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Claudia Bitter: Verloren gehen.

Erzählungen.
Wien: Klever Verlag, 2008.
168 S., brosch.; Eur 17,90.
ISBN 978-3-902665-00-3.

Link zur Leseprobe

"Verloren gehen" - die titelgebende der zwölf Geschichten ist eine der sogkräftigsten und im Erzeugen von Beklemmung prototypisch für Claudia Bitters gelungenen Erzählband. Nach einem kurzen Glücksmoment des Einander-verstehens beim vertraulichen Gespräch im Gasthaus verschwindet die Freundin der Erzählerin abrupt und stößt diese auf sich selbst, auf ihr ohnmächtiges Ich zurück. Sie, die ohne Familie und Freunde ist, verliert sich in anschwellende Wut, Unruhe, Sorge, schlussendlich Angst. Als sie dem Verbleib ihrer einzigen Vertrauensperson nachspürt, schlägt ihr aber nur Gleichgültigkeit entgegen.
Dieses Terrain – die alltägliche achselzuckende Zurückweisung – ist Thema des gesamten Bandes. Die 1965 in Oberösterreich geborene Autorin, die in Wien als Russisch-Übersetzerin und Bibliothekarin tätig ist, lässt ihre Geschichten mittels doppeldeutiger Symbole immer wieder kippen; in "Verloren gehen" ist es die Antenne einer Reisegruppenführerin, die die Protagonistin veranlasst, sich gesichtslos in die Gruppe einzureihen und dann auch einmal selbst führen zu wollen, und sei es im menschenleeren Wald, der sie mit ihrer gesuchten Freundin aufs Bizarrste wiedervereint.

Die meist kindlichen oder Kinder gebliebenen Figuren erleben in diesem Band kaum ein Happy-end, und wenn – wie in "Was du nicht siehst" –, so will es den mitfühlend gewordenen Leser nicht freuen. Ein Volksschüler und späterer Schlosserlehrling sieht Dinge, die es nicht wirklich gibt, er wird verspottet, zieht sich immer mehr zurück, die Pubertätsinteressen seiner Dorfkollegen kann er nicht teilen. Erst ein Schicksalsgenosse, der sogar eine Maschine für Unsichtbares baut, erschließt mit ihm die eigene Wirklichkeit. Die Umwelt reagiert auch hier auf die überspitzt gezeichnete Sensibilität mit missbilligendem Befremden oder schweigender Duldung statt mit respektvoller Auseinandersetzung.
Claudia Bitter hingegen konfrontiert sich und uns Leser eingehend mit diesen zartbesaiteten Außenseitern der ländlichen wie großstädtischen Provinz, die etwa nach einem Brandtrauma wassersüchtig werden ("Wasserkörper") oder für die Verhütungsmittelignoranz ihrer Eltern mit dem Namen "das Letzte" büßen. Der Nachwuchs behindere die Karriere und bereite nur lästige Sorgen, lamentiert hier ein selbstgerechter Elternteil über sein siebentes Kind, das weder schreit noch weint, sich gegenüber Sadismen auf unheimliche Weise unempfindlich zeigt und kaum redet: "Zu Hause wurde ohnehin nicht viel geredet, wo kommt man denn mit Reden schon hin, nicht weit." Sprachlos, aber feinsten Gehörs findet "das Letzte" in der Natur seinen – wenn auch endgültigen – Frieden.

Allein, ausgeschlossen und fremd bleiben auch die erwachsenen Figuren in diesen atemlosen, oft dem mündlichen Sprachtempo nachempfundenen Erzählungen. Spleens und harmlose Obsessionen werden ihnen ausgetrieben oder in der biopolitischen Verwertbarkeitsindustrie zurechtgetrimmt. Eine junge Namenlose, die bereits als Kind nichts lieber tut als häkeln, wird etwa als Jugendliche in die weit außerhalb der Stadt liegende, verheimlichte Fabrik gesteckt. Doch sind es buchstäblich "Zeitmaschen", an denen sich die junge Frau im Akkord abarbeiten muss, ehe sie trotz medikamentöser Wattierung und hierarchischer Verblendung die Sinnlosigkeit ihres Tuns erkennt.

In fast seitenlangen Sätzen steuert die Autorin, die zuletzt einen Gedichtband veröffentlichte und Ein-Wort-Collagen schuf, den unruhig gewordenen Leser auf eine Klimax zu, die das Frösteln lehrt. Die schwachen Heldinnen werden als humane Fundstücke abgestempelt und in Zellenverwahrung zur Versteigerung freigegeben, von einem Netzwerk entindividualisiert und gefügig neu konfiguriert.
Konsequenterweise besteht die unheimlichste der in diesem spannenden Erzählband versammelten Grenzwanderungen zwischen möglicher Realität und grotesker Fiktion aus einer einzigen, nebensatzreichen Satzschleife: "Ans Ufer gehen wollen", vom Herzen befreit.

 

Roland Steiner
7. Oktober 2008

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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