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Maria E. Brunner: Berge Meere Menschen.

Roman.
Wien, Bozen: Folio Verlag, 2004.
Reihe Transfer. 54.
168 S.; geb.; Eur 19,50.

Link zur Leseprobe

In der Enge der Südtiroler Berge nimmt der Roman um die Dreiecksbeziehung Kostherr, Kostfrau und Kostkind seinen Anfang. Die unfruchtbare Jungbäuerin, verachtet und geschmäht von der kleinhäuslerischen Besatzung des Einödhofes, knüpft ihre letzten Hoffnungen an den Freiheitsdrang des angenommenen Ziehkindes. In ihm möchte sie den eigenen Wunsch nach Selbständigkeit verwirklicht sehen. Der unnachgiebige Jungbauer herrscht über seinen Hof mit eiserner Hand, die Bäuerin erduldet wehrlos, ihre Rache besteht in der dürftigen Unterstützung des Kindes, dessen Schulbesuch zum Ausgangspunkt für den Aufbruch in die Unabhängigkeit wird.

Die 1957 in Südtirol geborene Maria E. Brunner erzählt die Geschichte des Kostkindes mit dem notwendigen Abstand für ein solches Thema. Sie lebt heute in Deutschland, als Professorin für deutsche und italienische Literatur. Die Übersetzung des sizilianischen Autors Vincenzo Consolo ("Bei Nacht von Haus zu Haus", 2003) hat ihren eigenen sprachlichen Ausdruck geprägt. In einer unnachahmlichen Mischung aus Strenge und Poesie beobachtet und benennt sie Situationen und Menschen. Ihr Romanerstling ist eine scharfe Kritik am engstirnigen Bauerntum, dessen Blick ganz offensichtlich von "aufdringlichen und vermessenen" Bergen verstellt wird.

Maria Brunner zeigt die Negativseite des Bergpanoramas. Hinter Postkartenklischees verbirgt sich eine dumpfe Atmosphäre, in denen Menschen sich ausgeliefert und ausgebeutet fühlen. Hier lebt nur, wer das Erbe zu pflegen oder wer sich verdingt hat - "hinterhältig" die einen, "gottergeben" die anderen. Man beugt sich jahrhundertealten Traditionen und ergibt sich in festgefahrene Hierarchien und Lebensanschauungen. Die Modernität hält mit den Vertretern der landwirtschaftlichen Hauptgenossenschaft und übermotorisierten Traktoren Einzug und so mancher Bauer unterschreibt sein Todesurteil im Hinblick darauf, "immer schon der größte gewesen zu sein." Die Fremdenverkehrswirtschaft übertüncht geschäftstüchtig das ausgemergelte Bauerntum und lässt mit Landesgeldern in aller Eile "Kloschüsseln mit Naßzelle" für den "Aktivurlaub" ausbauen. Zu all dem kommt noch die Situation des geteilten Grenzlandes: "... Bücher und Altkleidersammlungen trugen zur Ausbildung unserer gesunden Bergbauernjugend in volklich gemischten Sprachgrenzdörfern bei." In einem weit ausholenden Rundumschlag berührt Maria Brunner alle wunden Punkte ihrer Heimat und macht aus dem Roman eine zutiefst schmerzende Anklageschrift, die mit allen Romantisierungen über die schöne, heile Bergwelt gründlich aufräumt.

Nach und nach, in wiederkehrender Vorausschau führt die Erzählung heraus aus diesem unseligen Bergland, als das ehemalige Kostkind, jetzt eine junge Frau, den Absprung findet. Sie nimmt den Zug und fährt so weit das Land sie trägt, um auch wirklich unerreichbar für diejenigen zu sein, die sie zurückgelassen hat. "Die Insel" wird ihre Stätte der Zuflucht, aber nicht der Bleibe. Immer wieder wird sie "nach Hause", wo sie doch nie einen eigenen Platz für sich hatte, zurückgerufen. Nur auf diesen endlos langen Zugfahrten zwischen Bergen und Meeren, nur in dieser Ruhelosigkeit kann das ehemalige Kostkind - so paradox es klingt - zu sich finden. Die kargen Beziehungen zu Menschen und Männern verunglücken an der Heimatlosigkeit der jungen Frau und an den sich wiederholenden Unterdrückungsmechanismen. Die anfängliche Hoffung, auf der Insel ein leichteres Dasein zu finden, löst sich bald auf. Hitze und Wüstenhaftigkeit engen das Leben "unter dem Vulkan" ein, machen das Atmen schwer. Das Sehnsuchtsmotiv des Südens verrutscht zu einer schrillen Szene des Überlauten und Überhellen. Hier ist es die Fremdheit der Sprache, wie es in der Heimat die Schwere der Sprache war, die das Aufeinanderzugehen unmöglich macht.

Sprachlosigkeit ist allgegenwärtig, da wie dort. Demnach finden Dialoge nicht statt. Ruckartig ausgestoßene Aussagen, einzelne hingesprochene Sätze bleiben ohne Antwort. Maria Brunner schreibt eigenwillig, schmucklos, hart und gerade, die Sätze nicht von Beistrichen unterbrochen. In manchmal abgehackten, dann wiederkehrenden Sequenzen rollt sie die Geschichte des Kostkindes auf, wechselt die Schauplätze zwischen Bergen und Meeren, je nach Erinnerung oder Rückkehr. Eine Suche, ein Vergleich, eine Flucht, eine Wiederkehr, eine Stellungnahme, eine genaue Beobachtung. Eine Gültigkeit liegt in der Erzählweise, die nichts beschönigt, aber auch nichts dramatisiert. Tief aus dem Innern scheint die Sprache der Erzählenden zu kommen, aus einer schweren und dumpfen Atmosphäre von Abhängigkeit und Unterdrückung, so als wäre der Damm des Schweigens endlich gebrochen. Nur selten schwingt sich die Sprache zu einer unglückseligen Schwerelosigkeit auf, zu poetischen Verdichtungen realer Beobachtung. Doch nirgendwo eine leichte Seele, ein leichtes Wort. Nur die Hoffnung: "Erst wenn sie alles hinter sich werfen und alles verbrennen würde dann konnte sie eintreten bei sich selber. Ihr Reich würde kommen."

Aus dieser Perspektive lässt sich auch die Nuancenlosigkeit erklären, die keinen Schimmer einer Positivseite erkennen lässt. Maria Brunner wirft in ihrem Roman die Vergangenheit des Kostkindes vor dem Hintergrund von Bergen, Meeren und Menschen auf den Scheiterhaufen.

 

Beatrice Simonsen
3. Jänner 2005

Originalbeitrag

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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