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Franz Kafka: Die Verwandlung

Gelesen von Bernhard Minetti
1 CD
Spielzeit: ca. 79 Min
Produktion: Radio Bremen 1961
ISBN 3-89940-644-3
Hamburg: Der Hörverlag, 2005

Harold Bloom hat einige Jahre vor Reich Ranicki mit "The Western Canon" versucht, die Frage zu beantworten, welche Bücher man/frau gelesen haben sollte und damit die Diskussion um den literarischen Kanon mit in Gang gesetzt. Seine vollständige Liste enthält 3000 Werke von über 850 Autoren. Das bedeutete ungefähr 10 Jahre ununterbrochenes Lesen einschließlich Verzicht auf Freunde, Arbeit, Lebenspartner und die meisten Mahlzeiten.
Die Mehrzahl von uns ist da offensichtlich überfordert, so gibt es eine auf 26 Autoren verkürzte Liste. Sie enthält die unbedingt zu lesenden Werke, darunter drei deutschsprachige Autoren: Goethe, Kafka, Freud. Abgesehen vom Wert oder Unwert des Bloomschen oder ähnlicher Unterfangen, zeigt sich in ihnen, dass 70 Jahre nach seinem frühen Tod Franz Kafka eine Wertschätzung genießt, die ihn von den meisten Schriftstellerkolleginnen und Kollegen erheblich absetzt.

So sind auch die meisten von uns in der Schule mit der von Bernhard Minetti in einer gekürzten Fassung für Radio Bremen gelesenen Erzählung "Die Verwandlung" konfrontiert worden. Literatur in der Schule ist freilich zumindest laut Günter Grass "eigentlich immer ein Alptraum gewesen. [...] Es herrscht vor die Interpretationssucht." Manchen wurden so gerade die anspruchsvollsten Texte zeitlebens fremd und ungenießbar. Vielleicht lohnt sich gerade in solchen Fällen eine erneute Annäherung über das neue Medium Hörbuch. Die gut vierzig Jahre alte Produktion von Radio Bremen ist noch ein Hörbuch im ursprünglichen Wortsinn. Da wird die Erzählung nicht auf verschiedene Sprecher aufgeteilt, nicht mit Musik Stimmung erzeugt. Es genügt Kafkas zeitloser Text und die markante Stimme des großen Bernhard Minetti. Allein wie er den Namen der Hauptfigur "Gregor" ausspricht, bleibt in Erinnerung. Darin liegt alles Fremde und Geheimnisvolle der merkwürdigen Metamorphose. Minetti lacht nicht wie angeblich Kafka bei seinen Lesungen über das Skurille der Situation, sein Vortrag ist ernst, schafft aber jene Distanz, die uns Zuhörerinnen und Zuhörern jene Freiheit gibt, die wir in der Schule mitunter vermissen mussten.

In Peter Henischs "Vom Wunsch Indianer zu werden" wird auf dem Dampfer nach Amerika Franz Kafka in einem kurzen Dialog charakterisiert:
"Ich komme, sagte er so leise, daß er vorerst gar nicht verstanden wurde, aus Prag.
Woher?
Aus Prag.
Wie schön! Das goldene Prag!
Frau Burton, ganz Wohlwollen, betrachtete den jungen Mann von rechts oben. Gut, daß sie ihn nicht von vorne betrachtete, seine Ohren wirkten aus dieser Perspektive nicht sehr vorteilhaft. Von links unten gesehen sah ihr Gesicht allerdings auch nicht gerade perfekt aus.
Zu dick. Der junge Mann hingegen, wie er da lag, mußte sich genieren, weil er zu dünn war. Die Beine vor allem: So etwas Dünnes, Langes! Wie er befürchtet hatte, ragten sie weit über das Fußende des Bettes hinaus. Trotzdem sagte er: Mein Prag ist nicht golden, sondern grau."
Es mag sein, dass die Perspektive, die durch die Textkürzungen hergestellt wird, die Umstände dieser bekanntesten Kafka-Arbeit etwas zu golden und zu wenig grau erscheinen lässt. Ich denke aber, dass es Minetti gelingt, einen dazu zu verführen, das Buch wieder einmal zur Hand zu nehmen.

Gegen Ende von Milan Kunderas Kurzroman "Die Identität" fragt sich der Ich-Erzähler: "Wer hat geträumt? Wer hat diese Geschichte geträumt? Wer hat sie sich ausgedacht?" Das sind Fragen, die gerade Kafkas Text unwillkürlich lostritt. Gregor Samsa findet sich eines Morgens "aus unruhigen Träumen" erwacht in seinem Bett "zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt". Er ist mit einer Identitätskrise konfrontiert: Ist er ein Mensch oder ein Insekt? Kann der grässliche Käfer derselbe sein, der als Gregor Samsa zu Bett ging? Damit ist der Fragenkomplex "Identität" angesprochen, der in Zeiten, in denen "Die Kunst der Selbstdarstellung" (Kunstforum, H 181) floriert, nicht aktueller sein könnte. Das vorliegende Hörbuch kann dazu eine treffliche Einführung geben.

Wir erhalten kein Booklet, das den Namen verdient. Vielleicht ist das aber bei der unübersichtlichen Kafka-Sekundärliteratur ganz gut. Wir deuten ihn uns einfach selber.

 

Helmut Sturm
25. Juli 2006

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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