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Kirstin Breitenfellner: Falsche Fragen.

Roman.
Innsbruck-Bozen-Wien: Skarabaeus, 2006.
232 S.; geb.; Eur 19,90.
ISBN 978-3-7082-3210-2.

Link zur Leseprobe

Wie lebe ich gut und richtig? Was ist der Sinn? Oder auch, in kant'scher Manier: Was kann ich wissen, was soll ich tun, was darf ich hoffen, was ist der Mensch? Wer sich derartigen Fragen zugeneigt fühlt, wird mit diesem Buch einen guten Griff machen. Fragen nach dem Sinn des Lebens oder dem Sinn von Religion lassen Kirstin Breitenfellners Figuren einfach nicht los. Wie bereits ihr 2004 erschienener Debütroman "Der Liebhaberreflex", so kreist auch dieses Buch um die "großen", vielleicht aber auch einfach "falschen" Fragen.

Teresa und Maya versinnbildlichen den Antagonismus zwischen postmoderner Zufälligkeit bzw. Vielfältigkeit und strenger Religiosität. Sie kennen sich von Kindheit an. Früher jedoch war Maya die ausgeflippt Lustige, Tochter eines liberalen, weltoffenen Lehrers und Aussteiger-Möchtegerns, während Teresa die zurückhaltend Schüchterne des Gespanns und Tochter eines konservativen Lehrers war. In der Studienzeit tauschten sie die Rollen: Maya lernte Sower kennen, einen Anhänger des so genannten "Gipfelkults", wodurch für sie diese "Religion" zum Lebensinhalt und Sower zum Mann ihres Lebens wurde, dem sie an den Fuß des Himalaya folgte. Teresa hingegen mutierte zur aufgeschlossenen, aber immer wieder auch unzufriedenen und alles hinterfragenden Kreativdirektorin einer Werbeagentur, die sich Erfahrungen bei der Kosmetikerin oder im Fitnesscenter nicht entgehen lässt, während sie ihrer früheren Dostojewski-Lektüre nachtrauert oder mit ihrem Wochenendfreund Max essen geht.

Es ist kein Buch der Freundschaft, das uns Breitenfellner hier vorlegt, sondern ein Erinnerungsbuch an eine Mädchen- und Frauenfreundschaft, die nicht mehr lebbar ist. Nicht die Wäscheberge, die Kindererziehung (bei Maya) oder die topographische Distanz ist es, die einer tiefen Beziehung ein Ende setzt, sondern die Differenz von Intellekt und Glauben. Durchaus ein heutiges Thema angesichts der vielen Suchenden nach einem "Sinn", nach Lebendigkeit und Echtheit. Die Doku-Soaps auf allen Kanälen können "Es" nicht ersetzen. Vielleicht also doch lieber eine "Religion", in die man sich mit Haut und Haaren stürzen kann? Maya hat diesen Weg beschritten und bekennt sich auch äußerlich dazu: sie trägt die "Haube" und ist damit einer Minderheit zugehörig, die sich erhaben fühlt. Es ist nicht verwunderlich, dass ein Kant-Zitat dem Text vorangestellt ist: "Nie kann ein Mensch ganz und gar irren. Scheint es uns bisweilen: so haben wir den Menschen nicht verstanden." Ist Teresa oder Maya die Irrende? Obwohl Teresa so tut, als sei vieles nicht beantwortbar, weiß sie ihre Antwort genau: Maya ist die Irrläuferin, die in die Esoterik abgedriftete.

Teresa, die im Hier und Jetzt Lebende, ist sowohl eine Lebensgenießerin als auch profunde Denkerin, permanent auf der Spur zu Vernunft und Einsicht. Maya lässt sich treiben durch ihre göttliche Ordnung. Sie entscheidet nicht mehr, sondern ist unterworfen und determiniert. Teresa will frei sein. Dem hält Maya entgegen: "Glaubst du immer noch, dass Regeln und Verbote Unterdrückung sind [...]? Dass man frei wird, wenn man alle Zwänge abschafft? Grenzenlose Freiheit hebt sich selbst auf. Innerhalb des Verbotenen kann man freier sein als in der Haltlosigkeit des Möglichen." In derlei Manier lässt sich hier ein langes, imaginäres Zwiegespräch lesen, ein abschließender Kampf, der sich in Teresa abspielt, um sich ganz lösen zu können von der Freundin, zu der es keinen ihr entsprechenden Zugang mehr gibt.

Dass es ein kritischer, intellektueller Dialog ist, der am Ende übrig bleibt, ist nicht zufällig. Das Manko dieses Buches steckt nämlich gerade in dem müßigen Versuch, über Großes zu reflektieren, alles zu sagen, selbst wenn das Unsagbare stets auch Thema ist. Es wird referiert, wo Fragen offen bleiben oder sich erst gar nicht auftun sollten.
Wo bleibt der Lesende? In der Beobachterposition. Emotionen kann dieser Text nicht vermitteln. Es lässt einen kalt, wenn man erfährt, dass Mayas Mutter in der Psychiatrie ist oder deren Mann noch immer keine Schaffarm hat. Es bleibt kein Raum für Gefühlswelten - und was man an Denkmaterial erfährt, ist nicht wirklich neu.

Der alte Widerstreit zwischen Vernunft und Glaube, Natur und Kultur, Stillstand und Fortschritt kann uns so nicht fesseln. Nicht die Frage nach dem besseren Leben ist wohl heute von Belang, sondern vielmehr eine permanente Suche nach Lebens- und Erlebens-Strategien in allen uns möglichen Welten.

 

Claudia Peer
18. Juli 2007

Originalbeitrag

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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