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Laudatio auf Otto A. Böhmer

Anspruchsvolle Verlierer

Schwer denkbar ist ein Mensch, sehr verehrte Zuhörerinnen und Zuhörer, der über das, was wir üblicherweise sorgsam verschweigen, über Mißgeschicke, ja Unglücke, Blamagen und Verlegenheiten seines privaten und beruflichen Lebens bei möglichst ansehnlichen Tortenstücken, Bieren, Zigarillos freimütiger plaudert, als der Schriftsteller Otto A. Böhmer. Man lacht darüber Tränen, unersättlich, völlig wehrlos. Kennt man ihn ein bißchen, tut man es sogar fast guten Gewissens, denn er scheint mit dem Effekt hochzufrieden zu sein. Die erzielte allgemeine Heiterkeit garantiert ihm offenbar eines: Es ist ihm gelungen, erzählte Niederlagen der Aura des Katastrophalen zu entrücken in eine andere als die landläufige Hierarchie, nämlich in die seine, die in der Tat philosophische, wo Sieger in ihrer strahlenden, neuweltlich zähne- und victory- zeigenden Einfalt sich sehr davor hüten müssen, nicht allein albern, sondern sogar ein bißchen irreal zu wirken, weil das lauernde Reale in den menschlichen Verhältnissen, verdeckt oder nicht, letztenendes unerbittlich das Verlierertum ist und sein muß.

Nur beim Fußball sieht Böhmer, der auch einschlägige Kolumnen verfaßt, das allerdings, wenn ich mich nicht täusche, gerade wegen der euphorisierend strotzenden, tief entspannenden Eindeutigkeit der Spielhandlung, etwas anders. Anscheinend sehr anders: nämlich passioniert und parteiisch. Wenn aber der entschlossen taumelnde Held seines zweiten Romans "Das Jesuitenschlößchen" den Namen eines legendären Stürmers der Frankfurter Eintracht, Hölzenbein, trägt, dann ist das zwar zweifellos eine Reverenz an den leibhaftigen Ballvirtuosen, zeigt jedoch ebenso, was beim Eingang in die Böhmersche Literatur passieren mußte: Aus dem allseits gefeierten Sieger ist ein etwas dubioser Intellektueller und Versager geworden, jemand, der überall beinahe schon unverschämt und entgegen seinen anders lautenden Behauptungen nicht den Treffer, sondern mit viel Alkohol und untrüglichem Instinkt das Scheitern sucht, im gesellschaftlichen Leben, im Beruf, in der eigentlich dringend erhofften Liebe.

Schon sind wir aus dem Leben mitten in Böhmers Werk gesprungen, wo, in den Essays wie in den Romanen, vorherrscht, was man vorsätzliche Schwermut oder besser: Melancholie? oder manchmal noch exakter (und schöner sowieso): Wehmut nennen könnte. Zunächst handelt es sich wohl einfach um eine Wesensneigung, um eine ästhetische Vorliebe für komplizierte Pechsträhnen und sachte Untergänge, so wie jemand Geschmack an einer bestimmten Instrumentenmischung findet oder etwa subtile frühherbstliche Witterungsverhältnisse gegenüber den deftigen Reizen anderer Jahreszeiten favorisiert. Es geht aber auch um die Einsicht und das gestrenge unausgesprochene Urteil, daß der, der im Leben fabelhaft siegt, das nur tut, weil er zu wenig ersehnt hat, schändlich unberührt von dem Gesetz, "daß das Ich, allen seinen Weit- und Höhenflügen zum Trotz, immer wieder im Körper landet, ja von dort eigentlich nie wegkommt. Dies unentwegt neu bedenken zu müssen, ob man will oder nicht, kann krank machen - und in einer Weise verzweifelt, die nur hypochondrisch, d.h. höhnisch-heiter und mit boshaftem Wohlgefallen an der mangelnden Eigenbefindlichkeit zu ertragen ist." So Böhmer in einer Funksendung über Schriftsteller und Hypochondrie, womit er die Grundverfassung seiner Helden beschreibt, auch wenn die noch fragwürdigere Arbeitsfelder haben sollten als die der Literatur. Übrigens erhält sogar die Philosophie erst da, wo sie sich zur "reizvollen Eigenbrötlerin", wie es in einem Text zu Epikur heißt, mausert, für Böhmer die eigentliche Interessantheit, und es beschwert ihn wenig, daß sie heute offenbar gänzlich abgedankt hat. Eignet sie sich, vermutet er, nicht gerade deshalb als "Verständigungsprogramm ... für anspruchsvolle Verlierer", wenn auch eben nicht in Gestalt der heutigen "wendigen Sinn-Designer?"

