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Ditha Brickwell: Angstsommer.

Roman.
Wien: Mandelbaum, 1999.
335 S., geb.; öS 248.-.
ISBN 3-85476-026-4.

Link zur Leseprobe

1945: Zeitumbruch in einem kleinen Tal in Oberösterreich, wo der Glaube an den Endsieg nachläßt, doch wohin weder russisches noch amerikanisches Militär bisher vorgedrungen ist. Die Raming ist noch Niemandsland. Das Gefühl, das die Personen in Ditha Brickwells Roman "Angstsommer" antreibt, ist das der Unsicherheit und Angst. Denn "in die Dörfer draußen (...) is der Frieden gekommen wie der Krieg" (S. 15).

Die BewohnerInnen des kleinen Dorfes suchen nach einem Umgang mit dem bevorstehenden Sieg der Alliierten. Man tauscht eifrig Nachrichten aus und spielt verschiedene Möglichkeiten durch, den Hals aus der Schlinge zu ziehen, die lieber eine amerikanische denn eine russische sein sollte. Der Großbauer Stubbauer propagiert nach wie vor den Endsieg, für den er die letzten im Dorf verbliebenen wehrtüchtigen Männer zu rekrutieren versucht. Seinen Neffen Ferdinand verklärt er zum Helden, der glorreich für das Vaterland in Griechenland gefallen sei, während im Dorf schon lange Gerüchte umgehen, die behaupten, daß er zu den Partisanen gewechselt sei und sich nun zu Kriegsende in der Umgebung des Dorfes verstecke.

Ganz anders geht der Rest der Dorfgemeinschaft mit der noch ungewissen Zukunft um. JedeR ist bemüht, die eigene Biographie jetzt schon in die Richtung umzudeuten, die ein russischer oder amerikanischer Einmarsch mit sich bringen könnte. Der ehemalige NS-Fachschaftsleiter polt sich schon jetzt vom Nazi zum Retter des Ortes und seiner BewohnerInnen um, plant heimlich das Festkomitee für den Empfang der Amerikaner und sieht sich schon als neuen Bürgermeister. Er steht für das "Genie Österreichs, die Zeichen der Zeit rechtzeitig zu erkennen und bestens auszufüllen" (S. 102).

Besonders nach der Nachricht vom Tode Hitlers sprechen alle eifrig von Veränderung. Einmütig wird auf der Basis eines österreichischen Patriotismus behauptet, nun etwas dazu gelernt zu haben. Am Biertisch vollzieht sich der Wandel vom Nazi zumindest zum Opfer oder gar zum Widerstandskämpfer. Je näher der Feind rückt, desto mehr DorfbewohnerInnen sprechen von ihm als Befreier und durchforsten die Kammern nach weißen Fahnen. Und auch in den Steyrer-Werken gräbt man schnell angebliche Akte des Widerstands aus.

Doch im Prinzip bleibt alles beim Alten. Die Habgier bzw. die Angst vor materiellen Verlusten war und ist Hauptantrieb der Bauern. Kollektiv bleibt die Frage nach der historischen Verantwortung und der Funktion im nationalsozialistischen Vernichtungszusammenhang ausgeblendet. An ihre Stelle treten Überlegungen, wie Haus und Hof möglichst gut in die neue politische Situation hinübergerettet werden können. Schnell wird der Wandel vom Volksgenossen zum Opfer vollzogen und befürchtet, daß die "Heimkehrer, die Partisanen, Kazettler aa; die Fremden und die Zwangsarbeiter [...] ausgehungert und rabiat; alles auffressen" (S. 131f.). Für sie "is ka frieden. Es is nur der Krieg aus." (S. 144)

