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Helwig Brunner: Rattengift.

Erzählungen.
Klagenfurt, Wien: Kitab Verlag, 2006.
175 S.; brosch.; Eur. 18,-.
ISBN 3-902005-63-3.

Link zur Leseprobe

In Helwig Brunners Prosadebüt "Rattengift" finden sich sechs ganz unterschiedliche Erzählungen, die in ihrer Gesamtkomposition die Wendigkeit des Autors, der sich bisher hauptsächlich mit lyrischen Werken beschäftigt hat, auch auf dem Gebiet der Prosa zeien. Doch egal, ob wir mit "Die Datei" in einen Text eintauchen, der sich wie ein poetisch-philosophisches Zwiegespräch mit Sprache und Wirklichkeit selbst liest, mit "Scherenschnitte" eine Kriminalgeschichte, die bereits 2003 mit dem Salzburger erostepost-Literaturpreis ausgezeichnet wurde, oder mit der Titelerzählung "Rattengift" eine fiktive Autobiographie in Händen halten, lassen sich in den unterschiedlichen Texten, die zwischen 1994 und 2003 entstanden sind, gewisse Parallelen finden. Sprachreflexion, Begegnung und Tod sind die Motive, die sich über die Grenzen der einzelnen Erzählungen hinweg durch das Buch ziehen.

Helwig Brunner stellt uns eine Reihe von Menschen vor, die alle "etwas anders" sind; die von ihren Einstellungen, Lebensumständen oder Erfahrungen in eine Außenseiterposition gedrängt werden und die, jeder auf seine ganz persönliche Art, versuchen dem Leben doch noch ein Stück vom Glück abzuringen oder ein kleines Stück der Partitur, die auch ohne ihr Zutun abzulaufen scheint, im Verborgenen umzukomponieren - in "Rattengift" etwa die eine oder andere Dissonanz in den träumerischen-schalen Wohlklang zu bringen.

Nicht selten kommt es zu wie zufällig wirkenden Begegnungen zweier Menschen, die einander, ohne es zu wissen, perfekt ergänzen, ein Stück ihres Weges miteinander gehen und einander dadurch verändern, sich lautlos wieder trennen und danach vollständiger verbleiben, als sie es zuvor jemals waren oder gemeinsam sein könnten. So treffen sowohl in "Das Schlangenei" als auch in "Die Datei" zwei Menschen aufeinander, die aus unterschiedlichen Welten kommen, unterschiedliche Denkweisen haben, aber im jeweils anderen genau das wiederfinden, was sie, ohne es zu wissen, gesucht oder verloren haben. Auch in "Der Zwilling" ist die Möglichkeit einer solchen Begegnung vorhanden, wird aber nicht durchgespielt, sondern nur angedeutet.

Ein weiteres zentrales Motiv, das uns in Helwig Brunners Erzählungen immer wieder begegnet, ist das der Sprache und ihrer Grenzen. Während in "Das Schlangenei" die stumm machende Schwierigkeit die richtigen Worte zu finden, das, was man fühlt und sagen will in ein schematisches Sprachmodell zu zwängen und das Denken, das dem Sagen im Weg steht, ein wichtiges Motiv darstellt, um die Handlung in Schwung zu bringen, geht es in "Die Datei" primär um Sprache selbst, während die Handlung in den Hintergrund tritt und nur dazu dient die Reflexion über Wirklichkeit und Sprache voranzutreiben. In beiden Erzählungen wird die Problematik der Sprache durch eine mehr oder weniger zufällige, dafür umso bedeutsamere zwischenmenschliche Begegnung überwunden.

Besonders wichtig wird die Sprachproblematik in "Die Datei". Der Schmerz über den Tod ihres Mannes löst in Marion ein Nachdenken über die Grenzen des Sagbaren aus; hier finden sich Gedanken zu Sagbarem und Unsagbarem, zur Mangelhaftigkeit der Sprache und deren Supplementbedürftigkeit, wie sie an Wittgenstein und Derrida erinnern mögen.