Als wüßten die von Böhmer ins Gefecht geschickten Protagonisten, unsichere Kandidaten sie alle, genau, was ihre Tauglichkeit für den Autor ausmacht, gestehen sie sich ihre Verwirrtheit, ihr Stolpern, ihre Ausrutscher, ihr würdevoll-lächerliches Ausgleiten in der Welt, das auch ein tödliches sein kann, ein. Sie tun es wohl auch für uns durch ihren stillschweigenden Einspruch gegen den immer barscheren, allgegenwärtigen Befehl zum Erfolg und seiner vulgären Präsentation, tun es selten beschämt, häufig fast flegelhaft und annähernd immer in gut trainierter Eloquenz. Sie sind vielleicht im Detail überrascht von neuen Winkelzügen der Mitmenschen und des Schicksals, aber nicht von der Sachlage an sich. Eine fatal gewappnete Erwartungshaltung, die sich gelegentlich nahezu selbstzerstörerisch gegen sie wendet in Widerrufen solcher Art: "Alles war in Ordnung. Nichts stimmte", in einer wie von ihrem Erbauer schon vorab entmutigten Dramaturgie der Handlung, in der stärker an Kreisgänge - das kann selbst ein Mord nicht ändern - als an vorwärtsschnellende Storybewegungen geglaubt wird, auch das ist versteckte, mentalitätsgestiftete Programmatik, sowie in einer Dehnbarkeit ihres Bewußtseins durch Tagträume, die an den Gesetzen von Zeit und Raum zumindest kräftig rütteln.

Alle Helden Böhmers sind uneindeutige Kameraden, deren einzig zuverlässige Schwerkraft ihr Verlierertum ist. Sie fühlen sich ab und zu triumphal und oft schwach, voll Eifer, an irgendein Werk zu gehen und bald wieder erschlafft, bequem, träge. Wie wollte man entscheiden, wie es momentan verstärkt und in unheiliger Einfalt von der gesamten Erdkugel verlangt wird, ob sie der Welt des Guten oder Bösen angehören?
Menschenfreundlich oder nicht, sittsam oder unanständig, im Recht oder im Unrecht, glücklich oder leidend? Noch einmal: gut oder böse? Natürlich, und hier verzichtet Böhmer um der Wirklichkeit und Wahrheit willen, auf die beliebten holzschnitthaften Tricks von Dämonisierungen in eine der beiden Richtungen, sind sie beides zugleich, wie wir alle es sind.

Wie wir es, jederzeit und an jedem Ort zunächst einmal prinzipiell alle sind. Wir unterscheiden uns in erster Linie nur darin, ob wir es zugeben, vor uns, vor Zeugen oder lieber unterschlagen, verhehlen, dementieren. Die nicht besonders politischen, launischen Böhmerschen Figuren aber bewegen sich unter anderem deshalb ständig zwischen kleinen und größeren Debakeln, weil ihre Um- und Mitwelt etwas mehr bürgerliche Contenance, disziplinierteres Aufrechterhalten einer stabilen, positiven Kontur verlangt, private Staatsräson, gewissermaßen.

Das könnte auch der Leser fordern. Böhmer kümmert sich trotzdem nicht darum, entschädigt aber durch Komik, die, zuverlässig verfügbar und robustierend, seine Helden bei ihren selbstmitleidigen Capricen und mutwilligen Ausuferungen zurechtweist. Sie entsteht bei deren Zusammenprall mit der Realität und zeitigt dabei schönste Ergebnisse. Böhmer: "Schließlich ist die Welt der Gedanken im Kopf unsere vertrauteste und zugleich auch unsere unheimlichste Welt. Allerdings stößt sie sich immer wieder an der anderen, uns überragenden und belastenden Welt, die wir genötigt sind, als real zu begreifen." Die Komik ist Stilmittel und zugleich ein bitter notwendiger Trost beim Crash mit der Alltäglichkeit, die jegliche Art von Höhenflug zum Erlöschen bringen will, sie ist, noch einmal Böhmer, "der wahre Feind - für die Liebenden, für die Visionen, für die großen, unbändigen Gewißheiten." Wir nähern uns dem zentralen Punkt, von dem aus die Verlierer im Werk dieses Autors in ein neues Licht geraten. Sie alle sind Gesellen und Meister in der Technik der unermüdlichen Aufschwünge und des ebenso unvermeidlichen tiefen Falls, jener Abstürze, die kein Beweis sind für die Unsinnigkeit der vorangegangenen, rauschenden Emphasen. Weshalb die von ihnen periodisch Ergriffenen auch unbelehrbar bleiben, als nähmen sie in solchen Augenblicken teil an einer richtigeren Welt mit sehr begrenztem Aufenthaltsrecht. Dabei können sie völlig inaktiv, bewegungslos verharren, ohne Handeln, ohne spektakuläre moralische Konsequenzen. Solche Sternminuten aber sind ihr Lebenselixier und zugleich die Grundlage ihres Versagens im bald schon wieder grob sich einmischenden Reich der Banalität, der Verstaubung und Abnutzung.