Ditha Brickwell läßt in ihrem Roman die bis heute anhaltende und erschreckend aktuelle Verkehrung der TäterInnen zu Opfern und umgekehrt schon im Mai 1945 beginnen: Den Opfern wird Verbitterung vorgeworfen, ihre Not als Raub definiert. Die Autorin zeigt am Beispiel des Landlebens, wie die scheinbar "Unpolitischen", doch nur um ihr Privates (hier den Hof) Besorgten durchaus Partei bezogenen haben und beziehen, um auf der "richtigen" Seite zu stehen.
War man gestern noch Nazi, so ist man heute der radikalste Ankläger des Nationalsozialismus. So will der Lehrer nun (noch ganz dem nationalsozialistischen Jargon verbunden) "mit aller Energie und Leidenschaft" die "Ausmerzung" (S. 254) der Nazis vorantreiben und sie "bis auf den letzten Rest aus der österreichischen Erde tilgen" (S. 255). Er selbst sei ja zur Mittäterschaft gezwungen worden und ist so vor allem Opfer. Unösterreichisch sind für ihn diejenigen, die jetzt zu denunzieren beginnen - die Nestbeschmutzer. So führen alle Wege, seien sie auch noch so kompliziert, zum Opferdasein.

Die einzigen Personen, die sich nicht in dieses Geflecht von Unaufrichtigkeit einfügen wollen und können, sind das Liebespaar Theres und Ferdinand. Deren Geschichte läßt die Autorin am 1. August 1945 beginnen, dem Ende einer Odyssee Theresias, die für ihren Geliebten einen Paß von den Alliierten besorgen will. Denn er ist der einzige, der sich vor den Militärbehörden wird rechtfertigen müssen.
Dann springt die Erzählung wieder zurück auf Ende März 1945, um die Motivation für den gefährlichen Gang Theresias zu den russischen Besatzern bzw. Befreiern auszubreiten: Ferdinand - im Dorf als gefallener Held oder wahlweise Deserteur und Partisan gehandelt - muß sich in den Wäldern und Gärten verstecken. Er, der längst außerhalb der Dorfgemeinschaft steht und hinsichtlich seiner eigenen Zukunft und der Österreichs aufgegeben hat, kann als einziger die Verhältnisse klar sehen: "So haben Bauern immer den Zeitlauf abgewartet, sind mitmarschiert, als nichts anderes half, haben ihre Söhne in den Krieg geschickt, ohne Widerstand die Macht mitgetragen. Aber jetzt, als es fast vorbei war, suchten sie rechtzeitig die neue Flugbahn. Hier ist Österreich, sagten sie." (S. 109)
Man sucht zwar im Ort nach potentiell vorzeigbaren Widerstandskämpfern, doch Ferdinand scheint nicht dazu geeignet. Denn man hat Angst, er könnte den schnell heraufbeschworenen "ortseigenen Widerstand" verunglimpfen.
Die praktische Theres versucht, ihn wieder vom Versteck am Berg herunter und ins Leben zurück zu holen. Sie will ihm einen neuen Paß und damit eine neue Identität verschaffen. Doch Ferdinand hat im Krieg zu viel gesehen und bei seinen nächtlichen Lauschexpeditionen im Dorf zu viel gehört. Er glaubt nicht an den vom Lehrer verherrlichten neuen, österreichischen Menschen. Er will diese Zukunft nicht, in der die Lügner den Lügnern verzeihen, und die Vergangenheit will ihn nicht. "Absterben bei Lebzeiten" (S. 301). So beschreibt er am Ende des Romans seine Vergangenheit und Zukunft.

"Angstsommer" ist nicht zuletzt aufgrund der Sprünge zwischen den Ereignissen im März und August 1945 und dem Ineinander von innerem Monolog, Dialog und Beschreibung keine leichte Lektüre. Doch die Biographien der Personen sind so geschickt ineinander verwoben, daß der Spannungsfaden nie abreißt und die bedrückende Atmosphäre authentisch vermittelt wird. Trotz der unbarmherzigen Schilderung der Ereignisse gibt es keinen moralischen Zeigefinger, was das Buch zu einem spannenden, sehr kunstvollen Gemälde des österreichischen Hinterlandes im Jahr 1945 werden läßt .

Doris Koller
8. Mai 2000

 

 

 

 

 

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