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Sepp Mall im Gespräch mit Beatrice Simonsen

Aus der Sicht eines Kindes und einer jungen Frau schildert Sepp Mall in seinem Roman Wundränder (Haymon Verlag 2004) die politischen Ereignisse im Südtirol der Sechziger Jahre. Mit seiner einfühlsamen Beschreibung, wie große Politik ins kleine Familienleben einbricht, zeigt der Südtiroler Autor nicht nur große literarische Sensibilität, er erobert sich auch einen festen Platz als Chronist seines Landes. Beatrice Simonsen hat das folgende Gepräch mit Sepp Mall geführt:

Beatrice Simonsen: Sie sind ja ein sehr vielseitiger Autor und in allen drei Literaturgattungen zu Hause: Lyrik, Prosa und Drama ...

Sepp Mall: Ich habe als Lyriker angefangen, das ist das, was mir immer noch nahe steht. Die Theaterstücke und Hörspiele sind eher Auftragsarbeiten. Ich mache das schon gerne, aber es sind doch eher Seitensprünge. Es gefällt mir, das Wechseln zwischen den Genres. Lyrik befriedigt und ist schön, lässt sich aber nicht verkaufen, Prosa wird mehr gelesen, habe ich auch immer schon geschrieben.

Ihr Theaterstück "Brandstätten" spielt 1943 zur Zeit der Wehrmachtsbesetzung in Südtirol, "Wundränder" hat die Bombennächte der 60er Jahre zum Hintergrund.Warum interessieren Sie sich so für geschichtliche Themen?

Vielleicht weil man älter wird. Man interessiert sich dann mehr dafür, wo man herkommt, für die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit. Das ist das eine, das andere ist, dass man merkt, dass die Beschäftigung mit dieser Geschichte des Landes sehr wenig da ist. Es gibt zwar die Aufarbeitung von der Historikerseite her, das hält sich im Rahmen der Geschichtswissenschaft, aber kein Hineinfühlen in die gesellschaftliche Situation.

Gibt es auch einen persönlichen Bezug zu der Geschichte, weil das Buch Ihrem Vater gewidmet ist?

Gar nicht. Es ist eine Vater-Sohn-Geschichte, die ich meinem Vater widmen wollte. Es gibt wohl Erinnerungen, die zum Teil vorkommen. Da gibt es zum Beispiel diese Erinnerung: es gibt in der Gegend im Oberen Vinschgau, wo ich herkomme, ein Ossarium, ein Beinhaus, wo die Gebeine von italienischen Soldaten aufbewahrt wurden und das die Italiener nach dem Ersten Weltkrieg aufgestellt haben, um die Grenze zu markieren. So eines gibt es auch am Brenner, am Reschenpass, im Pustertal. Dieses Beinhaus wurde in den 60er Jahren in die Luft gesprengt, wobei der Attentäter selbst umgekommen ist. Ich habe das nur aus den Gesprächen der Erwachsenen gehört, es war für mich eine Horrorgeschichte. Meine Eltern hatten in der Nähe dieses Beinhauses ein Grundstück und die Vorstellung, dass dort zerfetzte Menschenteile herumliegen, sich dort jemand in die Luft gesprengt hat, hat mich als Kind über Jahre beschäftigt. Das sind solche Motive, die in dem Roman aufscheinen. Die Stimmung war bei mir zu Hause oder in dem Dorf, wo ich aufgewachsen bin, so ähnlich: man hat nichts gewusst.

Sie sind ja auch Lehrer. Wie sieht das in den Schulen aus? Wird da inzwischen gemischtsprachig unterrichtet?

Es gibt die deutschen und die italienischen Schulen. Die italienischen Kinder haben Deutsch als erste Fremdsprache, die deutschen Italienisch. Es gibt da eine strikte Trennung auch von den Behörden her. Siebzig Prozent der Bevölkerung in Bozen ist italienisch. Es gibt jetzt zwar Tendenzen gemischtsprachige Schulen zu errichten, weil es ja viele gemischte Ehen gibt, in denen Kinder zweisprachig aufwachsen. Die Südtiroler Landespolitik hat das aber bisher vermieden, aus den bekannten Gründen von Verlust der Identität und so weiter.

Finden Sie selbst auch, dass diese Trennung notwendig ist, um die eigene Identität überhaupt zu entwickeln?

Ich habe da keine klare und dezidierte Überzeugung, was richtig ist. Als Autor weiß ich, man ist in einer Sprache zu Hause oder zumindest bin ich in einer Sprache zu Hause. Auch durch den Kontakt zu Österreich, der Schweiz, Deutschland. Anders ist das sicher für solche, die wirklich zweisprachig aufgewachsen sind, das ist zahlenmäßig nur eine kleine Gruppe, die durch die Öffnung von Schulen größer werden könnte. Man muss sehen, wie das funktioniert, das dauert sicher Jahre, bis sich da etwas verändert. Auf der anderen Seite muss man das nicht forcieren, jeder kann nicht zweisprachig sein. Man müßte das einfach ausprobieren, die Diskussion spielt sich da aber immer nur theoretisch ab.

Gibt es auch in der italienischen Literatur die Auseinandersetzung mit dem Südtirolkonflikt?

Die italienische Literatur in Südtirol ist heute dort, wo die deutschsprachige vielleicht vor 20 Jahren war. Es gibt nur wenige Literaturzeitschriften, die auch italienische Literatur publizieren, wie etwa die "Sturzflüge". Viele Italiener kennen diesen Konfllikt gar nicht. Es gibt aber etliche Autoren, die etwas in der Schublade haben und einige, die jetzt größer herauskommen.

Und die Ladiner?

Rut Bernardi setzt sich sehr dafür ein, Ladinisch auch als Schriftsprache zu etablieren. Die Realität sieht aber anders aus, obwohl es eine relativ lebendige Kultur mit unterschiedlichen Idiomen gibt. Ich habe mich bemüht, ladinisch zu lernen, bin aber steckengeblieben.

Haben Sie auch einmal überlegt, nach Italien zu gehen?

Ich habe mir das natürlich überlegt, was mein Studium betrifft, ob ich in Österreich oder in Italien Germanistik studiere. Ich war dann in Innsbruck. Später bin ich als Lehrer doch in Meran festgenagelt gewesen, um Deutsch zu unterrichten.

Von der jungen Autorengeneration gehen viele weg, zum Beispiel nach Deutschland ...

Ich glaube, da steht sicher das "Herauskommen" im Vordergrund, auch die Arbeitsmöglichkeiten, die hier ja beschränkt sind. Da ist Südtirol aber sicher kein Sonderfall, dass die jungen Autoren weggehen. Ich sehe das nicht als Exilliteratur. Sicher ist man als Autor in Südtirol weit weg von großen Städten, wo sich das literarische Leben anders abspielt. Letzten Endes sind es aber doch persönliche Gründe, das habe ich auch als Herausgeber der jungen Südtiroler Literatur "Neue Welt" (2003 im Skarabäus Verlag) bemerkt.

Und wie war das Echo auf Ihr Buch "Wundränder"?

Das Echo was positiv, aber ich habe das Gefühl, das ist eine satte Gesellschaft, wo nichts mehr aufregt. Es ist gut besprochen worden, aber sonst ist nichts passiert. Es gibt keine Diskussion darüber. Das hat mich doch gewundert.

Oktober 2004

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