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Otto A. Böhmer

Geb. 1949 in Rothenburg ob der Tauber. Schriftsteller, Publizist, Literaturkritiker und Filmemacher.

Studium der Philosophie, Politologie, Soziologie und Literaturwissenschaft an den Universitäten Münster und Freiburg. 1977-1986 Lektor bei verschiedenen Verlagen. Übersetzer, Herausgeber von Texten des 19. Jahrhunderts (Annette von Droste-Hülshoff, Joseph von Eichendorff). Hörspiele und Rundfunk-Features, Dokumentarfilme zur deutschen Literatur und Philosophie. Beiträge in Anthologien, Zeitungen und Zeitschriften, Romane. Mitglied des Internationalen P.E.N.-Clubs.
Lebt in Wöllstadt (Hessen).

Werke in Auswahl

 

  • Der Hammer des Herrn (1994/2000)
  • Sternstunden der Philosophie (1994)
  • Neue Sternstunden der Philosophie (1995)
  • Lady Rose (1996)
  • Sofies Lexikon (1997)
  • Als Schopenhauer ins Rutschen kam (1997)
  • Fogerty (1998)
  • Der junge Herr Goethe (1999)
  • Weimarer Wahn (1999)

Textauszug aus Otto A. Böhmers Roman "Der Hammer des Herrn" München: Goldmann, 2000. S. 237-243 Teil der Lesung des Autors anläßlich der Fried-Preisverleihung.

