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Zdenka Becker: Die Töchter der Róza Bukovská.

St. Pölten, Salzburg: Residenz, 2006.
411 S.; geb.; Eur 21,90.
ISBN-10: 3-7017-1459-2.
ISBN-13: 978-3-7017-1459-9.

Link zur Leseprobe

Róza ist die Dominante im Familienroman von Zdenka Becker, in dem das Leben ihrer Eltern und Geschwister ebenso wie das ihres Mannes Tóno nur eine untergeordnete Rolle spielt. Doch das Leben verzweigt sich mit der Geburt der Töchter Iris, Jasmine und Kamila. Dazu kommt noch die Ziehtochter Eva, die als vernachlässigtes Nachbarskind in die Familie integriert wird. Das klingt hochherzig, ist es aber nicht. Róza ist alles andere als hochherzig. Im Gegenteil: sie wird als gehässige, gefühlsarme Frau geschildert, die das Leben der anderen vergiftet. Das klingt deprimierend, ist es aber nicht, denn Zdenka Becker erzählt geradlinig, mit dem Blick auf eine freiere Zukunft. Die Autorin ist eine gebürtige Slowakin, die seit 1975 in Österreich lebt und seit 1986 ihre Romane, Theaterstücke und Erzählungen in deutscher Sprache verfasst.

Die vorliegende Familiengeschichte ist so wie die der Autorin eine grenzüberschreitende. Außer Kamila wandern alle Töchter Róza Bukovskás aus der Heimatstadt Bratislava aus. Das Maß an politischer Unterdrückung, das durch das kommunistische Regime ausgeübt wird, wird noch durch die boshafte Willkür der Mutter ins Unerträgliche gesteigert. Kapitelweise wird die Entwicklung der Töchter ineinander verschachtelt, wobei die Lebensläufe der mittleren, Jasmine, und ihrer besten Freundin Eva in den Mittelpunkt gerückt werden. Die Ungerechtigkeit der Mutter bestärkt sie, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen. Jasmine gründet in Wien eine eigene Familie und schafft es, sich durch klarsichtige Analyse von den Zwängen ihrer Eltern und ihrer Schwestern zu befreien. Im Laufe des Romans dominiert ihre Perspektive, sie ist die Erzählende und Beurteilende. Die älteste Tochter Iris als hat sich schon frühzeitig abgesetzt, ist nach Amerika ausgewandert, wo sie der Tablettensucht verfällt. Kamila, das von der Mutter verhätschelte Kind, ist zu einer unfähigen Hysterikerin geworden. Eva hat den Kontakt zur Familie aus enttäuschter Liebe abgebrochen, Róza und Tóno führen eine Scheinehe. Soweit das Gerüst des Psychogrammes einer unglücklichen Familie.

Wortreich füllt Zdenka Becker dieses Gerüst mit Leben, dem "kleinen" Leben einer einfachen Familie in der Tschechoslowakei der 1960er und 70er Jahre. Wie tief politische Umstände in die persönliche Entwicklung der Töchter eingreifen, wird daran erkennbar, dass der Wunsch, das Land zu verlassen, allgegenwärtig ist. Beckers Sprache ist pragmatisch, es dominieren Dialoge. Auf 400 Seiten versäumt die Autorin viele Gelegenheiten, den Roman über eine einfach gestrickte Erzählung hinauszuführen und alle handelnden Personen mit Charakter und Farbe auszustatten. Die jüngste Schwester Kamila etwa wird fast ausschließlich und oberflächlich aus der Sicht der eifersüchtigen Schwestern kommentiert, Jasmines Mann Werner bleibt blass und ungreifbar als Persönlichkeit, ebenso wie die Partner von Eva und Iris. Deren Kinder wiederum scheinen großteils überhaupt nur als "Namen" auf und tragen kaum etwas zur Gestaltung der Romanhandlung bei. Stattdessen ist die Erzählung vollgestopft mit Nebensächlichkeiten, die ins Leere führen.

Zdenka Becker ist eine von zahlreichen AutorInnen, die ihre Flucht von Ost nach West literarisch verarbeiten. Natürlich interessiert das "westliche" Lesepublikum, was Zdenka Becker stellvertretend so zusammenfasst: "Man folgte jenem System, nach dem die ganze Gesellschaft funktionierte. Jemand wusste etwas über jemanden und nutzte es für sich. Diese Art der Erpressung war völlig legal und galt als legitim. Genauso wie Stehlen und Betrügen. Wer nicht stiehlt, bestiehlt seine eigene Familie, war das Motto in den besten Kreisen." (S. 180f)
Und zugleich lässt uns die zwiespältige Haltung der Geflohenen gegenüber dem goldenen Westen erkennen, was in "unserem" System alles schief läuft. Die Autorin bewegt sich also auf durchaus interessantem Gebiet. Bedauerlich nur, dass die nicht endenwollenden Details und Banalitäten die spannenden Momente des Romans ersticken. Der "Prager Frühling" ist hier bestenfalls Hintergrundszenario und auch wenn von der Erschießung eines jungen Mädchens, das den Ernst der Lage nicht erkennt, erzählt wird, wird dieses tragische Ereignis gleich darauf von der Feststellung überlagert, dass Jasmine am ersten September 1968 einen schwarz rosa Pullover trug. Es lässt sich nichts wirklich Neues oder Besonderes erkennen an dieser Familientragödie, die damit endet, dass Róza allein zurück bleibt und scheinbar froh ist, ihre Familie los geworden zu sein. "Beim Anblick der alten Frau begriff Eva, dass deren Töchter Iris, Jasmine und Kamila wie Schnittblumen waren. Getrennt von der Erde, entfernt von den Orten der Kindheit, von Wärme und Geborgenheit." Immerhin, ein treffender Vergleich.

Beatrice Simonsen
4. Februar 2007

Originalbeitrag

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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