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Franz Kafka: Kafka erHören!

Gelesen von Mechthild Großmann, Mario Adorf und Dirk Bach
5 CDs, ca. 350 Min.
ISBN: 978-3-86604-853-9
EUR 19,95
Köln: Random House Audio 2008

"Kafka: erHören!" ist die aus Anlass von Kafkas 125. Geburtstag erfolgte Neuauflage eines 2002 erstmals erschienenen Hörbuchs zu einer von Mitarbeitern der Kafka-Forschungsstelle Wuppertal initiierten Lesetour mit dem Titel "Kafka: erLesen!", bei der bekannte Schauspieler Texte des Prager Autors an dazu in origineller Weise passenden Orten lasen - Dirk Bachs Lesung von "Ein Hungerkünstler" fand beispielsweise im Maggi-Kochstudio statt, Mario Adorf las "In der Strafkolonie" in der Justizvollzugsanstalt Preungesheim. Dem Hörbuch, für das die Texte im Studio neu eingelesen wurden, fehlt nun naturgemäß der sich aus dem Zusammenspiel von Ort und Textinhalt ergebende Eventcharakter dieser Lesetour. Erschwerend kommt auch hinzu, dass es sich bei den ausgewählten Texten großteils um äußerst bekannte Arbeiten Kafkas handelt. "Die Verwandlung", "In der Strafkolonie", "Ein Hungerkünstler" und "Josefine, die Sängerin oder Das Volk der Mäuse" gehören zum Kanon der deutschsprachigen Literatur und sind Pflichtlektüre in den meisten Gymnasien. Deshalb wird fast jede Hörerin und jeder Hörer mit einer bestimmten Leseerfahrung und Erwartungshaltung ausgestattet sein, an denen die Interpretationen von Mechthild Großmann, Mario Adorf und Dirk Bach gemessen werden könnten. Es wird zu überprüfen sein, auf welche Weise die drei Vortragenden mit dieser Bürde des kulturellen Gedächtnisses, wie man sagen könnte, umgehen.

"Die Verwandlung", also die berühmte Geschichte des Gregor Samsa, der eines Morgens als "ungeheure[s] Ungeziefer" erwacht, wird von Mechthild Großmann gelesen. Es geht in dieser Erzählung um das Alltägliche im Undenkbaren, um den Prozess einer Entfremdung von der Familie, um die Auflösung von Identität. Von Interesse ist weniger die Verwandlung selbst, sondern vielmehr das, was durch die Verwandlung über das Beziehungsgefüge einer Familie und die Isolation eines Einzelnen lesbar wird. Aber das Grauen - nicht über Gregor, sondern über das Verhalten der anderen das in der lakonischen Erzählweise Kafkas verborgen ist, schimmert bei Großmann nur selten durch. Im Booklet des Hörbuches wird die Schauspielerin mit dem Satz zitiert: "Ich denke, Kafka kann man nicht visualisieren, für mich wird es dann harmlos." Versteht man diesen Satz als Programm, so verwundert es, dass es doch immer wieder den Anschein hat, als ob Großmann genau das versuchen, also den Text auf eine Evokation von Bildern hin lesen würde. Zurück bleibt ein ambivalenter Eindruck: Vielleicht resultiert Großmanns seltsam unentschiedener Vortrag aus zu großem Respekt vor dem Text, vielleicht steckt dahinter aber auch eine äußerst subtile Angleichung des Vortrages an das Vorgetragene.

Mario Adorf schöpft bei seiner Lesung von "In der Strafkolonie" aus dem breiten Repertoire seiner schauspielerischen Möglichkeiten. Die szenische Komposition des Textes nützend investiert er vor allem in die langen Monologe des Offiziers, der auf technisch-sachliche und gleichzeitig besessene Weise dem Forschungsreisenden das Hinrichtungsprozedere und die Funktionsweise der Exekutionsmaschine erklärt, die tötet, indem sie den Urteilsspruch auf den Körper des Verurteilten schreibt. Adorf liest mit der Sicherheit eines Schauspielers, der um seine Präsenz weiß, seine Vortrag ist makellos, allerdings riskiert er auch wenig, macht das Naheliegende. Auszusetzen ist an dieser Form der Interpretation eigentlich nur, dass sie keine Überraschungen, dass sie nichts Neues zu bieten hat.

