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Max Blaeulich: Stackler oder Die Maschinerie der Nacht.

Roman.
St. Pölten/Salzburg: Residenz, 2008.
335 S.; geb.; Euro 21,90.
ISBN 3-7017-1451-7.

Link zur Leseprobe

Die Trilogie ist vollständig: "Kilimandscharo zweimeteracht", "Gatterbauerzwei oder Europa überleben" und jetzt also "Stackler oder Die Maschinerie der Nacht". Ihr Autor, der Salzburger Schriftsteller und Maler Max Blaeulich, wird in einer Sendung des SWR2 im O-Ton zitiert:
"Der alpine Mensch ist ein großer Melancholiker. Und er hält sehr vieles in seiner Seele zurück. Und am Grund der Seele ruht sehr viel. Aber was, das möchte ich nicht alles wissen."
Das ist naturgemäß ironisch gemeint – was Blaeulich interessiert, ist der Grund der Melancholie, das, was der "alpine Mensch" in seiner Seele zurückhält. Von Thomas Bernhard wissen wir, dass dieser Menschentyp aus der Versuchstation des Weltuntergangs weiter verbreitet ist als vermutet.

Blaeulichs Erzählung setzt kurz vor dem Ersten Weltkrieg ein mit "Kilimandscharo zweimeteracht", einem Bericht über eine Uganda-Expedition, der europäische Anmaßung drastisch vor Augen führt. Bereits darin lernen wir den Mediziner Stackler kennen, der dem Wahn der Kraniometrie, der Vermessung der Körperteile, verfallen ist. Er ist überzeugt davon, dass seinen rassenphysiologischen Untersuchungen der Beine, der Oberkörper, der Schädel und der Genitalien die Zukunft gehört. Dieser Mann steht nun wieder im Zentrum von "Stackler oder die Maschinerie der Nacht".
Seit seiner Berufung als Professor an die Universität für Bodenkultur in Wien stellt er sich immer mit den gleichen Worten vor: "Gestatten, Professor Stackler, Physiologe." Worum es ihm geht, ist Macht. Er ist Mitglied einer Gruppe illegaler Nationalsozialisten und hat ein Verhältnis mit einer Dozentin, dem ehrgeizigen Fräulein März, das im Universitätsbetrieb Karriere machen möchte: "'Ja, die Rasse, die Rasse, Herr Professor.' Ihr erschien, dies wäre die Parole des Lebens." Dem Vakuum an Liebe zwischen den beiden – "Wissenschaft und Beischlaf waren zwei Dinge, die genau zu trennen waren" – folgt die Geburt einer behinderten Tochter und kaltblütige Menschenverachtung von Seiten des Vaters sowie ein aussichtsloser Kampf für das Leben von Seiten der Mutter.
Das Kind, Ingrid, wird im Euthanasieprogramm umgebracht, die Mutter begeht Suizid. Für Stackler ist das "März-Drama bedauerlich, aber nicht wesentlich." Offenbar ist ein Kennzeichen der mehrfach angesprochenen "Maschinerie der Nacht", das Bedürfnis nach Liebe und Menschlichkeit gar nicht erst aufkommen zu lassen. Stackler geht für seine Ideen und Machtbedürfnisse über Leichen, lässt sich nicht aufhalten und fordert "Neger aus Verdun zu Forschungszwecken nach Wien" an. LeserInnen der ersten Bände der Trilogie wissen, dass es dabei zu einem neuerlichen Zusammentreffen mit Gatterbauerzwei kommen muss. Dabei begegnen wir auch wieder der zwischen Sexualität und Theosophie hin und her gerissenen Markgräfin Pallavicini.

Max Blaeulich macht sich auf die Suche nach dem Herz dieser Seelenfinsternis und führt uns in den von Äffchen bewohnten Jungel von Stacklers Büro mit den Sammlungen an Menschenteilen und Vermessungsdaten, in kongolesische Diamantenminen, denen Gatterbauerzwei mit Hilfe eines französischen Juden entkommt, in die Labore der Humanmediziner, die ihren Opfern Benzin in die Venen spritzen, in den Salon der esoterischen Fetischistin Pallavicini, deren sexuelle Abart des Machtstrebens nicht weniger tötet, auf die Bühne eines gewissen Leissner, für den "das Theater der Führer zum Führer" ist. Dieser Leissner zeigt übrigens, welche Vorteile eine doppelte Lebensbuchführung hat. Als er erkennt, dass es mit dem Regime zuende geht, bereitet er sich geschickt auf eine Karriere unter neuen Umständen vor. Die Maschinerie der Nacht, "wer sollte diese gewaltige Maschinerie aufhalten"?

Max Blaeulichs Trilogie findet mit diesem Band ein dunkelschwarzes Ende. Er zeigt eine Welt, in der alles, was sie lebenswert macht, aus dem Lot geraten ist. Die Menschen darin sind ahnungslos. Eine aussterbende Welt, die sich nur aus Gewohnheit noch am Leben erhält. Ein schwarzer Spiegel. Wer noch Hoffnung hat und Mut, schaut hinein.

 

Helmut Sturm
12. November 2008

Originalbeitrag

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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