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Maria E. Brunner: Indien. Ein Geruch.

Wien, Bozen: Folio Verlag, 2009.
88 S.; geb.; mit s/w-Abb.; Euro 19,50.
ISBN 978-3-85256-474-6.

Exotismus, die Suche nach Erleuchtung, einen sinnlichen Grenzgang zwischen Ost und West oder Orient und Okzident – das wird man in Maria E. Brunners Buch Indien. Ein Geruch nicht finden. Und auch die Gerüche, die die zehn literarischen Essays durchziehen, sind keine exotisch verlockenden Düfte, sondern es ist schlicht Gestank, der zum Zeichen für Verfall, Rückständigkeit, Hoffnungslosigkeit, Elend und Armut Indiens wird. Der stärkste und am häufigsten wiederkehrende Geruch ist jener nach Urin: Es riecht nach Rauch, vermischt mit Urin Koriander Curry und Räucherstäbchen (21), Uringetränkt sind die Wände und mit dem Auswurf der blätterkauenden Männer bedeckt. Mit Schleim und Spucke. Ein Geruch nach Ruß Staub Erde und Schweiß steigt von der Seite des Bahnsteigs herauf und von den Zügen überall nur Uringeruch. (67). Der Heu- und Uringeruch hat nichts mit dem Müll zu tun, wie man ihn in der westlichen Welt kennt. Es ist der Geruch von organischem Schmutz, der verwest und verfault und die organischen Stufen und Stadien des Säuerlichen durchläuft. Ein ganz und gar menschlicher Geruch von Schmutz. (69)

In den kurzen Zitaten ist bereits einsehbar, dass es sich bei dem Buch weder um einen Reiseführer noch um erzählende fiktionale Kurzprosa handelt, sondern um dazwischen angesiedelte literarische Essays. Poetische Momentaufnahmen und kritische, distanzierte Reflexion stehen nebeneinander. Dass Momente und Eindrücke einer tatsächlichen Indienreise als Auslöser angenommen werden können, scheint legitim. Welche Spuren hat nun also die Reise in diesem Buch über Indien hinterlassen?

Erzählt wird über Gewalt und Dreck: Alle anderen Straßen der Stadt sind bedeckt mit Spuren: Schmutz Ölflecken Blut der letzten Unruhen (23), über Schmutz und die fehlende Infrastruktur, die in den banalsten Alltag mit hineinspielt: Überall fehlen die Papierkörbe (...) es gibt ja keinen Putzdienst. Alles, was in den Paperkorb gehört, wirft man aus dem Fenster. Draußen kauen die Kühe Tag und Nacht den Müll weg – eigenartigerweise auch Plastik und Papier – und machen ihn so unsichtbar.(26), ... und über den mühsamen und von Hoffnungslosigkeit geprägten Alltag der Bevölkerung, den die Autorin teils sarkastisch-distanziert thematisiert: In Indien soll angeblich der Hühnerkäfig erfunden worden sein. Das sei das Größte, was das Land in seiner mehr als tausendjährigen Geschichte hervorgebracht habe. Das sagen die paar intellektuellen Inder der radikal linken Partei. Ohne Widerstand zu leisten, dämmern darin die Armen ihrem Schicksal entgegen. Die erdrückende Masse der Bevölkerung. Abgerichtet von der Oberschicht. (22).

Erzählt wird auch über den Verkehr und daraus resultierende Abgase, Chaos und Lärm: Auf dem Boden kampierende und schlafende Großfamilien umgeben vom ohrenbetäubenden Lärm des Nachmittagsverkehrs. Feuerstellen, an denen Essen für Hunderte zubereitet wird. Die Luft grau und verpestet von Abgasen aus Mofas Rikschas Autos der Baureihe Ambassador (67), über Prohibition, Prostitution und über religiöse Konflikte: Auch die zukünftige Elite des Bundesstaates, die Universitätsstudenten, beteiligte sich an den Brandschatzungen muslimischer Läden, an den Plünderungen, an den Gewalttätigkeiten und vor allem an den Vergewaltigungen muslimischer Frauen. (28)