In der Nacht hatte er schlecht geschlafen, warum das; seine letzte Nacht, er lag ja schon auf gepackten Koffern, ein Mann, genesen innerhalb langer Wochen, und im Kopf hatte er alles 1ängst verarbeitet, dazu vorbereitet die Zeiten, die jetzt kamen. Warum also die alte, unnütze Quälerei; sein Magen zog sich zusammen, rhythmisch, und während er zum Abtritt schlich, hörte er durchs geöffnete Fenster die Kegler, die sich noch einmal hervorgewagt hatten; in der Bierhalle standen sie, mit Getränken versorgt, und warfen die toten Köpfe. Er übergab sich, mehrere Male, dann war sein Magen leer und überreizt; jede Bewegung konnte nun schaden. Seine Krankheit hatte er nicht verlernt in der Genesung, ließ sich dies nicht, versöhnlerisch betrachtet, als beruhigende Botschaft für die Zukunft begreifen, seine Zukunft, die er anders ausmalte; ein Schlachtengemälde, versehen mit allen Farben der Welt - ein Stilleben, dargeboten als listige, die Wirklichkeit dekuvrierende Inszenierung, und er lag auf dem Bett, fröstelnd, doch nahezu bewegungsunfähig; nicht mal zum Fenster wollte er, um es zu schließen; nicht mal hinaus in die Nacht konnte er, um den Rabauken ein letztes Mal heimzuleuchten, Tatsächlich leuchteten die Wälder, das sah er, unbewegt, von seiner Bettstatt aus; ein Glanz hatte sich erhoben, einschmeichelndes Licht, das zwischen Baumstämmen zu verharren schien, Wind ging dazu, der ihn, wohlmeinend, an das erinnerte, was er sich, hier unten im Tale, zurechtgelegt hatte. War das nicht eine fast feierliche Stimmung, die man sogar mit Tränen begrüßen durfte, Tränen der Einsichten und der Gewißheit, eine erhebende Stimmung, schon ging's ihm besser; das Vergangene blieb ja, blieb gegenwärtig, und die Zukunftsmusik, sie wurde wieder und wieder gespielt, ein nicht totzukriegendes Rührstück, an dem so viele Herzen hingen; er lachte, mußte lachen, auch wenn das dem Magen mißfiel, lachte, denn die Kegelbrüder schienen etwas von der feierlichen Stimmung mitbekommen zu haben; sie hielten inne, eine Kugel fiel noch, eine Flasche, die am Boden der guten alten Bierhalle zerbrach, sie waren doch seine Freunde, kegelnde Männer aus deutschen Landen, die begriffen, was ihm widerfuhr - in der Schönheit dieser Nacht. So weinte er denn, gänzlich unberührt, glücklich, durfte man sagen, glücklich, und er dachte an Elenor, Lou, die sich nicht in die von ihm erkämpfte Ruhe hatte hineinzwängen lassen, sie war verschwunden, nach einem ordnungsgemäßen Abschied immerhin, nach ein paar Tränen, die aber leicht zu beschwichtigen waren, fand er; sie würde ihn wiedersehen, hatte sie gesagt, da sei sie sicher, schließlich bedeute auch ihr der Gedanke sehr viel, daß sie, trotz aller Distanzen und Streiche, füreinander bestimmt sein könnten, ihm war aufgefallen, wie sehr sie sich mit jeder Bewegung verändere, fast konnte man meinen, daß sie den Wünschen genehm sein wollte, die er mit ihr verband; sie schmiegte sich an unter seinen prüfenden Blicken, und wenn er Angst bekam, Angst vor der eigenen Stärke, wich sie zurück, ging ein in die geheimnisträchtige Welt ihrer Pflichten. So blieb gewährleistet, daß ihre Liebe etwas Unwirkliches behielt - ein sehnsüchtiges Spiel, ausgerichtet für Diebe, die ihre Gelegenheiten bekamen. Schon hatte er wieder Mühe, sich ihr Bild vor Augen zu rufen: er sah eine junge Frau, die sich vor seinen Blicken verbarg, so als wüßte sie längst, daß er es nicht ernst meinen konnte, jetzt, wo ihm neue Aufgaben gestellt worden waren, weltbewegende Aufgaben, die für eine verspielte Liebe keinen Raum mehr ließen; sie verschwand, die junge Frau; wer mochte es ihr verdenken, verschwand in den Wäldern, die noch immer glänzten; ihre Schritte hörte er noch, es war ja still, nur der Wind rauschte, und über dem gewöhnlichen Himmel, der nun aufgerissen war, tat sich ein zweiter Himmel auf, sternenübersät, ein wahrhaftiges Firmament, mächtig aufgedonnert, so daß man die alten Gedanken nach einer soliden Ewigkeit wieder auflegen konnte; Fliehkraft, eine kosmische oder eher komische Reise, das Universum, so nannte man es wohl, war ja, wie es hieß, ewig auf Trab, öde Vorstellung eigentlich, eine zersplitterte und doch unglücklich zusammengehaltene Welt, die sich ständig dehnte und streckte, eine schlecht ausgeschlafene Schöpfung demnach, und wo war der verschlafene Schöpfer; er lachte, der Schöpfer, erhob sich vom Bett, vorzüglich ging's ihm wieder, dem Schöpfer, danke der vereinzelten Nachfrage; er verließ den Raum, bekleidet nur für diese eine Nacht, das reichte; die Treppe ging er hinunter, öffnete die Tür, die der Herr Adler, welcher übrigens, wie er kürzlich erst festgestellt hatte, nicht nur wie ein Adler aussah, sondern im Körperbau einer sparsam bewirtschafteten Röhre glich, in der Regel unverschlossen ließ, der Herr Adler, gut so, man mußte schließlich, Genesender oder nicht, davonkönnen, und unten, jetzt unten vor dem Gästehaus, büßte der Himmel bereits etwas von seiner Großartigkeit ein, desgleichen der Glanz, der nun eher zum Abglanz wurde, egal; hoch war er noch immer, der Himmel, ein rauschendes, quergelegtes Unendlichkeitssegel, in welches der Wind sich mit einbegeben hatte, so daß immerhin jene Einheitlichkeit verbürgt schien, an der die Wahrnehmungen auf jeden Firlefanz verzichten konnten; keine Objektivität mehr, keine Subjektivität, wie gehabt, wie gesehen, auf dem Dach der Ruinen etwa hatte er's gefühlt, aber eine solche in sich geschlossene Gewißheit ließ sich ja nicht halten, er mußte das wissen; was zusammengehörte, brach auseinander, immer wieder und wieder, so wollte es die Erkenntnismaschine, und er ging unter seinem Himmel einher, der über ihn hinwegzog, Unruhe-Geist, dort oben, uralter Maschinist, längst überfordert mit dem an ihn gerichteten Ansinnen, in den Ruhestand zu treten oder aber, gefälligst, sich zu offenbaren.
Er kam an seinem Schwimmbassin vorbei, dessen Wasser vom Wind aufgerauht war; natürlich wäre er jetzt gerne hineingesprungen, aber das konnte er auch noch auf dem Rückweg tun; es sollte ja kein langer und schon gar kein starker Marsch werden, den er ablieferte, eher ein Spaziergang, verstohlen, nach aufmüpfiger Rentnerart, eine allerletzte Verabschiedung, Elenor, Lou nach, die sich in die Wälder geflüchtet hatte, von denen es hieß, sie gehörten, bis auf den letzten Fuchsbau, dem Fürsten von und zu Fürstenberg, den man, dachte er, auch wohl als Fuchs titulieren durfte, denn hatte er nicht längst in seinem Revier gewildert und ihm, dem Professor Nietzsche, Elenor abspenstig gemacht, so ein Fuchs; er aber, er blieb der Liebhaber - auf Abruf stand er bereit, ihr Liebhaber, ein Verläßlicher, groß und breit stand er in ihrem Weg, so daß sie eigentlich nicht mehr an ihm vorbeikonnte, nie mehr, während sie sich mühte mil ihrem Leben, nie mehr, womit sich Anfang und Ende wieder gefunden hätten, Kreisgang also, mitten im Leben, und da sprachen andere doch schon vom Tod. Eine wunderbare Nacht war dies, eine Nacht zum Sterben; wer durfte sich glücklich schätzen in dieser Nacht, wer starb, eine alte Frau etwa, ein Greis, dazu ein paar Kinder, allesamt beweint von den Hinterbliebenen, die sich nicht trösten lassen wollten, was nur bewies, daß sie Dummköpfe waren; am Leben hing, wer das Sterben noch nicht kannte, und er, er kannte es längst. Um die alte Frau tat es ihm leid, in dieser Nacht; fast konnte man meinen, daß er sie kannte, eine Vertraute aus versunknen schönen Tagen; ihr Gesicht war ihm, für Augenblicke, merkwürdig gewärtig, ein liebes altes Gesicht, in dem die Augen ständig zufielen, so als würde dort, in diesem Gesicht, ein letzter Kampf gegen die Müdigkeit geführt, mit welcher der Tod durch die Lande zog; sie ging ihm zur Hand, Müdigkeit, unverzichtbare Gefährtin, täglich bereitete sie seine Geschäfte vor, schöne Person, noch immer, wenn auch schon deutlich angejahrt: verführerisch war sie, die Müdigkeit, wo er, der stets grau in grau gekleidete Herr Tod, sich unangenehm schroff gab, verführerisch, mußte wohl sein so, und die alte Frau, die ihn, er sah sie ja noch, an seine Jahrhunderte zurückliegende Kindheit erinnerte, starb; ihre Zeit war gekommen. Er kehrte um; verfehlte, vielleicht auch verlorene Stimmung, sein Gespür. Immerhin tat der Himmel ein übriges, er gab nach, noch in dieser, nicht mehr so ganz feierlichen Nacht gab er nach, machte sich flach, vor der eigenen Größe flach; kannte man schon, und das Rauschen des Winds wurde zum zögernden, fast lachhaften Wimmern.