Unmäßiges Schlafbedürfnis und übermäßiges Schwitzen, übertriebene Speiseaufnahme, Erbrechen, Aderlassen, Wasserlassen, Kopfschmerzen, Bedürfnisse des Sexualtriebs, Stürzen, Spucken, Schreien, Prügel: So stellt sie sich dar, die Irrenhaus- und Körperwelt, in der Friedrich Nietzsche, der Obermeister unter den Höhenfliegern, gefangen ist, wenn er ihr nicht gerade im Zuge einer Euphorie entkommt, jedenfalls in Otto A. Böhmers Roman "Der Hammer des Herrn", der betitelt ist nach einer Eigenbezeichnung oder -bezichtigung des Philosophen.
Das Leben Nietzsches, einsetzend mit der berühmten Turiner Pferdeumarmung und mit zahlreichen Rückblenden seinen Leidensweg bis zum Tod verfolgend, erweist sich als ununterbrochenes, bereits in kindlichem Alter geübtes Auf und Ab der Stimmungen, ein Hoch und Höchstmaß der Visionen und erleuchteten Erkenntnisse, ausnahmslos abgestraft von den Erniedrigungen durch den eigenen Körper in seiner Vitalität und Gebrechlichkeit sowie durch die demütigende Behandlung bös- und gutwilliger Helfer. Es versteht sich, daß die Schrecken seiner Landungen in der Realwelt die Ich- Überschätzungen und Übersteigerungen, die Momente träumerischer Ekstasen zusätzlich verklären.

Nietzsche erscheint hier als Solitär und Jedermann, als großer Philosoph und als hinfälliger Mensch, beides ohne das jeweils andere zu mindern. Seine Aufschwünge und Abstürze waren zweifellos extremer als die möglichen seiner Mitmenschen und doch, und das ist das, was ich an Böhmers Buch am meisten schätze, ist dieser Roman weit mehr als eine teils fiktionale Philosophenbiographie. Es ist ein dezenter, jedoch unüberhörbarer Appell, um der Hochflüge willen, zu denen die Menschen grundsätzlich und nicht-exclusiv fähig sind, den grauen gesunden Menschenverstand zeitweilig außer acht zu lassen, das Scheitern nicht zu fürchten, für Sekunden oder Stunden die potentiellen Dimensionen von Seele, Geist, Gemüt auszukosten. Es ist, an der gewaltigen Vorlage Nietzsches orientiert, ein Plädoyer für die Entdeckung der Nicht- Durchschnittlichkeit des sogenannten Durchnittsbürgers. Er findet hier ein in Schönheit, Schrecken und Komik singuläres Modell für etwas, das in ihm selber steckt.

In der vorzüglichen Einleitung zu seinem Essayband "Zeit des schönen Scheins" beschreibt Böhmer die Dichter als diejenigen, die jene überwältigende vergängliche Klarsicht in der "Helle des Mittags", wie Nietzsche es nannte, als "glückliche Heimsuchung" empfinden und aus ihr eine Gegenwelt des schönen Scheins erbauen, in der Bestand hat und Dauer gewinnt, was in der Realität nur momentweise aufblitzt.

Diese Sekundenentrückungen, denen sich also wesentlich der Sonderfall, die Inspiration des Kunstwerks verdankt, sind die bilderreichsten und sprachintensivsten Passagen in Böhmers Büchern. Sie fehlen in keinem, denn als Augenblickerscheinung gehören sie zu unser aller menschlicher Natur, als knapp bemessenes Fest und vorübergehende Vollendung unserer irdischen Möglichkeiten.

Danken wir dem Autor, daß er nicht aufhört, mit stiller Leidenschaft daran zu erinnern, ungerührt, in einer Welt, die einen ganz anderen Zuschnitt mit reduzierter Skala anstrebt. Obschon ich mich frage, ob ihn das Scheppern und Gepolter der jeweils fälligen Bauchlandungen nicht mindestens genauso fesselt.

Lesen Sie ihn also selbst!

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