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François Villon: Das Große Testament

In der Übersetzung von Wolfgang Benndorf.
Eine Auswahl.
Sprecher: Michael Guttenbrunner
Aufgenommen am 6. Mai 2001 im Ensemble Theater am Petersplatz in Wien
In Zusammenarbeit mit dem Thomas Sessler Verlag, Wien
ISBN: 3-902123-37-0
Spielzeit: ca 64 Min.
Preiser Records 2001

Im Beiheft zur CD kann man lesen: "François Villon war ein großer Dichter und unseliger Mensch. Die Sünde und die Kunst haben Anteil an ihm. Frommer Glaube und frecher Spott, Liebe und Haß, Verzweiflung und Zorn haben in seiner Seele Verse entstehen lassen, die noch nach einem halben Jahrtausend mächtig ergreifen; aber im Leben war dieser größte Dichter, den Frankreich im Mittelalter hervorgebracht hat und der zugleich Frankreichs erster moderner Dichter war, ein Lump, Vagabund, Falschspieler, Einbrecher, Zuhälter und Totschläger." Diese Sätze stammen aus der gesprochenen Einleitung von Michael Guttenbrunner, dem Sprecher dieser CD. In der Einleitung erfahren wir, dass Wolfgang Benndorf als Erster das Große Testament zur Gänze in Vers und Reim übersetzt hat. "Die Arbeit am Großen Testament fiel in die politisch katastrophalen Dreißigerjahre des vorigen Jahrhunderts. Sie erschien 1937 bei Fritz Sussman in Wien, und war als jüdisches Erzeugnis das Jahr darauf außer Kurs." Inzwischen gibt es eine ganze Reihe von Übersetzungen und CDs von Villon auf dem literarischen Markt. Berühmt ist Klaus Kinskis inszenierte Lesung mit Strick um den Hals, nicht zu vergessen sei Qualtinger, Villon auf Wienerisch, übersetzt von (wie könnte es anders sein) H. C. Artmann.

Von wem man leider gar nichts erfahren kann im Beiheft, ist Michael Guttenbrunner, und das ist einigermaßen bedauerlich. Denn dies könnte den LeserInnen einen ziemlich spannenden kontextuellen Hintergrund erschließen.

Aber zuerst noch zu Villon: Geboren - vermutlich - im Jahre 1431 in Paris, vielleicht mit dem Namen François de Montcorbier. Eine geschlossene Biographie, wie es jene von dem expressionistischen Nachdichter seiner Balladen und Lieder Paul Zech suggeriert, ist nicht vorhanden. Belegt ist, dass Villon in ärmlichste Verhältnisse geboren wurde. Ein Priester, Guillaume de Villon, dessen Namen er später annimmt, zog ihn auf und förderte ihn. Auf diese Weise erhält er eine universitäre Ausbildung. Das ist spürbar in Villons Dichtung, spürbar sind jedoch auch die unvorstellbaren Brüche und Risse seiner Zeit. Deren Hintergrund bilden der Hundertjährige Krieg, Pestseuchen, Hungersnöte und Elend, Fanatismus und öffentliche Hinrichtungen. Ein Sprungbrett wohl für Villons abenteuerliches Vagabundenleben zwischen kriminellem Umfeld und vorübergehenden Aufenthalten am Hof. Zweimal zum Tode verurteilt, zweimal begnadigt, öfters aus Paris geflohen, in kleinere oder größere Verbrechen verwickelt, künden seine Lieder und Texte am Ende des Mittelalters erstmals - kritisch und attackierend, spöttisch und parodierend, verzweifelt und ernst - von eigenen Erfahrungen und allerpersönlichsten Erlebnissen. Das ist auch, was Villons Eigenart ausmacht: der Stoff und die Themen - und der unverwechselbare Ton. Gespeist von der Gaunersprache, in der einzelne Balladen ursprünglich abgefasst waren, wirkt diese Dichtung bis heute unglaublich kraftvoll und frisch. Das schmale Werk, das von Villon erhalten blieb, umfasst hauptsächlich die berühmten Testamente, das Kleine Testament (auch Lais) und das Große Testament. Etwa im Abstand von fünf Jahren entstanden. Lebensbilanzen: "Verdammt und zugenäht, für eine Freude hundert Schmerzen". Bei der Abfassung des Großen Testaments war Villon knapp über 30. Bestehend aus laufenden Strophen sowie eingestreuten Balladen, Rondeaus und anderen Liedformen, bildet es ein äußerst spannendes, flexibles Genre. In der Form greift Villon zwar auf eine Tradition zurück (die Troubadoure, Neidhart von Reuental, Oswald von Wolkenstein), benutzt sie aber virtuos für seine neuen Stoffe.
Möglicherweise ist Villon 1463 gestorben, seine Kunde bricht seither ab. Ob er also die erste Druckausgabe seiner Werke 1489 noch erlebt hatte, ist äußerst ungewiss. Bezeichnend bleibt es jedenfalls, dass dieses Werk zu den ersten Gutenberg-Ausgaben zählt. Am Ende des höfischen Mäzenatentums, zu Beginn einer völlig neu sich abzeichnenden Situation für den Künstler und die Kunst.

