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Christoph W. Bauer: Aufstummen.

Roman.
Innsbruck, Wien: Haymon, 2004.
144 S.; geb.; Eur[A] 15,90.
ISBN 3-85218-460-6.

Link zur Leseprobe

Sie hat ihr Studium nicht abgeschlossen, er hat seinen Traumberuf verfehlt. Statt als Sportreporter spannende Matches zu kommentieren, reist er mit Sportartikeln im Kofferraum durchs Land.

Vertreter haben eben keine Zeit für ihre Frauen, lehrt uns die Literatur spätestens seit Arthur Millers "Death of a Salesman". Eine Binsenweisheit, in die übliche Beziehungskiste verpackt, möchte man vorschnell über Christoph W. Bauers Prosadebüt urteilen. Aber in diesem Buch steckt mehr. Nicht das unter einer Schicht Patina verborgene Allerweltsthema interessiert in erster Linie, sondern dessen sprachliche Aufarbeitung.

Aber welche Sprache finden für die nach 20jähriger Ehe geschwundenen Gemeinsamkeiten? Wie über das Ausschweigen und die Angst vor der Einsamkeit reden, die sich in die Schlaflosigkeit graben? Weggehen, sich endlich allen Groll an den Kopf werfen, der Enttäuschung freien Lauf lassen: keine dieser Alternativen kommt für die Figuren in Frage.

Christoph W. Bauer ahnt die Fährnisse von Beziehungsdramen, die allzu leicht in eine Literatur des Lamentos münden, in der sich Weltekel mit Lebensunfähigkeit verbündet. Um nicht ins Klischee zu verfallen, bedient er sich geschickt einer ungewöhnlichen Sprache und Erzähltechnik.

Seine lyrische Prosa bringt elliptische Impressionen hervor, die sich wenig um Erklärungen kümmern, sondern hektisch die kurzen Kapitel abtasten. Langsam und geduldig hat sich der Leser dabei Anfang und Ursachen der Handlung zu erarbeiten.

Filmische Schnitte strukturieren den Text, dessen Geschehen wie von der Handkamera gefilmt in eine lesbare Bildersprache übersetzt wird. Ungeachtet der Chronologie erfolgen Rückblenden, Szenenwechsel, immer wieder reißt der Faden. Die Protagonisten stehen unter Hochspannung, und ihre Unruhe springt auf den Erzähler über. Fahrig, bisweilen abgespannt berichtet er. Lässt sich treiben von der Gewalt seines Stakkatos, das an und ab zu Beschreibungen von hoher lyrischer Dichte findet: "August, September, kleinlautere Stunden, und was dem Licht endgültig die Schneid abkaufte, kam als Oktober, schliff Bergkämme zu Äxten, die den Sonnenstrahlen den Weg ins Tal abschnitten [...]."

Vor der Kulisse einer zeitlosen Gebirgslandschaft tragen die Eheleute ihren kalten Krieg aus, nein, sie lagern ihn aus. Er sieht fern, sie verschlingt Bücher, denn "Aufstummen" ist auch ein Buch über das Lesen, ein zeitloser Topos, der weidlich Anlass zur Intertextualität gibt und unsere Leseerfahrungen mit jenen der Protagonistin verknüpft.

Eingesperrt im Kopfkino, ist jeder für sich, jeder dem Erinnern ausgeliefert. Christoph W. Bauer erzählt eine Geschichte über das gescheiterte Leben, den Schmerz und die Bitterkeit. Der Film dient ihm dabei als höhnische Metapher, weil sich in der Wirklichkeit keiner an den Anfang zurückspulen kann.

"Aufstummen" lässt in der Tat aufhorchen. Man wird es zur Kenntnis nehmen müssen.

Walter Wagner
21. September 2004

Originalbeitrag

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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