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Ödön von Horváth, Rainer Maria Rilke; u.a.: 90 Minuten. Literarische Fußballgeschichten in Echtspielzeit

Spielzeit: 90 Min. Nachspielzeit
ISBN 978-3-8218-5436-6
Frankfurt/Main: Eichborn Lido, 2008

Natürlich soll der Verkauf des neuen Fußballhörbuchs "90 Minuten. Literarische Fußballgeschichten in Echtspielzeit" aus dem Hause Eichborn Lido, des zweiten nach Dichter am Ball. 50 Fußballgedichte , von der anstehenden Europameisterschaft in Österreich und der Schweiz profitieren. Dennoch handelt es sich nicht um eines der vielen gedankenlosen und schlecht gemachten mit Fußball in Zusammenhang stehenden Produkte, die vor der Euro auf den Markt geworfen werden. Das von Astrid Göpfrich umsichtig konzipierte Hörbuch versammelt einige den Fußball auf intelligente und witzige Weise in seinen sozio-politischen Komponenten darstellende literarische Arbeiten und beweist, dass dieser Sport nicht unbedingt der bewegten Bilder bedarf. Aus dieser letzteren Perspektive erinnert "90 Minuten" auch an das längst vom Fernsehen verdrängte "Fußball-Hören", dessen Höhepunkte wie das WM-Finale 1954 in Bern oder auch Edi Fingers berühmtes "I wer narrisch" wichtige Bestandteile des kollektiven (Fußball-)Gedächtnisses wurden und nicht wenig zu der dem Fußball zugeschriebenen Funktion bei der Bildung nationaler Identitäten beigetragen haben.

Recht originell ist die Aufmachung von "90 Minuten": Zwei CDs zu jeweils 45 Minuten entsprechen den Halbzeiten, dazu kommen etwas mehr als drei Minuten "Nachspielzeit" in der zweiten Hälfte. Etwas unangenehmes Nebenprodukt des "Echtspielzeit"-Formats dürften allerdings die über beide "Spielhälften" verstreuten Kapitel mit Fußballer-Zitaten sein, die als variable Elemente wohl vor allem der Einhaltung der Zeitvorgabe dienen sollten. Die teils mehr, teils weniger erheiternden Aussprüche von bekannten Fußballern sind jedenfalls in der Mehrzahl aus gängigen Fußballzeitschriften, Internetforen usw. längst bekannt, auch wäre es erheblich origineller gewesen, die Fußballer im O-Ton zu hören als in der Interpretation von Schauspielern.

Erfreulicher sind da schon die "literarischen Fußballgeschichten" von Karl Valentin und Joachim Ringelnatz. Valentins Text "Fußball-Länderkampf" wird von Günther Kaufmann im mitreißenden Stakkato eines Radioreporters gelesen und handelt von einem in Bezug auf Fußball ahnungslosen Mann, der beschließt, zu einem "Fußball-Rennen" zu gehen, das sich dann doch mehr als "Fußball-Kampf" zwischen "Fußballisten" herausstellt. In "Fußball (nebst Abart und Ausartung)" porträtiert Joachim Ringelnatz auf amüsante und sprachlich gewitzte Weise einen Amateurspieler, der mit seinen Übungen am Ball für Chaos in der Nachbarschaft sorgt, mit immer größeren Bällen zu spielen beginnt und schließlich ein Luftschiff besteigt, um sich an der Erdkugel selbst zu versuchen. Die Abschlusszeilen des von Mareike Carrière gelesenen Gedichtes können auch auf einen größeren politischen Zusammenhang hin interpretiert werden: "Ich warne euch ihr Brüder Jahns/Vor dem Gebrauch des Fußballwahns!" Nicht zu den besten Arbeiten Ödön von Horvaths zählt das etwas pathetische "Sportmärchen" "Legende vom Fußballplatz", dessen Hauptfigur, ein kleiner Junge, nach dem Besuch eines Fußballspieles verstirbt, aber auch im Himmel nicht vom Fußball loskommt. Rainer Maria Rilkes 1907 verfasstes Gedicht "Der Ball" ist zwar großartig, verweist aber in keiner Zeile darauf, dass es sich bei dem allegorischen Ballspiel um Fußball handelt.

