragende bleibt im Hintergrund. Vor den Ohren des/der Zuhörers/in entspinnt sich allmählich, häppchenweise de- und rekonstruktiv, die Geschichte einer Reise ins Innere des Schwarzen Kontinents.

Eine Befragung ist ein Ritual, und Rituale spielen in dieser Geschichte eine vielfältige Rolle: als Rituale des Abenteurers, als Rituale auf einem Schiff, als Rituale schwarzer Stämme im Afrika des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Oder als Handel. Eine riesige - europäische - Handelsgesellschaft treibt in der tiefen afrikanischen Wildnis Handel mit Elfenbein. Handel? Das wäre Tausch. Aber Tausch ist nur der Idealfall dieses Rituals, das der Handel darstellt. Der Idealfall tritt ein im Herzen der Gesellschaft, der Handelsgesellschaft, das wäre Europa: hier, wo das Gespräch stattfindet, wo auch der Interviewer sitzt, geschützt durch die Gesetze der Zivilisation. Aber "dort unten" mutiert das Handelsritual - das stellt Marlow zu Beginn des Gesprächs klar - zu Raub, zu Mord.

Das Geschäft mit Elfenbein kommt den Eingeborenen teuer zu stehen, und am Ende sind dennoch sie es, die gleichsam vertragsbrüchig werden - weil sie vor Vertragsablauf zugrunde gehen. Der Zynismus ist nur ein Gleichnis - angesichts der realen historischen Hintergründe, auf die sich Conrads Text bezieht: die kolonialistische Ausbeutung des afrikanischen Kongo in Form einer Privatkolonie des Belgischen Königs Leopold II. (allerdings unter Einbindung aller europäischen Großmächte der Zeit), eine der unglaublichsten Farcen der Weltgeschichte, zugleich einer der entsetzlichsten und traurigsten Höhepunkte des Kolonialismus.

Zurück zu Kapitän Marlow. Während dieser einem nicht ganz eindeutigen Auftrag der Gesellschaft folgend flussaufwärts fährt, eröffnen sich ihm nach und nach unter der Oberfläche der Ereignisse völlig neue Zusammenhänge. Marlow selbst tastet sich an seiner eigenen Erfahrung dessen, was er als "Macht der Wildnis" bezeichnet, entlang. Während sich ihm mehr und mehr Widerstände in den Weg legen, wird ihm bewusst, wie entscheidend es ist, sein Ziel, das bemerkenswerter Weise einen Namen hat, zu erreichen: Kurtz, ein ominöser Agent der Gesellschaft, der die letzte Station der Gesellschaft entlang des Flusses besetzt. "Ganz im Innern werden Sie zweifellos Kurtz begegnen." Es ist faszinierend und großartig, wie sich die Topographie dieser Reise ins Innere eines nahezu undurchdringlichen Landes bei Conrad auf mehreren Ebenen spiegelt. So wird die Begegnung mit Kurtz zur Begegnung mit dem eigenen Unterbewussten wie mit dem Kehrbild einer Zivilisation, deren selbstbehauptete "Allmacht" augenblicklich als Chimäre erscheint. Kurtz ist nur der Inbegriff einer entfesselten wütenden Dialektik einer gleißenden Blendung, um den Begriff der Finsternis anders auszudrücken. Doch Kurtz, in dem man nicht nur ein Porträt des Belgischen Königs erkennen kann, sondern dessen Name auch einen verschlüsselten Verweis auf den Autor (ursprünglich Józef Teodor Konrad Korzeniowski) selbst enthält, bleibt schillernd.

Durch das dialogische Aufbrechen von Marlows ursprünglich weitgehend monologischer Erzählung wirkt der Text zugänglicher, ohne freilich auf die Geste jener verrätselten Sprödigkeit gänzlich zu verzichten. Der sparsame Einsatz von musikalischen Mitteln, der Verzicht auf weitere Effekte und die überzeugenden Stimmen der Sprecher (Bernd Rumpf, bekannt als Synchronstimme u.a. von George Clooney, und Hans Gerd Kübel) lassen diese Bearbeitung von "Herz der Finsternis" zu einem hörenswerten Ereignis werden. Urs Widmers glänzendes Nachwort im Booklet regt die Auseinandersetzung mit dem Text weiter an.

Martin Reiterer
1. April 2008

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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