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Thomas Ballhausen: Der letzte Sommer vor der Eiszeit.

Essays und Aufsätze.
Wien: Triton Verlag, 2003.
224 S., brosch., m. Abb., EUR 17.-.
ISBN 3-85486-151-6.

Autor

Leseprobe

Nach Zerlesen. Raubzüge durch Kulturlandschaften hat Thomas Ballhausen im Wiener Triton Verlag nun seinen zweiten Essayband mit dem poetischen Titel Der letzte Sommer vor der Eiszeit vorgelegt.
Fast die Gesamtheit unserer Einsichten verdanken wir den leidenschaftlichsten Momenten unserer Unausgeglichenheit. Dieses Zitat von E. M. Cioran hat Ballhausen seinem Buch vorangestellt, und gleich im ersten, titelgebenden Essay wird das Motto eingelöst: Der Autor berichtet von einem Filmfestival in Split, doch ist nicht von den Filmen selbst die Rede. Stattdessen hält er, durch die Stadt streunend, von greller Sonne geblendet, ein wenig Kopfweh, viele kleine Alltagsbeobachtungen, Nebensächlichkeiten fest. Kopfweh und blendendes Licht: Momente dieser angesprochenen Unausgeglichenheit, die ein farbenreiches Geflecht knüpfen, Bilder generieren: Die erste Schachpartie ist eine Finte: täuschen, foppen und die Enttäuschung über einen gar zu leichten Sieg. Den Blick wendet man zwischen den Zügen, es ginge gar nicht anders, ab: auch auf das Meer, blinzelnd. In ziemlicher Entfernung sind immer noch Schwimmer auszumachen; trotz der Distanz kann man sie frösteln, frieren sehen.

Ballhausen interessieren nicht die gängigen, stets wiedergekäuten Themen, sondern die Randphänomene und scheinbar zu vernachlässigenden Details, die helfen können, die Grenzmarkierungen des Feldes weiter nach außen zu rollen. Es sind vor allem die populärkulturellen Phänomene, denen er disziplinenübergreifend nachspürt und die hauptsächlich den Bereichen des Films und der Literatur zuzuordnen sind.

Der Begriff der Poetik des Ausschwärmens, den er Montaigne zuschreibt, könnte auch für ihn gelten: Lara Croft, American Psycho, die Gorillaz, Buster Keaton, die deutsche Autorin Nika Bertram oder Notizen zu Batailles Die Literatur des Bösen erregen Ballhausens Interesse. Er fragt sich, warum das Buch in den letzten Jahren zunehmend aus dem Museumsshop verschwindet, schreibt über Paavo Rintalas Buch Leningrader Schicksalssymphonie, das die Belagerung Leningrads im Zweiten Weltkrieg zum Thema hat.

Die Frage ist, wie die dargebotenen Leerstellen zu lesen wären, heißt es einmal. Ballhausens Methode ist stets dieselbe: Er füllt den Raum, den er durch seine Fragestellungen aufmacht, nicht aus, sondern er eröffnet neue Räume, neue Leerstellen, die neue Fragen aufwerfen. Eine Methode, die den Leser nicht billig abspeist, sondern Denkbewegungen abbildet.

Dieser zwanglose Zugang wirkt erfrischend, weil er nicht stur am Thema klebt, sondern sich Abschweifungen erlaubt, ja sie geradezu erzeugen will. Das mag einen Leser, der präzise Antworten auf präzise Fragen erwartet, überfordern, einem anderen aber interessante Inspirationen bescheren.
Mit Der letzte Sommer vor der Eiszeit lädt Thomas Ballhausen zu lohnenden Spaziergängen durch das kulturelle Feld. Lassen Sie sich (ver)führen!

 

Peter Landerl
4. März 2003

Originalbeitrag

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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