Michael Guttenbrunner nun, der die Auswahl von Strophen und Balladen aus dem Großen Testament (aufgenommen im Mai 2001) vorträgt, hat zugleich eine Neuherausgabe der Benndorfschen Übersetzung besorgt (erschienen im September 2001 im Löcker Verlag). Weil sie "die erste und schönste und frei von jedem Aufputz" ist, so Guttenbrunner. Eigentümlich vielleicht an dieser Übertragung klingt für heutige Ohren die Tatsache, dass auch die französischen Namen mit übersetzt werden. So ist hier vom Meister Hans Cotard (einem verstorbenen Kumpel Villons) die Rede, von Katharina von Vaucel (die dem "armen" Villon wohl arg mitgespielt hatte) und wie gehabt vom Franz Villon.
Darüber hinaus lässt sich an dieser Übertragung jedoch auch die Signatur der Zeit ablesen, aus der Perspektive einer zunehmend gefährdeten Minderheit im österreichischen Ständestaat. Etwa wenn die berühmte Ballade des langues ennuyeuses, die uns vertraut ist als "Die Ballade von den Lästerzungen" (Paul Zech) oder als "Ballade von den bösen Zungen" (K. L. Ammer), hier übersetzt ist als "Ballade von den Denunziantenzungen". Böse Zungen und Lästerzungen, das klingt harmlos angesichts der Denunzierungen, die in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts stattgefunden hatten. Oder wo es in der Übersetzung von K. L. Ammer (1907) heißen kann: "in Alteweiberkot und Judenpisse", "sollen / die bösen Zungen der Verleumder kohlen", lautet es bei Benndorf - entgegen der Villonschen Vorlage: in einem Brei "aus Menschkot und Hundepisse" "soll man die Zungen der Verleumder braten". Benndorf (1901-1959) war seinerzeit Bibliothekar in Graz, wurde nach dem Anschluss 1938 sofort entlassen, 1945 kehrt er zurück und wird Direktor der Universitätsbibliothek in Graz. Guttenbrunner leiht hiermit auch einem einstigen Förderer und Unterstützer seine Stimme. Die Stimme eines 82jährigen! Was man nicht hört, wenn man es nicht schon weiß.
Man muss sich auch Guttenbrunners Lebenshintergrund vor Augen führen: 1919 in Althofen, in Kärnten geboren als Sohn eines Rossknechts, wegen sozialdemokratischer Aktivitäten in den 30er Jahren von den Nazis ins Gefängnis geworfen, 1943 sogar zum Tode verurteilt, schließlich dennoch zu zwölf Jahren Zuchthaus "begnadigt"; und man muss seinen Quereinstieg ins literarische Leben mitdenken sowie seine Außenseiterrolle im österreichischen Literaturbetrieb - dann gewinnt diese Lesung des Großen Testaments von Villon, zugleich Bilanz eines 82jährigen, eine zusätzliche Dimension.

Originalbeitrag

Martin Reiterer
29. März 2002

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