Der als Komödiant und Entertainer bekannte Dirk Bach liest vier der insgesamt sechs Texte von "Kafka: erHören!", nämlich "Erstes Leid", "Eine kleine Frau", "Ein Hungerkünstler" und "Josefine, die Sängerin oder Das Volk der Mäuse". "Erstes Leid" handelt von einem Trapezkünstler, der auf seinem Trapez wohnt und nur, wenn er zum Reisen gezwungen ist, herabsteigt. Das Unglück schleicht sich in das Leben des Trapezkünstlers ein, als dieser seine Einsamkeit erkennt und dem Impresario auf einer der Reisen plötzlich verzweifelt erklärt, er brauche ab nun zwei Trapeze, denn: "Nur diese eine Stange in den Händen - wie kann ich denn leben!" Bach liest in einem beinahe übermütigen Ton, in hohem Tempo, sodass es ihm problemlos gelingt, die wenigen langsam und akzentuiert gelesenen Sätze mit der gewünschten Bedeutung aufzuladen.

Bei der Erzählung "Eine kleine Frau", in der ein Ich-Erzähler über seinen täglichen, von außen unbemerkten Kampf der Blicke mit einer ihm unbekannten Frau räsoniert, wechselt Bach zwischen einer lauten, selbstbewussten und einer leisen, dringlichen Vortragsweise, um den zwischen Selbst- und imaginärer Fremdperspektive, Fremdheit und feindlicher Nähe, Gewissheit und Zweifel oszillierenden Gedankensprüngen des Ich-Erzählers zu folgen.
"Ein Hungerkünstler"wiederum wird von Bach vor allem auf das Ende des ehemals erfolgreichen Artisten, der sein Hungern zur Schau stellt, bis es niemand mehr sehen will, hin gelesen. Bach gestaltet jenen Moment, in dem sich die paradoxe Tragik eines Lebens enthüllt und der in den letzten Zügen liegende Hungerkünstler gesteht, nur deshalb gehungert zu haben, weil ihm nie eine Speise geschmeckt habe, mit eindringlicher Intensität.

Die letzte Erzählung des Hörbuches, "Josefine, die Sängerin oder Das Volk der Mäuse", kann als differenzierte Gesellschaftsanalyse anhand der Metapher des Mäusevolkes und seines Verhältnisses zu Josefine, seiner bemerkenswerten Sängerin, gedeutet werden. In Josefinens Gesang, der eigentlich ein Pfeifen ist, ist etwas "von der armen kurzen Kindheit [...], etwas von verlorenem, nie wieder aufzufindendem Glück, aber auch etwas vom tätigen heutigen Leben ist darin, von seiner kleinen, unbegreiflichen und dennoch bestehenden und nicht zu ertötenden Munterkeit." Dirk Bach macht es dem Hörer leicht, sich auf den Text einzulassen, nichts Widerständiges ist in seinem Vortrag, nicht kompliziert, sondern sehr einfach und vielleicht etwas zu glatt wirkt seine Lesung, die eben zu sehr (Vor-)Lesung und etwas zu wenig Interpretation ist.

Im Booklet von "Kafka: erHören!" wird der Autor zitiert, er "lese nämlich höllisch gerne vor". Auch wird auf "Sprachmelodie und Rhythmus" von Kafkas Sätzen hingewiesen und die besondere Eignung seiner Texte für das Vorlesen betont. Mit Blick auf das hier zur Diskussion stehende Hörbuch kann die Audibilität Kafkas allerdings weder bestätigt, noch verneint werden. Mechthild Großmann, Mario Adorf und Dirk Bach enttäuschen mit ihren Lesungen zwar im Großen und Ganzen nicht, ein völliges Einverständnis mit den Interpretationen mag sich beim Rezensenten aber ebensowenig einstellen. Der imperativische Titel "Kafka: erHören!" kann als Aufforderung zum Einstieg in Kafkas Werk verstanden werden und für diesen Zweck ist das Hörbuch sicher empfehlenswert. Für eine hörende Wiedererkundung der Bedeutungslabyrinthe dieses großartigen Autors, für die Eröffnung tatsächlich neuer Verstehens- und Zugangsweisen, wie sie der fortgeschrittene Kafka-Leser erwarten mag, ist dieses Hörbuch jedoch weniger geeignet.

 

Gerald Lind
12. Mai 2008

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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