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Manfred Mai: Geschichte der deutschen Literatur

Sprecher: Matthias Fuchs, Hans Kremer, Ilona Schulz u.a.
4 CDs Spieldauer: ca 300 Min.
ISBN 3-935036-18-3
Hamburg: Hörcompany, 2001

Der Germanist und Historiker Manfred Mai, Jahrgang 1949, zählt seit langem zu den produktivsten deutschen Kinderbuchautoren. 1999 landete er mit seiner "Deutschen Geschichte" für Kinder ab 13 Jahren einen vollen Erfolg, da sich auch Erwachsene diesen salopp erzählten Geschichtsunterricht gern zu Gemüte führen. Hatte Mai nun einmal die Historie Deutschlands erarbeitet, war der nächste Schritt zur "Geschichte der deutschen Literatur" (2001) nur die logische Konsequenz.

Die vorliegende Fassung auf CD punktet mit einer anschaulichen Geschichtsdarstellung, die flüssig erzählt wird und sich leicht einprägt. Mais Literaturgeschichte, die sich als Einladung für Jugendliche und Erwachsene versteht, "die verschiedensten Werke unserer Sprache wieder oder neu zu entdecken", wird vom Hamburger Schauspieler Matthias Fuchs mit angenehm sonorer Stimme erzählt. Ergänzt wird der Text durch Zitate aus den besprochenen Werken (gelesen von Max Eipp, Hans Kremer, Ilona Schulz und Clemens von Ramin). Dabei ist die Bemühung der Schauspieler um zeitliche und lokale Authentizität eine willkommene Abwechslung während einer Hörzeit von insgesamt 5 Stunden. Die Lebhaftigkeit eines Martin Luther, wenn es um die Erfindung der deutschen Volkssprache geht ("Sendbrief vom Dolmetschen") wird ebenso spürbar wie die aufrührerische Kraft Büchners in seinem Aufruf "Friede den Hütten, Krieg den Palästen" oder auch die wienerische Dekadenz eines Schnitzlertextes ("Leutnant Gustl"). Die Professionalität der Vortragenden lässt einen dankbar den ehemaligen Deutschunterricht und die müden Stimmen der vorlesenden Mitschüler vergessen. Die Aufmerksamkeit bleibt gespannt und nur die begrenzte Aufnahmefähigkeit rät dazu, Pausen einzulegen.

Als ehemaliger Lehrer ist Manfred Mai nicht nur auf die Aufmerksamkeit seines Publikums sondern auch auf das pädagogisch Wertvolle bedacht. Seine Vorliebe gilt der sozialen, politischen oder moralischen Nützlichkeit eines Werkes und hinterlässt somit manchmal schmerzliche Lücken (Thomas Mann bleibt zum Vorteil seines Bruders Heinrich unzitiert). Andererseits hilft ihm diese konsequente Haltung, selbst in den ärgsten Wirren der Literaturvielfalt den roten Faden nicht zu verlieren. Die gezielte Verknappung und Hervorhebung bestimmter Leistungen zeichnet ein Bild des Hin-und Herwogens von Literaturströmungen, von denen eine als die logische Konsequenz der anderen erscheint. Eine gleichmäßige Behandlung von Prosa, Drama, Lyrik und literaturtheoretischer Werke wird dabei angestrebt. Geschichtliche Zusammenhänge, zeitgleiche Höhepunkte in Philosophie, bildender Kunst oder Musik, Verweise auf das kulturelle Schaffen im Ausland beschreiben prägnant und anschaulich die jeweilige Situation, in der Literatur entstanden ist. Nach Möglichkeit stellt er auch Bezüge zur Gegenwart her und überlädt die Geschichte vor allem nicht mit unnötigen Daten.

Mai beginnt seine Geschichtsschreibung bereits 50 v. Chr. mit dem Bericht des Römers Tacitus über das dunkelste Germanien und sein schriftloses Volk. Die erste CD gibt einen Überblick über 1000 Jahre literarischen Schaffens (Laufzeit: 78:00 Min.), die zweite widmet sich vorwiegend dem 19. Jahrhundert (Laufzeit: 76:52 Min.). Während der Autor die Meilensteine der fernen Vergangenheit bedächtig abschreitet, wird die Auswahl epochaler Anhaltspunkte im 20. Jahrhundert zunehmend diffiziler. Auf den letzten beiden CDs mit einer Gesamtlaufzeit von 147 Minuten bemüht er sich, der wachsenden Literaturproduktion gerecht zu werden. Bei der vorgegebenen zeitlichen Begrenzung ist die Liste der fehlenden AutorInnen naturgemäß lange, überhaupt dann, wenn sich die eigenen Vorlieben mit denen Mais nicht decken.

