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Joseph Zoderer

September 2005

Joseph Zoderer wird im November dieses Jahres in Bozen mit dem Walther von der Vogelweide Literaturpreis gewürdigt. Der Autor, der sich in seinem Werk immer wieder dem "Südtirolthema" gewidmet hat und dessen Roman "Die Walsche" (1982) mittlerweile sowohl in Italien als auch im deutschsprachigen Raum als Klassiker seines Genres gilt, feiert am 25. November 2005 seinen 70. Geburtstag. Anlässlich der Buchpräsentation "Grenzräume. Eine literarische Landkarte Südtirols" (Hrsg. Beatrice Simonsen) liest der Autor am 17. Oktober im Literaturhaus Wien aus seinem neuesten Buch Himmel über Meran. Das folgende Gespräch mit dem Autor führte Beatrice Simonsen:

Beatrice Simonsen: Herr Zoderer, sind Sie nun ein italienischer, ein österreichischer oder ein Südtiroler Autor?

Joseph Zoderer: Ich bin ein deutschsprachiger Autor mit österreichischer kultureller Prägung mit italienischem Pass. Wäre ich in Wien geblieben - ich war ja in den Fünfziger und Sechziger Jahren Journalist des Kurier, der Kronenzeitung und der Presse, verheiratet 10 Jahre in Wien, also ich bin nicht "einer der vom Berg kommt" - hätte ich nicht diese Bücher geschrieben ...
Ich bin aus privaten Gründen von hier weggegangen, obwohl ich damals so etwas wie ein Starjournalist war - ich habe die Chronik und Glossen geschrieben, auch die Südtirolprozesse der Sechziger Jahre zusammen mit Claus Gatterer verfolgt. Dann habe ich eine Reise durch Amerika gemacht und später einen Roman darüber geschrieben ("Lontano"). Mein allererstes Buch war "Der andere Hügel", das jetzt im Herbst auf Italienisch erscheint - ich war da sehr stark vom Nouveau Roman beeinflusst. Das war der erste Roman und nicht, wie die anderen meinen, "Das Glück beim Händewaschen". Das ist nur als erstes aufgefallen.

Sie erleben derzeit durch die Übersetzungen aller Ihrer Bücher große Resonanz in Italien. Sind Sie dort mittlerweile schon bekannter als im deutschsprachigen Raum?

Hier in Wien habe ich erst beim dritten Anlauf in einer Buchhandlung ein Buch von mir gefunden, ... dabei bin ich neben Handke und Bernhard der derzeit meistgedruckte und übersetzte deutschsprachige Autor in Italien.
Italien ist eine vollkommen andere Welt als Österreich, die Schweiz oder Deutschland. Hat man da einmal Erfolg gehabt, wird man nicht als Autor, sondern als sozialpolitische und gesellschaftliche Autorität befragt oder angesehen, weil man für das Publikum glaubwürdiger ist als ein Politiker. Seit 1985 werde ich in Italien übersetzt und zu allen gesellschaftspolitischen Themen befragt und zwar von den großen italienischen Zeitungen genauso wie von sardischen Zeitungen oder sizilianischen, zum Beispiel ob ich für die Abschaffung der Nationalhymne bin oder zum Abtreibungsgesetz...

Also geht es dabei nicht speziell um Südtiroler Themen?

Nein, zu dreiviertel sind es gesellschaftsrelevante Themen, auch nicht literarische. Man hat einfach einen Namen, das ist so als wenn man ein Filmstar wäre. Meine Bücher erscheinen in den drei größten Verlagen Italiens: Einaudi, Mondadori und - nachdem Berlusconi die beiden Verlage geschluckt hat, bin ich zu Bompiani, bei dem auch Umberto Eco ist, gewechselt. Mein Verlag in Deutschland ist seit 25 Jahren Hanser. Das ist mindestens ein so gut eingeführter Verlag wie Bompiani, aber in Italien geschieht einfach viel mehr an Aufsehen und Aufregung.

Berühmt geworden sind Sie in Italien mit "Die Walsche" (italienisch: "L'italiana"). Ist das Südtirolthema, das seine Wurzeln in der Zeit des Faschismus von Hitler und Mussolini hat, heute für Italiener überhaupt von Interesse?

Ich habe da eine irrsinnige Umackerungsarbeit betreiben müssen. Die Italiener sind im Sommer immer ans Meer gegangen und in den letzten Jahrzehnten gehen sie auch gerne in die Berge, daher interessieren sie sich für die Geschichte des Landes. "Die Walsche" ist mit sechs Auflagen als Hardcover verkauft worden, dann als Taschenbuch, dann als Beilage zu einer Reisezeitschrift (ähnlich wie Merian) und zuletzt um 1000 Lire an jedem Kiosk mit der Bestseller-Vignette drauf, so wie Hemingways "Der alte Mann und das Meer" und Nabokovs "Lolita"! Das ist schwierig hier zu erklären, aber die Italiener sind eher an Grenzfällen, am Auffälligen, am Absonderlichen interessiert, das hat vielleicht den Erfolg ausgemacht.

