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Franz Kafka: Der Prozess

Gesprochen von Katharina Thalbach
7 CDs
ISBN 978-3-8337-2121-2
Hamburg: GoyaLiT, 2008

Franz Kafka: Der Process
Gesprochen von Mathieu Carrière, Alexander Khuon, Anja Niederfahrenhorst
6 CDs
ISBN 978-3-491-91251-9
Düsseldorf: Patmos Verlag, 2007

"Jemand mußte Josef K. verleumdet haben, denn ohne daß er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet." So beginnt eines der bekanntesten Bücher der Weltliteratur, Kafkas "Prozess". Anklage, Gesetz, Gericht und Richter bleiben im Laufe der Handlung, die sich vom 30. bis zum Vorabend des 31. Geburtstags K.s erstreckt, ungreifbar und unbekannt und wirken dadurch unheimlich und angsteinflößend. Anfangs glaubt K., bei dem Verfahren gegen ihn handle es sich um einen Scherz oder ein Schauspiel, deshalb spielt er mit, doch er erkennt schnell, dass das Spiel bitterer Ernst ist. Er revoltiert, er wehrt sich, aber er tut es nicht mit Überzeugung. Schlussendlich beugt er sich dem sinnlosen, dem erniedrigenden Verfahren, weil - so die Meinung vieler Interpreten - er es ist, der die Anklage gegen sich selbst führt. "Wo war der Richter, den er nie gesehen hatte?" fragt sich K. kurz vor seinem Ende. Es ist eine nutzlose Frage, kurze Zeit später wird dem Verurteilten das Messer ins Herz gestoßen.

Franz Kafka verlobt sich im Frühjahr 1914 mit Felice Bauer, doch er zweifelt an seinem Vorhaben. Im Juli 1914 löst er im Hotel Askanischer Hof in Berlin, wo er sich mit Felice zu einer Aussprache trifft, die Verlobung. Das schmerzhafte Ereignis, der "Gerichtshof", gilt als Anlass zum Roman, den er zwei Wochen später niederzuschreiben beginnt. Doch Kafka, der gegen seine Gewohnheiten zuerst Anfangs- und Schlusskapitel schreibt und den Roman anschließend "füllt", tut sich schwer beim Schreiben. Im Januar 1915 gibt Kafka den seiner Meinung nach künstlerisch völlig misslungenen Roman auf, er bleibt Fragment, Max Brod veröffentlicht ihn 1925, ein Jahr nach Kafkas Tod.

Unglaublich, wie aktuell, wie überzeitlich Kafkas "Prozess", knapp hundert Jahre nach seiner Entstehung geblieben ist, wie viel er dem heutigen Menschen noch zu sagen weiß, ohne dass es lange Erklärungen bräuchte. Reiner Stach, der eben den zweiten Teil seiner monumentalen Kafka-Biografie, "Kafka. Die Jahre der Erkenntnis", veröffentlicht hat, erklärte dies in einem Interview so: "Ein Grund liegt meines Erachtens in dem Phänomen, dass niemand sich selbst genau kennen kann. Das hat was Unheimliches, weil man das Gefühl hat, da ist noch was im Hinterkopf, das ich nicht unter Kontrolle habe und nie sehen werde, genauso wenig wie man seinen eigenen Hinterkopf sehen kann. Das erzeugt in jedem Menschen eine leichte Nervosität. Diese subtile Angst hat Kafka in Worte gefasst. Die gibt es immer und interkulturell. Kafka funktioniert auch in Asien. Ein zweites Beispiel wäre natürlich die Angst vor einer Schicksalsmacht, die uns in der Hand hat, die wir aber nie sehen. Diese Angst hat er brillant auf den Punkt gebracht."

Den 125. Geburtstag von Franz Kafka am 3. Juli nutzten nicht wenige Verlage, um mit Prags bekanntestem Literaten Kasse zu machen. Auch im Hörbuchsektor blieb man nicht untätig. Die Deutsche Grammophon brachte gleich zwei Aufnahmen des "Prozess" auf den Markt: Eine ungekürzte Lesung des Burgtheater-Schauspielers Peter Matic und eine historische Aufnahme von Gustav Gründgens, der den Roman allerdings nur in Auszügen liest.

Patmos brachte 2007 ebenfalls eine Hörbuchversion des Romans heraus. Man entschied sich, den Text auf drei Sprecher aufzuteilen, nämlich auf Mathieu Carrière, Alexander Khuon und Anja Niederfahrenhorst. Obwohl die drei Schauspieler in Hörbuchproduktionen erfahren sind, vermag keine kafkaeske Stimmung aufkommen. Unmotiviert wirkt die Aufteilung des Gelesenen, unmotiviert wirken die Sprecher. Carrière liest ein wenig zu langatmig, Khuon zu frisch und zu aufgeregt, Niederfahrenhorst dagegen etwas zu brav. Eine rechte Harmonie zwischen den drei Stimmen entsteht nicht, deshalb fällt es schwer, produktiv in den Text einzutauchen. Ein Pluspunkt ist sicher das schön gestaltete Booklet, vor allem die nützlichen einführenden Worte des Kafka-Herausgebers Hans-Georg Koch.

Bei GoyaLiT erschien eine 7 CDs umfassende, ungekürzte Lesung des Romans. Katharina Thalbach liest den Text mit rauer, rauchiger Stimme, bedächtig und mit Nachdruck. Sie schafft es eindrücklich, die von Stach diagnostizierte "subtile Angst", die Kafkas Literatur ausmacht, darzustellen und versteht es, die im Text lauernde Unsicherheit und die Verstörung hörbar und damit nacherlebbar zu machen: Ein Glücksfall für Kafka-Freunde.

 

Peter Landerl
1. Oktober 2008

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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