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Elazar Benyoëtz: Finden macht das Suchen leichter.

Wien, München: Hanser, 2004.
256 S.;geb.; Eur[A] 20,50.
ISBN 3-446-20471-7.

Link zur Leseprobe

"Aphorismus - ein Schluck Prosa / Bleibt der Satz / auch mißverständlich, / ist er doch / von poetischer Evidenz: / Ein Wort, / bedeutungslos / zu seinem Sinn / gekommen / Man denkt darüber / und versteht darunter / Aphoristisch - / im / Schatten / einer / A / m / e / i / s / e / gedacht"

Der anerkannte Aphoristiker und Dichter Elazar Benyoëtz wurde 1937 in Wiener Neustadt geboren. Seine Eltern zogen bereits 1939 mit ihm nach Palästina. Er ist dort mit der hebräischen Sprache aufgewachsen und seine ersten Publikationen waren ebenso in hebräischer Sprache. Auf Grund seines Interesses an deutsch-jüdischen Schriftstellern sowie an der historischen Verbindung zwischen Judentum und Deutschtum lernte er Deutsch und verbrachte einige Zeit in Deutschland. Elazar Benyoëtz zählt heute zu den wichtigsten deutschschreibenden Autoren in Israel.

Aphoristik ist eine beinahe verloren gegangene literarische Gattung, Benyoëtz erweckt sie wieder zum Leben. "Finden macht das Suchen leichter" ist der neue Band in einer ganzen Reihe von Aphorismen-Bänder. Der Autor arbeitet in der alten Tradition der Sinnsprüche und Spruchweisheiten. Und immer wieder thematisiert er diese Gattung auch in seinen Texten. Aphorismen sind für ihn Juwelen. Er sagt, indem er ein "indisches Wort" zitiert: "Drei Juwelen gibt es auf Erden. Wasser, Reis und schöne Sprüche." Die Aufgabe des Dichters ist es, die schönen Sprüche in Reis und Wasser zu verwandeln. Der Zuhörer oder Leser hat aber einen ebenso wichtigen Part, an ihm liegt es, "ob er mit drei Juwelen nach Hause kehrt oder nur mit schönen Sprüchen".

Eine Kennzeichnung des Aphorismus ist wohl seine Kürze. Benyoëtz verfügt über eine sehr reduzierte und klare Sprache, die in eine tiefe und genaue Betrachtung von Lebensdingen und Lebensfragen führt. Ein Ausschweifen und Ausschmücken gibt es in seinen Texten nicht. Er hält inne in der Geschwindigkeit unserer Zeit, unseres Treibens und fordert auch die Leserin und den Leser zum Innehalten auf, zum Verweilen bei einem Gedanken oder einer Wort-Bedeutung.

In seinen kürzesten Sätzen finden sich noch Weltbilder, Lebenshaltungen und Lebensfragen. Seine Themen umfassen ein weites Spektrum. Es geht um Frage und Antwort ("Zuhören / ist die erste Antwort / und die beste"), Suchen und Finden ("Das Suchen / aufzugeben / ist schwerer / als das Finden"). Wobei die Fragen und das Suchen für Benyoëtz wesentlicher sind. Vielleicht deshalb, weil die Antwort und das Finden keine Endpunkte darstellen, sondern weitertreiben, die Antworten sich zu Fragen wandeln. Immer ist auch ein Verlangen nach Ganzheit zu spüren. Gegensätzlichkeit und Widersprüchlichkeit werden mitgedacht, was eine Offenheit und fragende Unsicherheit zur Folge hat. Benyoëtz ist der, der fragt und sucht. Die Leserin und der Leser können antworten und finden oder - wahrscheinlich im Sinne Benyoëtz - weiterfragen.

Ein zweiter wesentlicher Themenkreis in den Aphorismen von Benyoëtz ist die Frage nach Glaube, Religiosität und Gebet. Seine jüdische Herkunft lässt ihn auch immer wieder nach der Identität des Judentums fragen. Vor allem aber nach Identität überhaupt. "Sie sagte: / du mußt / zur Welt kommen, / nicht an die / Öffentlichkeit; / du kannst / nicht vorbildlich sein / aber zum Segen; / das Schlimmste, / was du von dir / denken kannst: / daß Gott dich nicht braucht; / du verdirbst deine besten Taten,/ wenn du sie nicht ehrst; / auch in deinen Erinnerungen / bist du schon vergessen; / gib deine Lebensgeschichte / nicht zu früh / aus deiner Hand". Benyoëtz' Sätze und Aphorismen klingen im Canon der Selbstfindung, aber nicht im Sinne einer zeitgenössischen Esoterik, sondern eher aufklärerisch, selbstverantwortlich und nach dem Sokratischen Erkenne dich selbst. Es ist die Aufforderung zu sein, der man ist.

Nicht zuletzt ist immer wieder die Analyse von Sprache im Vordergrund; Sprach-Arbeit und Sprach-Kritik, Bedeutung und Kontext. "Was ein Wort / ausmacht, / muß der Satz / begründen". Benyoëtz setzt Worte in Beziehung zum Satz, zur Welt und zum Menschen. Bedeutungen verschieben sich im Kontext. Ebenso setzt er den Dichter in Beziehung zum Wort und zur Welt. Der Autor sucht nach einer klaren, genauen und verdichteten Verwendung von Worten und Sprache. Die Sprache ist ein Instrument für die Erkenntnis der Welt und der Identität. "Ungerufen / kommen die Worte / von überall her / und helfen mir, / das für sie gedachte / Sprachnetz / zu flechten".

Auch wer den aphoristischen Sinnsprüchen und Weltweisheiten von Benyoëtz nichts abgewinnen kann, die Exaktheit und Genauigkeit in der Sprache, die Auseinandersetzung mit der Bedeutung von Worten und Aussagen und die Beziehung zwischen Sprache und Welt ist außergewöhnlich.

Simone Czelecz
8. Juni 2004

Originalbeitrag

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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