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Christian Baier: Panzerschlacht.

Roman.
Wien: Edition Splitter, 2008.
109 Seiten; brosch.; Euro 19,-.
ISBN 978-3-901190-97-1.

Link zur Leseprobe

In einer namenlosen Stadt am Meer ist die Stimmung aufs Äußerste gespannt: eine Schlacht steht bevor. Die Menschen halten sich bereit – für was auch immer. In der Nacht finden sich Gruppen zusammen, erzählen einander Geschichten. Doch alle Bindungen sind ungewiss – wie bei dem Liebespaar, das auf Gedeih und Verderb ineinander verschlungen ist. Sie liegt schwer krank darnieder, er erwartet stündlich ihren Tod. Als sie trotz aller Qualen nicht stirbt, erstickt er sie mit einem Kissen. Hat er sie aus Hass umgebracht? Oder wollte er ihr bloß das Sterben erleichtern?

In Christian Baiers "Roman" "Panzerschlacht" bleibt vieles unbestimmt. Immer wieder wird im nunmehr dritten Roman des Wiener Schriftstellers und Musiktheaterdramaturgen betont, dass diese Geschichte auch anders verlaufen könnte. In kargen Worten verbalisiert sich das Bewusstsein mehrerer Personen, deren Namen man nicht kennt. Vor der Folie eines kommenden Krieges erzeugen diese Sprecher einen Imaginationsraum, in dem Begriffe wie Spiel, Liebe, Nacht, Begehren oder Erinnerung variiert werden. Als reine Bewusstseinsnovelle verzichtet der Text völlig auf Kulisse und Requisite – und meldet über diesen Kunstgriff seinen Anspruch auf existenzielle Gültigkeit an.

Formal setzt Baier auf das Experiment. Prosablöcke verschiedener Größe – mal groß, mal klein, mal kursiv gesetzt – stehen teilweise nebeneinander und erinnern so an Dialoge. Manche Abschnitte sind in Gedichtform gestaltet. Kleinere Einheiten werden wie Refrains wiederholt. Die schlichten Schwarz-Weiß-Bilder des Fotografen Thomas Jauk – tote Käfer und ausgestopfte Tiere, Betonwüsten und Stacheldraht – unterstützen die Textebene in ihrer Düsterkeit.

Natürlich ruft der Titel "Panzerschlacht" Assoziationen an die großen Kriege des 20. Jahrhunderts wach. Begriffe wie "Flakgeschütz", "Stabskarte", "Truppenverschiebungen" und "Partisanin" unterstreichen dies, ohne je konkreter zu werden. Vor allem erinnert "Panzerschlacht" an literarische Stimmen aus der Zeit des Ersten Weltkriegs, an den Pazifismus eines Remarque und die Kriegsräusche eines Jünger. Es expressionistelt ein wenig mit düsteren Großstadtbildern. Zur allgemeinen Apokalypse passt, dass auch die von einem "Schuldkomplex" umgetriebenen Toten sich wie am Jüngsten Tag erheben und durch die Straßen irren.

Aber es geht nicht nur um Krieg, sondern um untergründige, alles durchdringende Gewalt. Spätestens seit Kleist in seiner "Penthesilea" "Küsse" und "Bisse" aufeinander reimte, wurde die Liebe immer wieder als Kampf literarisiert. Die private Katastrophe wird in "Panzerschlacht" in der kollektiven gespiegelt – und umgekehrt. "UNUMGÄNGLICH WIE DIE SCHLACHT IST DIE LIEBE", heißt es in bedeutsamen Versalien, und das Gesicht der Frau gleicht einem "aufgewühlten Schlachtfeld". Liebeskämpfe beschäftigten den Autor Baier bereits öfter. Schon in seinem zweiten Roman, "Die Romantiker", inszenierte er die Geschichte eines namenlosen Paares, das nicht richtig zueinander kommt.

Gegen Ende enthüllt der Titel eine weitere Sinnebene. Der "Panzer" wird als Persönlichkeitspanzer kenntlich und verweist durch Sätze wie "Käfer noch bin ich" sowohl auf die Jauk'schen Fotos mit den toten Käfern wie natürlich auf Kafka, auf die Monstrosität des Ich und die Getriebenheit des menschlichen Verhaltens.

Man merkt diesem Buch deutlich an, dass Christian Baier vom Theater her kommt. Dass lebendige Schauspieler, dass Stimme, Gestik, Mimik und die Bühne fehlen, wirkt sich in diesem literarischen Nachtschattengewächs negativ aus. Was bleibt, sind vage und nebulöse Skizzen, denen mangels Konkretion die Brisanz weitgehend abgeht. Im letzten November wurde "Panzerschlacht" unter dem Titel "Krieg und Frieden" am Theater Dortmund mit Musik von Dmitrij Schostakowitsch als Ballett uraufgeführt. Was wir hier als "Roman" – so der Klappentext – in Händen halten, nimmt sich aus wie ein Programmheft, zu dem der wichtigere Teil fehlt.

 

Judith Leister
26. Jänner 2009

Originalbeitrag

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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