Aus österreichischer Sicht ist etwa die literarisch so dichte Zeit um 1900 kümmerlich vertreten. Mai zitiert Schnitzler, Rilke und Kafka und verliert kein Wort über Hugo von Hofmannsthal, Ödön von Horváth, Karl Kraus, Robert Musil, Georg Trakl, Joseph Roth, Stefan Zweig und all die anderen. Auch der Bedeutung von Frauen in der Literatur wird zu wenig Beachtung geschenkt. Mai würdigt zwar ausführlich die Leistungen von Anna Seghers und Christa Wolf im Zusammenhang mit der Behandlung der DDR als deutschen Sprachraum mit eigenen Literaturgesetzen. Dafür klafft ein absolutes Nichts zwischen dem Alibi-Zitat der "ersten Dichterin" Roswitha von Gandersheim (935 -1000) und der Vertreterin der Romantik Bettina von Arnim (1785 - 1859). "Weitgehend vergessen" sind die romantischen Frauen wie Mai behauptet nicht, hat man doch in neuerer Zeit Rahel Varnhagen oder Karoline von Günderode wiederentdeckt. Hier tut sich eher eine bedauerliche Schwäche in Mais sonst so engagierter Haltung auf. Ein kurzes Wort zur weiblichen Stille angesichts von Jahrhunderten männlicher Meisterleistungen wäre ebenso angebracht gewesen wie der Hinweis auf die Existenz feministischer Literatur. In Mais Literaturgeschichte finden sich nur 3 Autorinnen neben 42 Autoren mit Originalzitaten wieder: Annette von Droste-Hülshoff, Ingeborg Bachmann und Christa Wolf. Bachmann erhält dabei den Stempel der sensationellen Gedichteschreiberin, so als hätte sie niemals Prosa verfasst. Ungenannt bleiben: Marie von Ebner-Eschenbach, Ricarda Huch, Else Lasker-Schüler, Nelly Sachs, Irmgard Keun, Doris Lessing, Marlen Haushofer und alle anderen noch lebenden Schriftstellerinnen.

Das 20. Jahrhundert lässt Mai von der politischen Situation Deutschlands dominieren. Das geteilte Land findet im Westen mit Böll und Grass seine Stellvertreter, mit Anna Seghers und Christa Wolf im Osten. Vorläufiger Schlusspunkt der Literaturgeschichte ist demnach die deutsche Wiedervereinigung. Martin Walser, der sich von jeher mit der Spaltung des Landes nicht abfinden wollte, liefert hierzu das letzte Zitat (aus "Die Verteidigung der Kindheit"). Vieles ließe sich über die Gegenwart sagen, aber, so Manfred Mai: "was dann noch bleibt und was vergessen wird von unserer Gegenwartsliteratur, darüber entscheidet wie immer die Nachwelt".

Trotz mancher Mängel ist Mai eine Literaturgeschichte gelungen, die man nicht auf Unvollständigkeit oder Eigenwilligkeit festnageln sollte. Die Leistung des Autors besteht darin, Literatur für ein junges und interessiertes Publikum in möglichst einfacher Form in geschichtliche Zusammenhänge einzubetten und damit das Verständnis und den Genuss literarischer Werke zu erhöhen. Beeindruckend bleibt, was in zwei Jahrtausenden durch die Beschäftigung mit Sprache möglich geworden ist: eine Entwicklung von den ersten Runen zu den ersten Reimen, von der Emanzipation gegenüber dem Lateinischen zu einer deutschen Poetik, von der politischen Sprengkraft von Worten zu immer neuen künstlerischen Schöpfungen. Und für die Hörerschaft gelte das zitierte Kant-Wort: "Sapere aude!"

 

Beatrice Simonsen
28. Jänner 2004

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