Werden Sie als einziger Südtiroler Autor ins Italienische übersetzt?

So kann man das sagen. Das tut mir leid, denn wir haben zur Zeit eine wunderbare Literaturgeneration in Südtirol, ein gutes Dutzend echt ernstzunehmende Talente, vor allem Frauen von Sabine Gruber über Bettina Galvagni bis zu Maria E. Brunner.

Ist die Literatur so reichhaltig, weil hier zwei Kulturen aufeinander treffen?

Davon bin ich überzeugt. Wir sind eine unausgesuchte Vorläuferschaftsgegend geworden für etwas, was heute selbstverständlich ist. Überall treffen Kulturen aufeinander, da ist dieser deutsch-italienische Konflikt nichts Neues, aber er ist aktuell!
Demnächst kommt "Die Walsche" auf Russisch heraus. Mein Übersetzer meint, das Aktuelle daran sei, dass jeder, der vom Land nach Moskau kommt, sich dort zutiefst als Fremder empfindet. Diese Thematik ist dort noch brennender, diese Antiheimatliteratur wie Innerhofers "Schöne Tage" bei uns in den 70er Jahren. Also in der Stadt - Moskau in dem Fall - sein, fremd sein und doch träumen von irgendeiner grauenhaften Sumpfgegend, wo man aber seine Heimat erlebt hat... und wer immer in Wien lebt: er ist ein auf Generationen zurückschauender Wiener oder er ist ein "Tschusch", wie ich es selbst erlebt habe. Und das ist jetzt sehr potenziert, x-mal multipliziert in der ganzen Welt, die Rückwanderung, Einwanderung, das Fremdsein ist überall ein Thema.

In Südtirol gibt es aber eine Art Parallelgesellschaft, ohne Überschneidungen zwischen Italienern und Deutschen. Soll die kleine Erzählung "Wir gingen" (Anm.: in zweisprachiger Ausgabe deutsch/italienisch erschienen bei Edition Raetia 2004) da bewusstseinsverändernd wirken?

Das war zeitverschoben die zweite Idee. Diese Geschichte habe ich für Reinhold Messner 1989 geschrieben, der gesagt hat, wir müssen ein alternatives Buch zur offiziellen Südtirol Schau "50 Jahre Option" machen. Unser Buch ist von Südtirol total ignoriert worden. Heute ist es seit Monaten auf der lokalen Bestsellerliste. Es ist verrückt, wie ein ausgetrocknetes Löschblatt, ob Deutsche oder Italiener, alle interessieren sich für dieses Buch. Journalistisch und wissenschaftlich gibt es Berge von Papier und das ist nur ein kurzes Stück Literatur. Größere Fiktion gibt's gar nicht. Ich war vierjährig, als das passiert ist und ich weiß nichts davon und ich habe das nur durch Vorstellung und Erzählungen von meinem Bruder erarbeitet. Aber es sind Dinge, die uns angehen, Deutsche und Italiener.

Wie lesen sich denn für einen Süditaliener so sehr emotionale Streit-Szenen zwischen Italienern und Tirolern wie in "Der Schmerz der Gewöhnung"?

Ich will alles was an Müll in unserer Seele drin ist, herausarbeiten, weil ob das jetzt in Südtirol passiert, das Aufeinandertreffen von zwei verschiedenen Kulturen, oder in Wien, in unserem Müll ähneln wir uns ziemlich haargenau. Ich geh da mit einer Methode vor, die ziemlich riskant ist, weil die Leute, die Literatur nicht gewohnt sind, glauben, dass das meine eigene Meinung ist, aber ich will ja bis zum Äußersten gehen, weil ich weiß, was um mich herum gefühlt und geredet wird.
Ich will die Leute aufklären, auf beiden Seiten. In den Interviews sag ich den Leuten die Wahrheit, in den Büchern lasse ich die Stimmen des Volkes sprechen. Die Provokation auf beiden Seiten ist wichtig. Deshalb hat es mich gewundert, dass ich den Walther von der Vogelweide Preis bekomme, weil bisher hatte ich den Eidruck, dass damit politische Unauffälligkeiten abgesegnet werden.

Was bedeutet Ihnen dieser Preis?

Walther von der Vogelweide ist als Denkmal auf dem Hauptplatz von Bozen, das vor 1900, sagen wir "deutschtümelnd", errichtet worden - mit Blick gegen Süden! Der Dante in Trient schaut ja komischerweise nach Norden, ich weiß nicht, ob das jemandem aufgefallen ist. Das Denkmal ist dann von den Faschisten versteckt worden und es war ein großer Kampf von den erzkonservativen rechten Südtiroler Kreisen, dass man es wieder aufstellen darf. Das war mir immer verdächtig. In den 70er Jahren hätte ich diesen Preis nicht angenommen, damals in dieser 68er-Jahre-Stimmung wäre das ein Signal gewesen! Aber heute, wo sich die Jugend politisch nicht mehr interessiert, muss ich eine Rede halten und ihnen die Leviten lesen. Durch diesen Preis ist man in Südtirol auf Lebenszeit ein Monument.

 

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