Vor allem haben auch weibliche Erfahrungen und Lebensumstände Spuren in den Texten hinterlassen. Brunner widmet den von Gewalt und Unterdrückung geprägten Lebensgeschichten bzw. deren Fragmenten große Aufmerksamkeit, wobei Kali als weibliche Gottheit eine seltsame Symbolkraft erhält: Kali, die indische Göttin, die in der hinduistischen Mythologie, was die Autorin nicht explizit erwähnt, nicht nur den Aspekt des Todes und der Zerstörung verkörpert, sondern auch den der Erneuerung, begegnet dem Leser mehrfach als personifizierte Gewalt und Zerstörung. So findet sich auch im letzten Absatz des Buches, vor dem Epilog Inder heute, eine expressive Beschreibung Kalis als die schwarze, die kohlrabenschwarze Göttin (...). Sie ist die Kraft der Zerstörung. Sie ist unersättlich trotz der unzähligen Opfer, die ihr ständig dargebracht werden. Eine Girlande aus Totenköpfen trägt sie, und die Zunge Kalis verlangt stets nach neuem Blut. (86)

In der vorwiegend männlich dominierten Gesellschaft Indiens werden Frauen oft als wertlos und als finanzielle Last empfunden. Schon im ersten, längeren Kapitel, welches dem Buch den Titel gab, heißt es: Die Kosten für die Hochzeit hat die Familie der Braut zu tragen. Da kann sich der Vater für ein Leben verschulden. In Gujarat gibt es daher bedeutend weniger Mädchen als Jungen, die geboren werden. (18)
Zwangsehen, Witwenverbrennung, Vergewaltigung, Zwangsprostitution, Aids werden in knapper Sprache benannt und beschrieben.

Die Kritik der Autorin macht vor keinem sozialen Thema halt, neben den speziell weiblichen Problemen werden auch Ausbeutung, Turbo-Kapitalismus, Militarismus und vor allem das Kastenwesen, das Problem mit den sogenannten "Unreinen" reflektiert. Im Kapitel Incredible India werden etwa große Probleme Indiens kompakt jeweils in wenigen Absätzen skizziert: Straßenkinder und organisierte Bettelei, die Arbeitsbedingungen der "Fremdarbeiter", die so zusammengefasst werden: Sieben Tage Arbeit die Woche. Zehn Stunden am Tag. "Sie sehen, die Belegsaft ist fröhlich." (80). Extreme Armut, die Inder sogar zu Nierenspenden zwingt, meist die Unwissenheit und Unbildung der Spender ausnutzend: Denn sie glauben an das Versprechen des Arztes, die Niere würde wieder nachwachsen wie die Haare oder die Fingernägel. (82).
Und zuletzt Überflutungen, Umweltkatastrophen.

Dem Text sind schwarzweiße Fotografien von Arnold Mario Dall'O beigestellt, die allerdings den schockierenden Blicken auf Indien und seine Gesellschaft kaum mehr etwas hinzufügen können. Das Motiv eines am Boden schlafenden kleinen Mädchens auf dem Schutzumschlag – hier in Farbe, nicht ohne 'indientypische' Blumen und Ornamente – bedient leider genau jenen Voyeurismus, dem die Qualität der Texte entgegensteht, die in klarer, knapper Sprache die Eindrücke der Autorin festhalten, ohne jemals die Grenzen zu Voyeurismus oder Exotismus zu überschreiten.

Neben dem Motto Es ist ein Geruch, der Indien ausmacht stellt die Autorin noch einen Satz in Variationen wiederholt in den Vordergrund: Indien kennt kein Mitleid, heißt es mehrfach. Eine nahezu apokalyptische Prophezeiung findet sich am Ende des ersten und längsten Kapitels: Indien ist ein noch schlummernder Koloss. Er wird erwachen und zu einer grausamen Kröte werden. Schmutzig und gierig wird Indien alles überrollen und fressen und erdrücken. (34)

 

Elena Messner
4. Mai 2009

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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