logo kopfgrafik links adresse mitte kopfgrafik rechts
   

FÖRDERGEBER

   Bundeskanzleramt

   Wien Kultur

PARTNER/INNEN

Netzwerk Literaturhaeuser

mitSprache

arte Kulturpartner

Incentives

Bindewerk

kopfgrafik mitte

Bettina Balàka: Der langangehaltene Atem.

Roman.
Graz, Wien: Droschl, 2000.
144 S., geb.; öS 250.-.
ISBN 3-85420-533-3.

Link zur Leseprobe

A. Graziani, fertigt für einen unbekannten Auftraggeber, der nur per E-mail in Erscheinung tritt, Bilder von ausgestopften Tieren im Kunsthistorischen Museum in Wien an. So wie sie die Präparate ins Visier nimmt, um sie zu porträtieren, stellt sie anhand ihrer Umwelt ganz gezielte Überlegungen an, fördert die Widersprüche konventioneller Gender-Vorstellungen zutage, vergleicht das "Künstliche" mit dem "Natürlichen". Sie macht sich Gedanken über ihren schwulen Freund Alfred mit den hausfraulichen Ambitionen, die ihm schon zweimal den Großen Bezirkspreis für den schönsten Blumenschmuck eingebracht haben; über die transsexuelle Venezuela, die zugleich eine gefragte naturwissenschaftliche Forscherin ist, bei deren Anblick sie sich fragt, ob sie ihr Frausein überhaupt ernst genug nimmt; über die Freundin Isabelle aus Marseille, die sich aus einer Laune heraus eine Zeitlang Léa nennt und ihre Erfahrungen an den Psychoseiten von Frauenzeitschriften mißt; und nicht zuletzt über sich selbst und ihre gescheiterten Beziehungen zu Männern wie dem "Kunstprodukt" Klaus, der von ihr nicht mehr erwartet, als daß sie - notfalls durch sportliches Training und operative Eingriffe - so aussieht wie "Kim Basinger mit fünfundzwanzig Jahren und bei optimaler Beleuchtung".

Die "Identität" mit dem Namen zu wechseln ist, in diesem Buch ein durchgängiges Motiv, das auch anhand einer (wie im Buch betont wird) von einem Mann geschaffenen Gestalt aus der Literaturgeschichte debattiert wird: Wedekinds Lulu, die ideale Geliebte, die immer genau zu der Frau wird, nach der es den jeweiligen Liebhaber gelüstet und die er mit einem Namen seiner Wahl bezeichnet. Geschlechter sind letztendlich nur Projektions- und Konstruktionsfelder der Gesellschaft. Daß dabei Erwartungen der Außenwelt mit persönlichen Identitätsvorstellungen kollidieren können, ist eine Einsicht, die bis zum Überdruß (weil ohne Tiefgang) mittlerweile schon in nachmittäglichen TV-Talkshows ausgebreitet wird.

Bettin Balàka sammelt in ihrem Roman Bruchstücke aus dem Leben in der heutigen Mediengesellschaft und baut daraus eine Montage aus Briefwechseln via E-mail, Kurzdialogen sowie komprimierten (Telefon-)Gesprächen und Erzählpassagen aus der Perspektive der Ich-Erzählerin Graziani. Sie skizziert und kommentiert diese Phänomene, Begebenheiten und Lebensentwürfe in einem lakonischen, sprachkritischen Erzählduktus, der - vielleicht in Opposition zu den einfach codierten Fernsehjargons - auch in altmodisch-umständliche Sprechweisen kippen kann, nie aber seine ironische Grundhaltung verliert. Die Welt der Neuen Medien taucht in Hinblick auf die alltägliche Anwendbarkeit des PCs und als angedeutete gedankliches Ordnungsmetapher auf, wird jedoch gerade nicht als dieses modische und gegenwärtige und für Kulturpessimisten so bedrohliche Universum der Freaks und Fortschrittswilligen evoziert. Der Cyberspace ist aber trotzdem präsent, auch wenn oder gerade weil er betont ausgeblendet bleibt und die Autorin etwas anachronistisch die Frage der Virtualität in Zusammenhang mit einer uralten musealen Praxis, der Tierpräparation, aufwirft.

"Der langangehaltene Atem" ist gut geschrieben, streckenweise auch unterhaltsam und definitiv einem Literaturbegriff verpflichtet, der die abgehobenen (und zum Teil schon ausgetretenen) Gänge der Sprachreflexion und des assoziativen, fragmentarischen Vorsichhinfabulierens der Vermittlung eines kompakten formalen Konzepts vorzieht. Das muß nicht als Einwand gelten, ist in diesem Fall in Bezug auf die Gattungsfrage aber nicht ganz unerheblich: Es ist nämlich eigentlich nicht ersichtlich, warum Bettina Balàka ihr Buch ausgerechnet als Roman gelesen haben will, obwohl es dies nur rudimentär ist (und sein will?) und auch Dekonstruktionsabsichten nicht unbedingt im Vordergrund stehen (wenn auch als Tradition vorausgesetzt werden?), sie dieser spezifischen Form gegenüber also eine indifferente Haltung einzunehmen scheint.

Christine Rigler
21. März 2000

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Link zur Druckansicht
Veranstaltungen
Super LeseClub mit Diana Köhle & Didi Sommer

Mo, 17.06.2019, 18.30-20.30 Uhr Leseclub für Leser/innen von 15 bis 22 Jahren Wir treffen uns...

Das Erste Wiener Lesetheater präsentiert "Erinnerung an Elfriede Gerstl – Alle Tage Gedichte"

Mo, 17.06.2019, 19.00 Uhr Lesung mit Musik Als jüdisches Kind überlebte Elfriede Gerstl...

Ausstellung
Christine Lavant – "Ich bin wie eine Verdammte die von Engeln weiß"

09.05. bis 25.09.2019 Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit ihrem Werk und die...

"Der erste Satz – Das ganze Buch"
– Sechzig erste Sätze –
Ein Projekt von Margit Schreiner

24.06.2019 bis 28.05.2020 Nach Margret Kreidl konnte die Autorin Margit Schreiner als...

Tipp
OUT NOW - flugschrift Nr. 27 von Marianne Jungmaier

Eine Collage generiert aus Schlaf und flankiert von weiteren auf der Rückseite angeordneten...

Literarischer Sommerbeginn

Die Literaturtage Steyr läuten am Pfingstwochenende den österreichischen Festival-Sommer 2019 ein,...