Indem man zur Essenz eines Begriffes vordringt, ihn klar, rein und diamantengleich geschliffen vor sich sieht, wird er abstrakt, entzieht sich der Wirklichkeit und kann sie nicht beschreiben, höchstens noch verzerren. Marion versucht, ihre Gedanken schreibend in eine sinnvolle Ordnung zu bringen, kann aber nicht ausdrücken, was sie sagen will: "Doch je mehr sie sich bemühte, Trennschärfe in die Wirrnis der Begriffe zu bringen, desto unerklärlicher und verschwommener erschien ihr im nächsten Augenblick das Geschriebene." (S. 33) Schließlich tippt sie, enttäuscht und wütend ob ihres Unvermögens Ordnung zu schaffen, einige schnelle Sätze. Marion schreibt, dass die Sprache nicht in der Lage sei, die Wirklichkeit zu erklären; dass das Geschriebene dem Beschriebenen niemals gerecht würde und die Sprache nur verwirren und zerstören, nicht aber erklären könne. (S. 34). Nun, da ihr gelungen ist sich auszudrücken, erkennt Marion auch, dass diese Sätze keine Erklärungen enthalten, keine Erklärungen enthalten können, sondern selbst wieder ein erklärungsbedürftiges Stück Wirklichkeit darstellen. Wie Derrida kommt Marion zu dem Schluss, dass die Gesamtheit der Wirklichkeit aus Ketten von Supplementen bestehe; sie geht nach dieser Erkenntnis aber noch einen Schritt weiter und fragt: "Hatte sie nun, da dies schwarz auf weiß vor ihr auf dem Bildschirm stand, etwas gefunden oder etwas verloren?"

Die Bekanntschaft mit einem zufällig im Park getroffenen Fotografen, der ebenso angestrengt über das Verhältnis von Sprache und Wirklichkeit nachdenkt wie sie, verhilft ihr schließlich zu der Erkenntnis, dass Wirklichkeit immer nur in Bezug auf das Selbst verstanden werden kann. Bedeutung wird immer in Bezug auf das Subjekt erreicht und kann nicht unabhängig davon gefunden werden; Begriffe, befreit vom Subjekt, werden bedeutungslos oder zu Gegenbegriffen, entweder leer, verwirrend, die Wirklichkeit verzerrend oder verletzend.

Ein drittes Motiv, das des Todes, findet sich in jedem der Texte. In "Das Schlangenei" begegnet der Tod den Protagonisten in Gestalt eines gefundenen Skeletts, in "Die Datei" im Tod des Ehemannes, der Auslöser von Schmerz, aber auch Erkenntnis ist, in "Der Zwilling" in der für einen Teil tödlichen Trennung siamesischer Zwillinge, die das restliche Leben des Überlebenden bestimmt. Bei "Scherenschnitte" handelt es sich um eine Kriminalgeschichte, die den Protagonisten wie auch den Leser in die Irre führt und schließlich den Detektiv selbst als Mörder entlarvt, und in der Titelgeschichte "Rattengift" treffen wir auf einen vom Leben enttäuschten Mörder, der sich sagt: "Wenn man kein Motiv zum Leben hat, braucht man auch keines zum Töten." (S. 132) Indem er in seiner viel gerühmte Diplomarbeit die Relativität von Täter- und Opferrolle, Freund und Feind, Kriminalität und Wohltätigkeit aufzeigt, erteilt er sich selbst Absolution.
Einzig in "Das Blackout" geht es nicht um den Tod im wörtlichen, sondern im übertragenen Sinne: Das Todesmotiv wird hier im Sinne Shakespeares aufgegriffen, der sich selbst und die Widmungsträger seiner Gedichte durch die Poesie unsterblich machen wollte. Was für Shakespeare die Lyrik ist, ist in der Erzählung für Thomas Alva Edison die Erfindung. Seine Verlobte Carla prophezeit ihm jedoch, dass die Glühlampe und in deren Folge Elektrizität für ganz New York nur zu Problemen führen würde und ein negatives Denkmal seiner selbst sei. Interessant an dieser Erzählung ist auch, dass der historische Thomas Alva Edison zwar zweimal verheiratet war, nie aber mit einer Carla.

Etwas von Helwig Brunner selbst lässt sich nicht nur im Schauplatz so mancher Geschichte entdecken - so spielt etwa "Rattengift" in seiner Heimatstadt Graz - sondern auch in den Themen von "Das Schlangenei" und "Die Datei": Georg Menzel, dessen Name an den Biologen Gregor Mendel erinnert, sowie sein Betätigungsfeld und der Hintergrund der Tagung erinnern an Brunners eigenes Biologiestudium. Seine zweite Studienrichtung, Musik, finden wir in "Die Datei" wieder.

Jede einzelne der Erzählungen überrascht den Leser mit innovativen Ideen und ungewöhnlichen Protagonisten und lässt ihn die Welt einige Seiten lang aus einem neuen, alternativen Blickwinkel sehen. Auf leichtfüßige Art stimmt der Erzählband nachdenklich und reißt fremde Situationen und Stimmungen an, manchmal in heiterem Pessimismus, aber nie, ohne zumindest die Möglichkeit eines Auswegs anzudeuten. Nach diesem gelungenen Erzähl-Debüt darf man mit Spannung das nächste Prosawerk Helwig Brunners erwarten.

Christine Schranz
28. Februar 2006

Originalbeitrag

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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