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Billy Wilder: Herr Ober, bitte einen Tänzer!

Aus dem Leben eines Eintänzers
Interpret: Ulrich Tukur
Spielzeit: 43,28 Min.
ISBN 3-927574-36-8
Patmos Verlag 2000

Naheliegender wäre eine DVD mit einem seiner Filme. Doch unter der Regie von Karin Lorenz hat der bekannte Schauspieler und künstlerische Leiter der Hamburger Kammerspiele, Ulrich Tukur, eine Audio-CD über den großen Star der goldenen Ära Hollywoods produziert. Zugrunde liegen dem Hörbuch einige Artikel Wilders, die im Januar 1926 in der "B.Z. am Mittag" erschienen sind.

Samuel "Billy" (O-Ton Mutter) Wilder hatte schon in Wien neben dem Jus-Studium als Reporter gearbeitet. Als Zwanzigjähriger ging er 1926 mit dem Jazzband-Leader Paul Whiteman nach Berlin. Ohne feste Anstellung muss er wie viele andere feststellen "Es geht mir schlecht!" Bis ihn ein Bekannter dazu bringt, sein Kapital, einen Smoking und gute Manieren, einzusetzen und sich als Eintänzer zu bewerben. Er stellt sich einem Tanzleiter vor, der ihn mit "butterweicher Hand" begrüßt, und wird prompt in die Riege der Eintänzer des Hotels aufgenommen.

Hier lernt er die Schauspielerin Carola Neher und ihren Mann den Dichter Klabund kennen. Der interessiert sich für den jungen Kollegen, vermittelt ihn und seine Reportagen an die damals größte Zeitung Berlins. Die erste Nummer auf der CD ist zugleich die erste der in der B.Z. publizierten Beiträge: "Ich suche Stellung." Eingeleitet wird die Nummer auf der Disk durch ein Zitat aus einem Brief Klabunds an Billy Wilder, das gut die Art dieser Literatur charakterisiert: "Das Einzige, was uns heute an der Literatur noch interessiert, ist der Rohstoff aus dem sie gemacht wird: das Leben, die Wirklichkeit, die Realität."

Was immer die Texte tatsächlich vermitteln, es ist niemals langweilig. Viele Schnitte und musikalische Einlagen entwerfen ein anschauliches Bild aus der Welt der Eintänzer, die sich laut Wilder aus unterschiedlichsten Kreisen rekrutieren. Es tanzen unter der Aufsicht des Profis Herrn Isin ein Vertreter einer Papierfabrik, ein Sohn guter Leute und ein Spanier, der kein Wort Deutsch spricht. Er verständigt sich, da die anderen nur Deutsch sprechen, bis auf den Wiener Willy, "der auch diese Sprache nicht beherrscht", mit Handzeichen. Wilder nützt also auch hier schon das Talent mit einer Pointe sein aktuelles Publikum zu bedienen.

Ulrich Tukur hat eine sehr angenehme Stimme und liest die Texte eher behutsam, so dass deren Charme und manchmal auch feiner Humor gut herauskommt. Zwischendurch singt er einige Schlager aus der Zeit, vor allem von Willy Rosen, zu denen er sich auch selber am Piano begleitet. Wie schon angedeutet fügen sich diese Teile harmonisch zusammen und drängen keineswegs die Reportagen in den Hintergrund.

Paul Elbogen, Bekannter Billy Wilders aus Wiener Jugendtagen, fasst den Menschen Wilder in seinen Lebenserinnerungen so zusammen: "Unbegreifliches Gemenge aus diskrepanten, unzusammenhängenden Eigenschaften: gewichtsloser Spaßmacher, Zyniker und Lebensgenießer zugleich verläßlich, einmalig spezialbegabt, pflichtgetreu, 'Perfektionist', Millionär und fanatischer Antisnob, hilfsbereit, human." Diese CD hilft, das eine und andere dieser Attribute besser zu verstehen. Außerdem öffnet sie die Sicht auf das Frühstadium dieser erstaunlichen Karriere, die eine wahre "rags-to-riches-tale" darstellt.

Die Informationen im Booklet sind knapp, aber informativ.

Originalbeitrag

Helmut Sturm
3. September 2002

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