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Radek Knapp: Gebrauchsanweisung für Polen

Es liest: Marietta Slomka
2 CDs
Spielzeit: 2 Std. 38 Min.
ISBN 3-936186-87-1
Bochum: tacheles!/Roof Music, 2005

Es gibt nichts Schwierigeres, als über die eigene Heimat zu schreiben. Meist ist man einfach zu nah an den Ereignissen. Für eine treffende und pointierte Beschreibung benötigt man ein gewisses Maß an Distanz, einen Blick, der von außen an längst Vertrautes herantritt und es neu sortiert, bewertet, beschreibt. Insofern ist der in Wien lebende, in Polen geborene Schriftsteller Radek Knapp so etwas wie eine Idealbesetzung für die vom Piper-Verlag initiierte Reihe "Gebrauchsanweisung". Anders als bei klassischen Reiseführeren geht es ihm weniger ums Praktische, dafür mehr ums Mentale, weniger um für Reisen brauchbare Fakten, mehr um Stimmungen und Hintergründe, weniger um Touristisches, mehr um Alltägliches. Knapp, Jahrgang 1964, hat den Kommunismus noch miterlebt, und er kennt den Kapitalismus (als er zwölf war, ist seine Familie ausgewandert). All das ist perfekt für seine Vorher/Nachher-Schnappschüsse über Polen: Zur Zeit des Kommunismus gab es im Speisewagen "Essig, Mineralwasser und gelangweiltes Personal", heute hingegen unterscheidet sich der polnische Speisewagen vom italienischen "bestenfalls durch die Vorhänge - sie sind nicht aus Seide".

Radek Knapp hat noch einen Vorzug: Er ist mittlerweile waschechter Wiener, und hat sich den Charme seiner neuen Heimat mehr als gekonnt angeeignet. Knapps Blick auf Polen ist genau und detailreich, gleichzeitig aber entwaffnend charmant und ironisch. Knapp liebt Anekdoten, die er erzählt und dann noch einmal dreht und wendig, neu beleuchtet und bewertet. Er schöpft aus dem Vollen seines satirischen Potentials, geht es um den Verkehr, den Wodka ("Die Liste der polnischen Trinksprüche ist so lang wie das Autobahnnetz in Deutschland") oder die Religion: "Jedes dritte Kind in Polen ist zudem der Meinung, dass die Jungfrau Maria eine äußerliche Ähnlichkeit mit seiner eigenen Mutter hat und folglich eine polnische Staatsbürgerin sein muss." Knapp scheut keinen schlechten Witz, kein Klischee - aber bloß, um unerwartet und originell mit ihm zu spielen, es mit dem Jetzt und Heute zu konfrontieren und es so zu hinterfragen, selbst, wenn dabei bloß ein neues Klischee herauskommt.

Knapp erklärt die Unterschiede zwischen dem beschaulichen Krakau und dem sich großstädtisch fühlenden Warschau, er reflektiert darüber "Wozu Wodka wirklich gut ist", erzählt "Die Legende vom versunkenen Ghettoblaster" oder macht sich über die Fremdenfreundlichkeit in Polen lustig, die sogar Einheimische animiert haben soll, sich einen ausländischen Akzent zuzulegen. Es sind kleine Alltagsgeschichten, die hier so eloquent erzählt werden. Die bei "tacheles!" erschienene Hör-CD besteht aus zwei Discs, gelesen von der TV-Moderatorin Marietta Slomka ("heute journal"). Die Geschichten aus dem 154 Seiten starken Bändchen werden auf dem Hörbuch vollständig und chronologisch erzählt. Slomka ist gebürtige Kölnerin, hat Polen sowohl beruflich und privat bereist und - das beiliegende Booklet erklärt es - ihr Nachname ist polnischer Herkunft und bedeutet: "kleiner Strohhalm". So richtig überzeugend ist diese Wahl nicht, sie lässt Knapps schelmisch-charmanten Tonfall eher nüchtern klingen. Slomka kann sich nicht so recht entscheiden, ob sie den Text reserviert wie eine TV-Moderatorin oder doch literarisch anlegen soll. Warum lässt man nicht einfach den Autor selbst lesen?

 

Karin Cerny
2. August 2006

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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