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Erwin Chargaff: Das Feuer des Heraklit

Skizzen aus dem Leben vor der Natur. Eine Auswahl.
Es liest der Autor
Spielzeit: 67:28 Min.
ISBN 3-935125-18-6
parlando prosa. edition Christian Brückner 2002

Angesichts dessen, was 'Informationsgesellschaft' genannt wird, angesichts des rasenden Wachstums an 'Wissen' (auf naturwissenschaftlicher Seite) und 'Diskursebenen' (auf geisteswissenschaftlicher Seite) kann das humanistische Bildungsideal und Menschenbild getrost für gescheitert erklärt werden. So geht die Mär, so sind sich die Stiftungs- mit den Aufsichtsräten einig, so verkünden die angeheuerten Ethiker, Erben des Wiener Kreises, es im Namen von gleich welcher Hightech-Industrie, so begründen - unbewußt, verbrämt in Alltagssprache - angehende NaWi-Studenten ihre Berufswünsche "in der Privatwirtschaft" gegenüber Freunden. Es habe ja auch nie in einer anderen Blüte gestanden als in der des behüteten Gewächshauspflänzchens, dieses Menschenbild, so weiter der Chor der "Abgeklärten". Scheinfassade bürgerlich-kapitalistischen Treibens sei es von je gewesen, und es habe der nachbürgerlich-positivistischen Kapitalismusvariante bedurft, um diese - endlich! - niederzureißen. In der Zeit eines Karl Kraus habe man die Spinner noch nicht als solche erkennen können, war doch die ganze Grundlage der Diskurse noch nicht vom "Idealismus" (oder so) gereinigt, der damals selbst dem "fortschrittlichsten" Geist noch zumindest philisterhafte Lippenbekenntnisse abverlangte. Aber heute! Wer Goethe UND Einstein "verstehen" will, muß eins von beiden als Hobby betreiben und kann so erworbene Kenntnisse also nicht in den professionellen Diskurs einfließen lassen.

Soweit der (polemische) Stimmungsbericht. Daß es doch noch universalgebildete Menschen gibt, deren Aufschreie man nicht wegen der relativen Harmlosigkeit ihrer Lieblingsthemen ignorieren kann, davon zeugen Leben und Werk von Erwin Chargaff. Der kürzlich verstorbene Chemiker, Literaturwissenschaftler und - siehe oben - Universalgelehrte galt als "Karl Kraus der Naturwissenschaften", und das wohl zurecht. Soweit zu gehen, ihn als "Stilist von Gnaden" (FAZ) zu bezeichnen, scheint mir leicht übertrieben, aber die feine Ausgewogenheit zwischen zivilisiertem Vokabular und polemischer bzw. ironischer Spitze, die er selbst noch bei der Schilderung von Kindheitsepisoden hält, machte ihn Zeit seines Lebens zu einem bestimmenden Fürsprecher "seiner Sache". Worin nun bestand diese? - Sie bestand in einer Forderung nach Rückkehr zu einer naturwissenschaftlichen Forschung, die der Philosophie stärker verpflichtet ist als den Anforderungen der industriellen Fertigungsverfahren, zu einer Forschung, die sich "aus der Lehre ganz von selbst ergibt". Zum Leidwesen der Stiftungsräte und großer Teile seiner Kollegenschaft war der, der da seit den sechziger Jahren ebenso redegewandt wie vergebens ein Verbot der Patentierung von Lebewesen forderte, nicht irgendein Chemiker: Sein wissenschaftlicher Ruhm gründete sich auf der Entdeckung der Basenkomplementarität (was für ein Gesetz auch immer sich hinter diesem Wort versteckt, es gilt als die Grundlage der DNA-Forschung). Seinen ebensogroßen literarischen Ruhm verdankte er übrigens seinen wissenschaftskritischen Essays und seiner Autobiographie "Das Feuer des Heraklit".

