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Daniel Kehlmann: Die Vermessung der Welt

Ulrich Matthes liest die Hörbuchfassung des Autors
5 CDs
Spieldauer: 5 St. 44 Min.
ISBN 382911540-7
Berlin: Deutsche Grammophon, 2005

Der Schauspieler Ulrich Matthes liest die Hörbuchfassung von Daniel Kehlmanns Roman über zwei große Männer der deutschen Geistesgeschichte, den Entdecker, Geologen und Geographen Alexander von Humboldt und den Mathematiker und Astronomen Friedrich Gauß.

In einander abwechselnden Kapiteln kontrastiert der Autor die Lebensgeschichte der beiden unterschiedlichen Protagonisten. Während der junge Gauß an der Dummheit und Ignoranz seiner Umwelt leidet, wird für Humboldts Erziehungsplan Goethe zu Rate gezogen. Während Humboldt Südamerika bereist und mit schier unermüdlichem Forschungsdrang Höhlen, Berge und Flüsse besteigt, untersucht und vermisst, begründet der Theoretiker Gauß in Göttingen die moderne Algebra und bringt seine Theorie über die Bewegung der Himmelskörper heraus. Und während der adelige Humboldt als Kammerherr fürs "Essen und Plaudern bezahlt" wird, muss sich der aus ärmlichen Verhältnissen stammende Gauß als Landvermesser verdingen um für seinen Lebensunterhalt aufzukommen. Verknüpfungspunkt der Geschichten ist die fiktive Begegnung von Gauß und Humboldt in Berlin, die zugleich Auftakt als auch Ausklang des Romans bildet.

Kontrovers war die Reaktion auf den 2005 erschienenen (bereits fünften) Roman des in Wien lebenden Jungautors. Gefeiert wurde Kehlmanns Erzählkunst, vorgeworfen hat man ihm den Humor und die Banalität, die er in die Lebensgeschichte der großen Genies bringt und somit die Wirklichkeit und wissenschaftliche Leistung überdecken würde. Wird sich nach der Lektüre des Buches das Lachen über die menschlichen Schwächen, oder das Interesse an den historischen Entdeckungen und Erfindungen im Gedächtnis der LeserInnen festsetzen?, fragte sich die Kritik. Einfacher ist es, die Qualität des Textes in der Hörbuchfassung zu beurteilen, denn hier tritt die erzählerische Leistung des Autors in den Vordergrund. Kehlmann, der die Hörbuchversion seines Romans selbst verfaßt hat, gelingt es auch, seine ZuhörerInnen zu fesseln.

Das beiliegende Booklet gibt kurze, prägnante Informationen zu den historischen Daten, Entdeckungen und Erfindungen und regt an, sich mit Leben und Werk Humboldts und Gauß' eingehender zu beschäftigen. Hier wird auch die Leistung der beiden gewürdigt, etwa durch ein Zitat des Freiheitskämpfers Simon Bolivar: "Alexander von Humboldt hat Amerika mehr Wohltaten erwiesen als alle seine Eroberer, er ist der wahre Entdecker Amerikas."

Ulrich Matthes verleiht dem (bei Kehlmann) misanthropischen, zynischen Gauß eine brummende, bodenständige Stimme, während Humboldts Naivität, das Ringen um Haltung selbst in schwierigsten Situationen und seine steife, preußische Humorlosigkeit sich auch in einer etwas gekünstelten, manierierten Tonlage ausdrückt. Stimmen und Stimmlage variiert er jeweils leicht, ohne dabei in übertriebene Akzentuierung zu verfallen. Trotz aller Unzulänglichkeiten und zum Teil auch unsympathischen Eigenschaften, welche Kehlmanns Text den beiden Wissenschaftlern zuschreibt, schafft es Mattes' Interpretation, dass die beiden Herren den HörerInnen im Laufe von fast 6 Stunden zu lieb gewonnenen alten Bekannten werden.

Problematisch wird der Text, wo er über sexuelle Vorlieben oder sehr persönliche Momente wie Humboldts Erleichterung über den Tod der Mutter berichtet. Hier stellt sich die Frage, wie weit Kehlmann mit seiner Recherche gegangen ist und wie Humboldt oder Gauß auf eine derartige Darstellung reagiert hätten. An diesen Stellen wirkt der Grat zwischen Dichtung und Wahrheit, auf dem der Autor bewusst balanciert, besonders schmal und abschüssig.

Kehlmanns Humor, der den Romantext prägt, drückt sich etwa in Humboldts Streitigkeiten mit dem lebenslustigen Reisegefährten und Botaniker Bonpland aus, der ständig unter der Unflexibilität, dem Starrsinn und der Besserwisserei des Deutschen leidet.
Witzig ist auch die Begegnung von Gauß und Humboldt mit dem korrupten Gendarmeriebeamten Vogt, den Gauß in einem cholerischen Anfall als "Stinkmolch", "Kotkerl" und "Lippenbären" beschimpft. In beiden Fällen wird durch Humboldts gestelzte, formelle Art und die gaußsche Ungehobeltheit, Arroganz und derbe Wortwahl, die Matthes wunderbar stimmlich unterstützt, Humor erzeugt.

Was den Gesamteindruck der "Vermessung der Welt" ausmacht, ist Kehlmanns genaue und gut recherchierte Beschreibung der Forschungen, verbunden mit einer durchaus glaubhaften und plastischen Charakterstudie.
Selbst Nebenpersonen wie Gauß' "missratener" Sohn Eugen, Humboldts älterer Bruder Wilhelm, oder der Biologe und Arzt Bonpland, mit dem Humboldt eine Art Hass-Liebe verbindet, werden durch Kehlmanns Erzählweise zu eigenständigen, in ihrem Denken und Handeln nachvollziehbare Charaktere.
Dass Kehlmann seine Helden auf den Boden holt und bewusst auf jegliche Objektivität verzichtet, mutet im gegenwärtigen Wiederaufflackern von Geniekult und Ikonenbildung durchaus erfrischend an.

Das Ende des Romans ist zugleich ein schwermütiges wie auch versöhnliches. Die persönliche und wissenschaftliche Annäherung der beiden Protagonisten wird vom Bewusstsein der Vergänglichkeit überschattet. Während Gauß' und Humboldt sich noch einmal aufraffen und ihre Alterswerke vollenden, bricht der verbannte "Revolutionär" Eugen nach Amerika auf.

Langweilig wird das Hörbuch trotz seiner Länge nicht. Auf mehrere "Portionen" verteilt, ergibt sich ein kurzweiliger Hörspaß. Die Kapitelgliederung, der abwechslungsreiche Aufbau, die gekonnte Verbindung der beiden Lebensgeschichten und die Kontrastierung zweier sehr unterschiedlicher Lebens- und Forschungshaltungen machen Kehlmanns erfolgreichen Roman zu einem empfehlenswerten Hörbuch. Ulrich Matthes gelingt ein unspektakulärer, subtiler, aber gerade deshalb höchst spannender und unterhaltsamer Vortrag.

 

Astrid Reupichler
22. Februar 2006

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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