Die Schmerzen hatten zugenommen, und Doktor Gutjahr war gerufen worden. Der stand nun am Bett von Franziska Nietzsche und gab Anzeichen von Ratlosigkeit zu erkennen; nach einer weiteren aufmunternden Predigt war ihm nicht mehr zumute, er hatte ja alles gesagt. Die Frau Pastor schwieg; sie schien sich mit dem abgefunden zu haben, was ihr auferlegt worden war, und so gab es, tatsächlich, nichts mehr zu bereden, eine für den Prediger Gutjahr ungewohnte Situation; er hätte gehen können, durch die rauschende Nacht zurück auf sein Lager, die Angelegenheit war geregelt, ein Fall für den himmlischen Beistandsdienst. Franziska Nietzsche, gekrümmt auf der Seite liegend, lächelte; der arme Gutjahr, er gähnte unentwegt, beneidete die Frau Pastor um ihr Bett, das sie nicht mehr verlassen mußte. Auf der Stelle lag sie, rührte sich nicht, diese Haltung war erprobt worden in den Nächten zuvor; so ließen sich die Schmerzen besänftigen. Sie hörte das Rauschen des Windes, der ums Haus tänzelte, eine rauschende Nacht, wahrhaftig, eine Ballnacht, und ihr Liebhaber kam, sehr bald schon, um sie zu holen. Die Tochter war erschienen, Lieschen, auf Zehenspitzen ging sie, putzig sah das aus, die Frau Doktor Förster, zu gewichtig an sich, um auf Zehenspitzen zu gehen, da knickte sie doch ein, mit jedem zweiten Schritt, und so ging sie auch nur bis ans Bett, Lieschen, vorsichtig, setzte sich dort neben die Mutter, die sich noch mehr einkrümmte, unwillkürlich, was einem Ducken gleichkam - vor der Tochter; das alles war zu sehen, klar und deutlich im trüben Licht, bevor der Mutter die Augen zufielen; sie hörte noch, wie Elisabeth mit dem Doktor flüsterte, und der schien in seiner Ratlosigkeit schon zu kondolieren. Franziska Nietzsche war es, als stünde die Tür noch offen; natürlich, einer fehlte ja noch, der Sohn, und der kam, wie sie wußte, um sich in aller Liebe zu verabschieden; Fritz, er beugte sich über sie, berührte ihre Wange, sprach auf sie ein, ein fast zärtliches Gebrabbel, dem sie nicht widerstehen konnte, nicht wollte; war er etwa vom Liebhaber geschickt worden als Vorhut, der Sohn, so blieben sie am Ende doch noch beisammen, die ganze Familie, liebend beisammen; höheren Orts nur, eine Liegenschaft mit ungeahnten Aussichten, von der aus sie zuschauen durften, endlich, nur zuschauen, und Franziska Nietzsche hörte den Sohn wiederholen, was er ihr einst geschrieben hatte, als Trost in verwilderten Zeiten, die von der Mutter beklagt worden waren, nahezu jämmerlich: "Die Vorteile, tot zu sein, Mama", flüsterte er, "sie sind beträchtlich. Keiner kümmert sich mehr um uns, keiner. So einfach geht das: Sich wegdenken aus der Menschheit, die Begehrungen aller Art verlernen - und den Überschuß an Kraft auf das Zuschauen verwenden! Eine herrliche Friedfertige wirst du sein, Mama, auf immer und ewig, nichts entgeht dir, denk nur; du bist - und bleibst - der unsichtbare Zuschauer."

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