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Xaver Bayer: Die durchsichtigen Hände.

Erzählungen.
Salzburg: Jund und Jung, 2008.
167 S.; geb.; Eur 19,80.
ISBN 978-3-902497-42-0 .

Link zur Leseprobe

Samadhi – oder der Stufenpfad zur Erleuchtung

"Die Zeit zwischen dem Erwachen und dem Ausgeschlafensein (...) trifft das Bewusstsein wehrlos und nackt an;" so Peter Handke in seinem ersten Roman "Die Hornissen". Während die Sinne schon feinste Veränderungen wahrnehmen, sind Gedanken und Körper noch vom Schlaf gelähmt. Das Erwachen sei eine "Notzeit" und zugleich eine "Zeit der Einsicht", so Handke. Genau diese bedrohlichen und zugleich erkenntnishaltigen Schwellenzustände des Bewusstseins versucht Xaver Bayer in seinem neuen Erzählband "Die durchsichtigen Hände" künstlich zu simulieren.

Mitten im Pulverdampf eines inszenierten Scheingefechts erklärt seine Hauptfigur in der Geschichte "Napoleon", worum es dem Autor geht: "Es lässt sich nicht einfach beschreiben, aber worauf ich hinauswill ist, dass nach dem Grad der Steigerung der Dickichthaftigkeit der Situation, der ich ausgesetzt war, sich in mir auch ein Gefühl von Seinshaftigkeit ausdehnte, eine Mischung aus extrem geschärften Sinnen und einer wohltuenden Dumpfheit." Vergleichbaren Momenten setzt Xaver Bayer seine Figuren auch in den übrigen Erzählungen aus.

In "Der Nichtsdestotrotzraum" meint die Hauptfigur, gequältes Klagen und Stöhnen aus einer der Nachbarwohnungen zu hören. Sie wähnt sich den Geräuschen in ihrer Wohnung schutzlos und handlungsunfähig ausgeliefert. Wilde Phantasien brutaler, aber auch erotischer Szenen entwickelt die Figur über die Ursache der Klagelaute. Schließlich erstarrt sie, halb ängstlich, halb erregt, in grotesker Position mit dem Ohr an der Wand. Obwohl sie unzählige logische Gründe dafür findet, warum sie nichts gegen eine durchaus mögliche Folterprozedur unternehmen kann, fühlt sie sich schuldig. Aber diese Geschichte, erklärt der Erzähler, ist nur ein Beispiel, eine Parabel. Für das eigentlich Gemeinte findet er folgendes, beinahe kafkaeskes Bild: "Der Raum, in dem ich mich befinde, hat viele Ausgänge (...) und trotzdem gelingt es mir nicht hinauszukommen."

Vergleichbar ausgeliefert und handlungsunfähig fühlt sich die Hauptfigur der Geschichte "Der Innenhof des Komplexes" in einer vollständig anderen Situation. Der Gast eines Künstlerfestes bedient sich gerade am Buffet, als er eine auf ihn gerichtete Kamera bemerkt. Beschämt von der Belanglosigkeit der eigenen Erscheinung, zieht er eine Grimasse und leert theatralisch einen Löffel mit Schnittlauch auf seinen Teller. Sich so dem Fernsehpublikum präsentiert zu sehen, steigert sein Gefühl der Peinlichkeit ins Unerträgliche. In ausufernden Gewaltphantasien stellt er sich die blutige Ermordung des Kameramanns vor. In der realen Situation ist er nicht einmal zu einem klärenden Wort in der Lage, als er ihm auf der Toilette begegnet. Am Abend der Fernsehsendung sitzt er vor dem abgeschalteten Fernseher und stilisiert sein Leiden zum quasireligiösen Passionserlebnis.

In der Erzählung "Samadhi" steigert Bayer die "Dickichthaftigkeit der Situation" ins Absolute. Die Hauptfigur verliert im Verlauf der kurzen Geschichte erst komplett ihr Gehör und ihr Augenlicht, und ist später nicht einmal mehr zu sprachlichen oder körperlichen Willenskundgebungen fähig. Als körperlose Monade schwebt der erinnerungs- und gegenwartslose Geist schließlich einsam und verloren im Nirwana; der kosmische Film läuft auf der Leinwand seines inneren Bewusstseins ab. Für den Yogi ist der "Samadhi" Ziel seines Weges zur Erleuchtung: vollkommen von der äußeren Sinneswelt abgekoppelt und frei von körperlicher Begrenzung steigt er zum kosmischen Bewusstsein auf. Dieser Stufenpfad der Erkenntnis wird in Xaver Bayers Leidensgeschichte zur zynischen Parodie.

"Samadhi" bezeichnet im Sanskrit einen Bewusstseinszustand, der über Wachen, Träumen und Tiefschlaf hinausgeht und in dem das diskursive Denken aufhört. Diesen im Augenblick des Erwachens ahnbaren Schwellenmomenten ist Xaver Bayer in seinen zweiundzwanzig Versuchsanordnungen auf der Spur. Sein sprachlich unauffälliger, dennoch ganz eigener Stil voll bizarrer Ironie und philosophisch grundiertem Zynismus geben den ganz unterschiedlichen Wach-oder-träum-ich-Szenarien ihre unverwechselbare Atmosphäre. Aber mit den mal sehr kurzen, mal einige Seiten langen Erzählungen ist es wie mit literarischen Häppchen. Manche schmecken einem, die anderen nicht so gut. Aber eins haben sie alle gemeinsam: Satt wird man davon nicht.

 

Michaela Schmitz
20. August 2008

Originalbeitrag

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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