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Melitta Breznik: Das Umstellformat.

München, Luchterhand, 2002.
142 S., brosch., EUR 15.-.
ISBN: 3-630-87128-3.

Link zur Leseprobe

Unter den österreichischen Schriftstellern gibt es seit den 90er Jahren zwei, die nicht nur die Gemeinsamkeit haben, mit psychologisch meisterhaft gezeichneten, zugleich unprätentiösen Erzählungen eine stetig wachsende Leserschaft zu begeistern, sondern die auch beide dem gleichen Beruf nachgehen: Die Rede ist von Paulus Hochgatterer, Jugendpsychiater in Wien (zuletzt "Über Raben"), und Melitta Breznik, Psychiaterin in der Schweiz. Breznik debütierte 1997 mit der Erzählung "Nachtdienst" und legte vor zwei Jahren den bereits von einer größeren Öffentlichkeit rezipierten Erzählband "Figuren" vor. Beide Bücher beeindruckten durch ihren sachlich-nüchternen Stil und die Präzision, mit der menschliches Handeln, Befindlichkeiten und Abgründe beschrieben werden.

Mit dem nun erschienenen dritten Band "Das Umstellformat" begibt sich die Autorin auf heikles Terrain: Um "Vergangenheitsbewältigung" geht es oder vielmehr um das Einholen der Gegenwart durch die Vergangenheit und die daraus resultierende, stets ohne endgültiges Ergebnis bleibende Suche nach der (Familien-)Geschichte. Die Ich-Erzählerin, Psychiaterin von Beruf, besucht gemeinsam mit ihrer Mutter vier psychiatrische Kliniken in Hessen, um näheres über die Umstände des Todes ihrer Großmutter zu erfahren, die in einer dieser Anstalten während der NS-Zeit angeblich an Herzversagen gestorben ist. Auf mehreren Ebenen entspinnt sich die Erzählung: Zum einen wird nach und nach die Geschichte der kranken Großmutter aufgerollt - etwa anhand von Tonbandaufzeichnungen, die die Ich-Erzählerin von ihrer Mutter gemacht hat und in denen diese ihre Erinnerungen an die Großmutter nach und nach preisgibt. "Das Telegramm kam für uns damals aus heiterem Himmel [...]. Mutter sei an Herzversagen gestorben, ist draufgestanden, dabei hat sie doch gar nichts mit dem Herz zu tun gehabt [...]." (34) "Über derartige Vorgänge wurde nur unter vorgehaltener Hand gesprochen", so die Mutter weiters. Für die Geschichte der Großmutter außerdem relevant sind Aktennotizen aus den Krankenanstalten und Behörden. Man erfährt, dass "Frau S." auf einer Polizeistation das Auftauchen eines mysteriösen "Umstellformats" angezeigt habe, das die Menschen nach und nach in ihre Gewalt nehme. Frau S. wird tags darauf am städtischen Gesundheitsamt vorgeführt und wenig später in eine psychiatrische Klinik eingeliefert. Im Lauf des Buches erhärtet sich der Verdacht, dass Frau S. schließlich getötet wurde.

Doch nicht nur die Geschichte der Großmutter wird hier aufgerollt, die Tochter erfährt auch so manches von ihrer eigenen Mutter - Schichten der Vergangenheit, die erst im Laufe des Prozesses zu Tage kommen. Traumatische Erfahrungen während der Kriegszeit etwa oder die Bemühungen, nach dem Krieg schnell zu vergessen. Zwischen den Dokumenten und Tonbandaufzeichnungen sind (Reise-) Aufzeichnungen der Ich-Erzählerin eingefügt. Und da Breznik stets um Nuancen bemüht ist, fügt sie außerdem noch eine weitere Ebene ein: Die Erzählung von Far, einem Norweger, bei dem die Ich-Erzählerin als Schülerin ein Jahr zu Gast war. Far, der die nationalsozialistische Besatzung in Norwegen zunächst begrüßt und erst im nachhinein das Ausmaß der Tragödie realisiert hat, blieb aufgrund seines Fehlverhaltens stets ein Außenseiter in der norwegischen Nachkriegsgesellschaft: "Ich dachte, sie würden eines Tages darüber hinwegsehen, daß ich anfangs mit den Deutschen sympathisiert habe. Und was heißt schon Widerstand, die meisten Leute hier haben gar nichts gemacht" (S. 80), so der alte Mann. Gerade dieser Erzählstrang wirkt allerdings etwas konstruiert, steht er doch außerhalb der unmittelbaren Familiengeschichte und erfüllt primär die Funktion zu relativieren und ein vermeintliches Gut/Böse-Schema aufzubrechen.

Über weite Strecken kann Brezniks neues Buch jedoch durchaus faszinieren: der gekonnte Wechsel zwischen den verschiedenen Erzählsträngen, die immer wieder überraschend unkomplizierte Art, Kompliziertes beim Namen zu nennen, das ist die Stärke der Erzählerin. Was die Erzählung von vielen Versuchen zu dem Thema unterscheidet, ist die deutliche Distanz zum Erzählten und Erlebten - die sich etwa im Zitieren von Aktennotizen und Tonbandaufzeichnungen der Mutter spiegelt. Letztere wirken ja beinahe wie Aufzeichnungen eines Gespräches zwischen Arzt und Patient. Und um noch einen Vergleich aus dem Berufsleben der Autorin zu strapazieren: Die Erzählung nennt die Symptome, eine endgültige Diagnose bleibt aber aus - und das ist wohl ganz im Sinne der Autorin.

 

Peter Stuiber
5. März 2003

Originalbeitrag

 

 

 

 

 

 

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