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Franz Kafka: Der Prozeß

Es liest: Christian Brückner
7 CDs
Spielzeit: 516:26 Min.
ISBN 3-935125-15-1
parlando prosa.
Edition Christian Brückner 2002

Ginge man davon aus, daß zu Kafkas fragmentarisch gebliebenen Roman "Der Proceß" alles gesagt und verdaut worden ist, es wäre diese Hörbuchrezension eine ganz besonders kurze. Denn: Präzise, klar und routiniert, eben so, wie man es von ihm gewohnt ist, trägt Christian Brückner unter der Regie von Peter König besagten Roman vor und braucht dafür angesichts seiner gemessenen "Theaterstimme" 7 (!) CDs. Der eigentümliche Sog des Werkes, eben das, was "kafkaesk" genannt wird, bleibt dabei wider Erwarten unangetastet, schiebt sich so langsam und mit solcher Notwendigkeit durch die Fieberbilder des Romans, wie wir es vom Lese-Erlebnis her noch im Gedächtnis haben. Werktreue ist eine Kategorie dieser Produktion, "Handwerk" ganz ohne Zweifel eine weitere. Brückners Methode, Absätze leichter verdaulich zu machen, indem er sie jeweils in - durch Intonation markierte - Dreierschritte zerlegt, ist zwar spätestens nach der ersten CD durchschaubar geworden, erlaubt aber ein Mehr an Gliederung und damit auch ein Mehr an Konzentration auf Seiten des Hörers, ohne daß Brückner dafür vom eigentlichen Text Abstriche machen muß.

Zunächst zum Stil Kafkas, zum Begriff des "Kafkaesken": Seine Texte sind Prosa. Schmucklose, scheinbar geradlinige, jedenfalls aber sicher nicht überladene Prosa. Prosa, die der Syntax ebensoviel und ebenso bedeutsame Information aufbürdet wie den Adjektiva (mit anderen Worten, gute Prosa). Prosa, wie sie sich in den Novellen eines Storm, den Romanen eines Stendhal entwickelt hat: Prosa der epischen Form, gemacht, um gelesen zu werden, bestehend aus grammatischen Konstrukten, in abstractu ziseliert, um - im wörtlichen Sinne - vor Augen zu stehen. Wie dem geneigten Leser bereits aufgefallen sein wird, ist all dies nicht eine Beschreibung von Kafkas Prosa, sondern eine Aufzählung von Eigenschaften jenes Stils, den er - zeitbedingt, also zufällig - in die Hände bekam, um damit seine spezielle Sichtweise uns zu hinterlassen. Die wiederum zeigt sich in seiner Art und Weise, diesen seinen zeitbedingten Rahmen der Rhetoriken zu sprengen. Er ihm Inhalte aufbürdet, die nicht von dieser Welt, somit nicht von dieser Sprache sind, aber in ihr dennoch schilderbar.

Mit anderen Worten und kürzer: Das kafkaeske Element besteht in der "Normalität" der Figuren, durch deren Brille da erzählt wird, in ihrer Angepasstheit an jenes sprachliche Normsystem, als dessen höchstes Kunstprodukt die Romanform gilt. Die Wirklichkeit, so spricht der Geist des Kafkaesken, hat sich unserer sprachlichen Wirklichkeit NICHT angepasst, und der Preis, den wir zahlen, wenn wir diese ernst und als Fundament unseres Erlebens nehmen, ist, das jene uns zum Narren hält. Es ist das Kafkaeske somit aus einer Kunstform erwachsen, die direkte Lektüre fordert, abstrakte Rezeption mitsamt Vor- und Zurückblättern. Wenn wir die Geschichte hören, bei aller Kunstfertigkeit ihrer Prosa, wird uns ein wenig von der Unmittelbarkeit zurückgegeben, deren Verlust Kafka auf der Metaebene thematisiert.

Die Schrecknisse von Josef K.s Leidensweg sind uns ebenso ungreifbar wie zuvor, aber es besteht nicht mehr in dem selben Ausmaß wie im Buch eine Korrespondenz zwischen unseren Rezeptions- und seinen Reaktionsmustern, eben, weil wir zu hören gezwungen sind. Die Unmittelbarkeit der Tatsache, daß Schallwellen, einmal gehört, "weg" sind, ist ein Stückchen von jener Unmittelbarkeit, deren Verlust uns eine Kafka-Welt beschert hat: Eine Welt, die paranoid und in Abstraktionen befangen genug ist, um die Schrecken Kafkas überhaupt als solche wahrzunehmen.

Originalbeitrag

Stefan Schmitzer
24. Juli 2002

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