Authentisches Fußballgefühl, für das als Meßlatte immer noch Nick Hornbys "Fever Pitch" gelten muss, können und wollen die älteren literarischen Texte von "90 Minuten" nicht vermitteln. Das gelingt wiederum zwei jüngeren Autoren, nämlich Karen Duve und Frank Goosen. Bei Duves Beitrag handelt es sich um einen Ausschnitt aus dem Roman "Das ist kein Liebeslied". Die stark übergewichtige, aus Deutschland kommende Ich-Erzählerin - mit der passenden Mischung aus Ernst und Ironie gesprochen von Daniela Zigler - sieht in einem englischen Pub das Semifinale der Europameisterschaft 1996 zwischen dem Gastgeber England und Deutschland. Die am Anfang des Textes stehende Erinnerung an das Endspiel der Weltmeisterschaft 1990 gibt den Ton vor: Mit wenigen Sätzen zeichnet die Autorin ein Charakterbild der drei Männer, mit denen sie das Spiel verfolgt und von deren Verhalten sich auch Schlüsse auf die Verfasstheit des deutschen Nationalbewusstseins ziehen lassen: ein politisch korrekter Lehrer, der für Argentinien und gegen Deutschland ist, ein sachlich patriotischer Journalist ("Jeder Guatemalteke ist für Guatemala") und ein den Lehrer mit "Deswegen werden sie dir Auschwitz auch nicht verzeihen" kommentierender Taxifahrer. Höhepunkt des Textes ist die Schilderung des Elfmeterschießens, das wie alle vorangegangenen von den Engländern (Southgate!) verloren und von den Deutschen (Möller!) gewonnen wird. Nach dem Spiel verlässt die Ich-Erzählerin unaufällig das Pub: "Fett und deutsch, das wäre jetzt vielleicht ein bisschen viel."

In Frank Goosens vom Autor selbst gelesenem Ausschnitt aus "Der freie Raum" ist das als "Schande von Gijon" in die Fußballgeschichte eingegangene Spiel von Österreich gegen Deutschland bei der Weltmeisterschaft 1982 (Endstand 0:1) Anlass für eine Party von Pubertierenden. Die Vorfreude auf das Spiel ("'Der Ösi kriegt morgen auf den Arsch!', rief Mücke.") ist in Anbetracht der Flirtgelegenheiten zwischen den Jugendlichen bald vergessen: "Weswegen waren wir hier?" Doch die Konzentration auf das jeweils andere Geschlecht wird jäh unterbrochen, als plötzlich auffällt, dass das Spiel mit dem frühen Tor von Hrubesch (11. Minute) und der bei diesem Spielstand erfolgten Qualifikation beider Mannschaften für die nächste Runde auch schon wieder beendet ist: "Jetzt guck dir die Scheiße an." Goosens Text beschreibt, wie ein Spiel paradoxerweise erst in dem Moment an Aufmerksamkeit gewinnt, in dem es aufhört, ein Spiel zu sein. Mit dem Interesse der Fußballer am Spiel verlieren auch die Jugendlichen das Interesse aneinander: "Weswegen waren wir hier?"

Von den enervierenden Fußballer-Zitaten abgesehen, handelt es sich bei "90 Minuten" um eine gut konzipierte Mischung aus kabarettistischen und literarischen Arbeiten. Das Hörbuch vermag zu unterhalten, regt aber auch immer wieder zum Nachdenken an, zum Beispiel in Uta-Maria Heims gegen patriarchalische Gesellschaftsstrukturen gerichtetem "Ein Mann, ein Schuss, ein Tor". Nicht zu vernachlässigen ist übrigens auch, wie in jedem Spiel, die "Nachspielzeit": Der von Ror Wolf aufgezeichnete köstliche Dialog zwischen einem Fernsehmoderator und einem Fußballkorrespondenten, der telefonisch von einem Spiel der deutschen Mannschaft auf Zypern im Jahre 1968 berichten soll, wird von Leitungsstörungen beeinträchtigt und gipfelt in folgender Frage und Antwort: "Das Spiel, wie ist das Resultat?" "Ich glaube ja."

Lind Gerald
28. Februar 2008

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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