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Alfredo Bauer: Verjagte Jugend.

Roman
Wien: Edition Atelier, 2004.
238 S.; geb.; Eur. 22.-
ISBN 3-85308-097-9.

Link zur Leseprobe

In seinem zuletzt erschienenen Roman beschreibt der Theodor-Kramer-Preisträger Alfredo Bauer, nachdem er schon den Lebensweg von Stefan Zweig, Marie Louise von Habsburg und Benito Mussolini in Romanform gebracht hat, nun ein Schicksal, das er selbst erlebt hat. In 65 recht kurzen Kapiteln erzählt der Austro-Argentinier Bauer die schwierige und entbehrungsreiche Geschichte verschiedener jüdischer Familien, die nach 1938 aus Österreich flüchten mussten. Über Umwege und durch glückliche Schicksalsfügungen gelangen die Vertriebenen nach Argentinien, wo sie versuchen eine neue Existenz aufzubauen.

Die Teilhandlungen des Romans alternieren und spannen den Bogen vom Wien der frühen dreißiger Jahre über die Schweiz, Schweden, Norwegen und England bis ins Exilland Argentinien, von der frühen Kindheit der weiblichen Protagonistin Ruth Moldauer bis zu ihrem Tod. Zwischen die collageartig angeordneten Familiengeschichten flicht der Autor in dokumentarischem Stil das jeweils aktuelle historische Geschehen. Die deutsche, sowjetische und amerikanische Kriegspolitik, die Situation der argentinischen Linken, freie Pädagogik und moderne Formen der Geburtshilfe sind nur einige der Themen, über die in zahlreichen Exkursen referiert wird. Durchaus humorvoll spielt Bauer dabei mit der Korrelation von privaten und weltpolitischen Ereignissen: "Schließlich ging die Schlacht um Moskau siegreich zu Ende. Und der Kampf um Robert Benders Großmutter ebenfalls." Das Kleine, Individuelle, das Schicksal Einzelner erhält dabei den gleichen Stellenwert wie internationale Politik.

Im Mittelpunkt der Erzählung stehen jeweils die Kinder der geflüchteten Familien: Ruth Moldauer, deren Vater Selbstmord begangen hat und deren Mutter sich dem herrischen Schwager unterordnet und später erst durch die Hilfe der Tochter endlich zu einer Art Selbständigkeit findet. Wolfgang Pollak, der mit einem Kindertransport nach Norwegen geschickt wird und lange Zeit um seine in Österreich zurückgebliebenen Eltern bangen muss. Frank Steinfeld, der Schutz und Familienanschluss in England findet. Hedi Altmann die, in Argentinien geboren, zwischen der Kultur der alten und neuen Welt gefangen bleibt und sich nirgendwo zu Hause fühlt und schließlich Robert Bender, der mit seiner Familie über die Schweiz nach Argentinien flüchtet. Im zweiten Teil des Buches findet die Vielzahl an unterschiedlichen Handlungsfäden zu einem gemeinsamen Punkt. Im Verein der "Österreichischen Jugend" finden die jungen Auswanderer Raum und Gelegenheit für das Entstehen neuer Kontakte, für Diskussionen, das Ausleben von Kreativität und das Sammeln erster sexueller Erfahrungen.

In "Verjagte Jugend" sind autobiografische Elemente leicht zu lokalisieren. In der Figur des Robert Bender, der wie der Autor selbst als 15jähriger nach Argentinien kommt, lässt sich Alfredo Bauers eigener Lebensweg wiedererkennen. Nahezu eins zu eins zeichnet der Autor selbst Erlebtes, von der Flucht aus Österreich über den Besuch der Pestalozzi-Schule in Buenos Aires, den Eintritt in die kommunistische Partei, bis zu den ersten literarischen Versuchen und seiner Arbeit als Geburtshelfer nach. Der zweite wichtige Erzählstrang beschreibt das Leben Ruth Moldauers und ist wie der Roman selbst Bauers Frau Kitty gewidmet.

Bauer, seit 1946 Mitglied der Kommunistischen Partei Argentiniens, reichert sein Auswandererepos aber auch ideologisch an. Die Begeisterung des jungen "Revolutionärs" Robert Bender für die "gute Sache" wird durch den reifen, auktorialen Erzähler kaum kommentiert oder gar ironisiert, dieser scheint vielmehr Roberts Anschauungen zu teilen. Die Beschreibung von Ausflügen und "Expeditionen" ins Umland von Buenos Aires erinnert ein wenig an die Reisen des jungen Che Guevara durch das Südamerika der 50er Jahre. Auch ansonsten ist Bauers Roman geprägt von einer positiven und versöhnlichen Grundstimmung und der Bemühung um eine differenzierte Darstellung. Nahezu alle Figuren des Romans überleben den Naziterror, zum Teil durch die Hilfe einzelner couragierter Menschen, und selbst das aufgewiegelte österreichische Volk, das dem ankommenden Führer entgegenjubelt, wird nicht dämonisiert, sondern als fremdgesteuert und verwirrt eingeschätzt. Ruths Onkel Josef Samek wiederum lässt Bauer als geldgierigen, bösartigen Despoten erscheinen und ihre Mutter Alice wird durch einen schwachen Charakter und Arroganz gegenüber ihren Angestellten charakterisiert und ist sich zunächst auch für eine Ausreise ins rückständige Argentinien zu gut.

Die Schrecken des Holocaust beschreibt Bauer knapp und trocken, erzeugt damit aber Bilder, die sich im Gedächtnis festhaken. "Zwei weitere Tage mussten die Männer ohne Bewegung auf dem eisigen Apellplatz des Lagers stillstehen! Wer sich bewegte, wurde erschossen. Die Leichen blieben liegen und froren am Boden fest."
Das Hauptaugenmerk liegt jedoch eindeutig auf der Darstellung des Lebens im Exil. Die Probleme der Neuankömmlinge und ihre schrittweise Integration, das Erlernen der neuen Sprache, die Arbeitssuche und Anpassung an die andere Mentalität und Lebensart stehen dabei im Mittelpunkt.

Bauers Roman soll, wie er in einem Brief an Felix Mitterer schreibt, zeigen, wie Menschen ein schweres Schicksal überwinden und "tätig, liebesfähig, schöpferisch und also glücklich" werden können. An manchen Stellen des Textes tritt diese Prämisse allerdings zu stark in den Vordergrund und stört dabei das Lesevergnügen, das Bauer durchaus erzeugen kann, wenn er als Erzähler auftritt und nicht als moralischer Kommentator. Auch die Fülle an Namen, Fakten und Geschichten, die er versucht auf wenig Raum unterzubringen, geht manchmal zu Lasten der Plastizität der einzelnen Charaktere und der Nachvollziehbarkeit ihres Fühlen und Handelns. Die starke Verkürzung der Kapitel und die zeitliche Raffung am Ende des Textes, Bauer macht hier einen geistigen Sprung von nahezu 50 Jahren, vermitteln ein wenig den Eindruck, es habe ihn am Ende die Erzählfreude verlassen.

Die Begeisterung für das Leben, der unbeugbare Wille zur Veränderung und Verbesserung der Verhältnisse im Großen und im Kleinen ist beim Lesen des Textes jedenfalls sehr stark spürbar. Mehr als ein literarisch eindrucksvolles Werk ist Bauers Roman wohl ein Zeitdokument und ein Plädoyer für einen positiven Blick nach vorne, ohne Verbitterung und Hass.

 

Astrid Reupichler
21. Februar 2005

Originalbeitrag

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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