Auszüge aus diesem Buch hat Christian Brückner in seiner Hörbuchedition "parlando prosa" herausgebracht, gelesen vor noch nicht allzulanger Zeit vom Autor selbst, dem zu diesem Zeitpunkt schon 96-jährigen Wahl-New Yorker, in dessen Wohnung über dem Central Park. Es handelt sich bei der CD vielleicht um das letzte Tondokument Chargaffs und in jedem Fall um eine hörenswerte Meditation über Wissenschaft, Ethik und Kultur. Die vier Kapitel des Buches, die Chargaff da mit kultivierter, vokalreicher und beinahe altersloser Stimme vorträgt, stecken mit ebenso vielen Bereichen seines Forschens und Erlebens ein ungeheuer weitläufiges Terrain ab. In sich und der persönlichen Entwicklungsgeschichte ruhend (die er dann trotzdem mutig der Analyse freigibt), eröffnet er Ausblicke nach "anderswo" auf eine Art und Weise, die nie daran zweifeln läßt, daß man es mit tendenziell subjektiver Betrachtung zu tun hat, wie wohldurchdacht sie auch sei. Chargaff war ein zutiefst moralischer Mensch. Doch was ihn von der Mehrzahl der "moralischen" Kritiker des modernen Wissenschaftsverständnisses unterscheidet, ist die bewußt vorgetragene Begründung seiner moralischen Positionen im Persönlichen, sozusagen ihre "Gemachtheit" im wohltuenden Gegensatz zum allzuoft gehörten Verweis auf "Dekadenz" und dergleichen. Worin das Herzstück dieses seines weltanschaulichen "Claims" besteht, darüber klärt den Hörer - beinahe rührend - Chargaffs Umgang mit dem Medium Tonträger auf: "Ich lese einige Kapitel aus meiner Selbstbiographie 'Das Feuer des Heraklit'. Titel des Kapitels: 'weißes Blut, roter Schnee'." Wer solche Einleitungen gebraucht, und wer darüber hinaus auch noch den Namen "Heraklit" richtig ausspricht, der hat sein Weltverständnis von einem Punkt aus ausgedehnt, an dem die allgemeine Verfügbarkeit von Literatur bzw. Tonträgern noch nicht so selbverständlich war: Dementsprechend ernsthaft gestaltet sich der Umgang mit ihnen - als könnten sie "etwas bewirken", als sei es eine selbstverständliche Notwendigkeit, den Kontext einer Information klar zu definieren und ihr beizugeben.

Chargaff denkt da also über die Kern- und die Zellspaltung nach, über ihre weltweiten Auswirkungen und über die auf das Dasein des Forschers und Menschen ("Weißes Blut, roter Schnee"), spricht über seine Eltern, seine Kindheit in einem - dann doch ein wenig verklärt erscheinenden - k.u.k.-Österreich und die Umstände seiner Flucht und der Ermordung seiner Mutter durch die Nazis ("Eine böse Nacht für ein kleines Kind"), führt ein ausführliches Gespräch mit der 'körperlosen Stimme', die nicht ganz sein Gewissen ist ("Liber scriptus proferetur"), und schließt - spitz, knapp, dennoch stilistisch dabei vielleicht nicht ganz auf der Höhe der anderen Texte - "Mit einer Träne für Johann Peter Hebel" ab. Beim oberflächlichen Hören dieser "Kapitel" zeichnet sich einem hauptsächlich das Bild eines altmodischen Gelehrten ab. Daß er in all seiner Altvaterhaftigkeit einen genauen Blick auch auf die Zeitvorgänge der Neunzigerjahre behalten hatte, daß erschließt sich nur dem, der gewillt ist, sich auf altmodische Vorstellungen auch einzulassen. Es ist, so scheinen CD und Booklet zum Unschlüssigen zu sprechen, gleichgültig, welcher Zeit und welchem Wertekodex jemand verbunden ist: Wenn man Werte ernst nimmt, nicht um ihrer selbst, sondern um ihrer Funktion willen, dann sprengen selbst die altväterischsten (hier hoch-burgeoisen) Werte das Bestehende.

Das Photo auf der Hülle weckt sofortige Sympathie, zeigt einen Menschen, dem man Erzählenkönnen zutraut. Das (wie von der edition "parlando" gewohnt) gediegene Booklet macht seinen Job und dem Betrachter Lust auf den Konsum des Produktes, auch wenn es unterschwellig einen zu wissenschaftslastigen Schwerpunkt verspricht, den die CD nicht ganz einlöst. Was man statt dessen bekommt, scheint mir besser und hörenswerter: Es ist keine Rede von Chargaffs langen Briefen an seine Kollegen, von den unzähligen Forschungsergebnissen seiner wissenschaftlichen Laufbahn, statt dessen bekommt man es mit einem über neunzig Jahre alten, freundlichen, ein wenig verbitterten und doch humorvollen Menschen zu tun, der eine Gelegenheit zu kultivierter Selbstdarstellung nutzt. In Anbetracht der Nachrufe in den Feuilletons und der zu erwartenden Gedenkeditionen seiner Texte kann sich wohl jeder, der durch den Blick auf den Menschen Chargaff dazu gereizt wurde, intensiv genug mit dem Literaten und Naturwissenschaftler Chargaff befassen, ein Umstand, der dennoch kaum Trost dafür bietet, daß der Welt ein solch wortgewaltiger Kritiker des Mainstream genommen wurde.

Noch ein Wort zu den beiden Musikstücken auf der CD (zwei der Bach'schen Goldberg-Variationen): Sie sind fehl am Platz. Sie hängen in der Luft. Sie tragen nichts zur Atmosphäre bei, erfüllen nur die Funktion eines aufgezwungenen Innehaltens, eines "Freeze" mitten in der Arbeit des Hörens. Es darf angenommen werden, daß, wer eine Pause braucht, in der Lage und mündig genug ist, auch auf "Pause" zu drücken. Diese Annahme ist sicherlich eher im Geiste des verstorbenen Meisters als die, der Redakteur habe dafür zu sorgen, daß niemand sich überfordert fühlt.

Originalbeitrag

Stefan Schmitzer
4. Juli 2002

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