logo kopfgrafik links adresse mitte kopfgrafik rechts
   
Facebook Literaturhaus Wien Instagram Literaturhaus Wien

FÖRDERGEBER

Bundeskanzleramt

Wien Kultur

PARTNER/INNEN

Netzwerk Literaturhaeuser

mitSprache

arte Kulturpartner

Incentives

Bindewerk

kopfgrafik mitte

Gabriel Barylli: Wer liebt, dem wachsen Flügel

Roman.
München: Nymphenburger, 1999.
192 S., geb.; DM 29,90.
ISBN 3-485-00809-5.

Link zur Leseprobe

Einem positiv denkenden Mann in der Midlife-Crisis mißtraut man als gelernter Leser wie einem Antiquitätenhändler, der einem jenseits der Vierzig einen Heiratsantrag macht. Gabriel Barylli (geb. 1957), der Tausendsassa in den Bereichen Film, Buch und Fernsehen, schickt seinen positiven Helden tatsächlich als Antiquitätenhändler in die Literatur, und er macht nicht nur filmreife Heiratsanträge, sondern auch Anträge an den Leser, das Leben positiv zu sehen.

Mit vorerst reservierten Gefühlen läßt man sich auf Baryllis Heldenmonolog ein, der naturgemäß aus sehr viel assoziativem Trash besteht. Der Erzähler fuchtelt mit seiner Seele gar nicht lange herum, vielmehr wird das Leben wie Lava ausgegossen, sodaß sich vor allem der ungeduldige Leser an der heißen Seelenbrühe verbrennen kann.

Dennoch kehrt bald eine gewisse Ordnung ein, denn die Wörter hurtig und munter erinnern an ein frühes Buch aus der Kindheit, gleichzeitig gesellt sich auch das passende Wetter dazu, und plötzlich sind wir alle in Salzburg, wo während der Festspiele die Gedanken aus Butter und Honig sind.
Wie eine Bio-Biene summt der schwer Verliebte nun von Glückskelch zu Glückskelch und nippt an allen Schaufenstern die ganze Getreidegasse hinauf und hinunter. Glücklicherweise können sich in der Physik die Atome nicht verlieben, denn sonst wäre die Welt wohl schon mehr als einmal aus dem Leim gegangen und hätte sich in Gefühlssäften aufgelöst. Barylli schickt seinen verliebten Erzähler aus Überschwang in verschiedene Sachgebiete, wo sich die Liebe jeweils recht unnütz vorkommt. So ist etwa die Liebe wie ein Atom, das durch spontane Energiezufuhr den berüchtigten Quantensprung macht. Jedoch fällt das arme Atom wieder in sich zusammen, wenn die Liebe nachläßt. Da ein Seelenstrom nie logisch, sondern höchstens psychologisch dahinfließt, können Erklärungen zum Zustand der Welt durchaus seltsam ausfallen. Eine tolle Erklärung für die Einsamkeit des Herzens gipfelt darin, daß es einsam sein muß, da es von einem völlig einsamen Menschen, nämlich von Bill Gates, erfunden worden ist.
Ein paar Seiten später setzen Männer plötzlich gespiegelte Sonnenbrillen auf, und Frauen werfen sich unter eine ungewöhnliche Frisur, was wieder auf die berüchtigte Midlife-Crisis hindeutet.
Schließlich zieht sich noch ein Antiquitätenwitz durch den ganzen Gedankenstrom namens Romans: "Wissen Sie, warum die Frauen zehntausend Jahre lang unterdrückt wurden? - Es hat sich bewährt!"

Als Leser will man sich nach diesem Roman nicht unbedingt verlieben, denn wer weiß, ob sich so eine Affäre ebenso leicht zuklappen läßt wie dieses Buch.
Gabriel Barylli, der es spielend schafft, Kulturseiten und Seitenblicke mit einer Handbewegung zu füllen, geht auch in seiner literarischen Produktion mit Tempo ans Werk. Indem er Filmstoffe, Theaterregie und Glanzrollen in einem medialen Aufwaschen erledigt, fallen die Bücher geradezu wie von selbst geschrieben an.
Für Leser, die sich jährlich nach dem Stand der Midlife-Crisis in Ägypten ("Nachmittag am Meer") oder in Europa erkundigen möchten, ist Barylli als Trendsetter unentbehrlich. Und man glaubt es kaum: Trotz aller Reserviertheit vor der Lektüre entwickelt dieser Gedankenstrom der Barylli-Helden Saugkraft, die einen vom Leben abzieht. Daß man dabei nicht unbedingt auf tiefgehende Gedanken kommt, ist im Programm vermutlich vorgesehen.
"Das Kultbuch zum Kinofilm" heißt es am Umschlag. Und wie immer, wenn es auf die Schnelle gehen soll, wird aus Kultur ein Kult.

Helmuth Schönauer
22. Februar 1999

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Link zur Druckansicht
Veranstaltungen
PS – Politisch Schreiben #6: "Das Prosadebüt" - VERSCHOBEN AUF 8. Juni 2021

Mi, 27.01.2021, 19.00 Uhr Zeitschriftenpräsentation mit Lesungen Die Veranstaltung wird auf den...

Topografie des Exils Erinnerungswege & Diskurse: Soziologie, Geschichte, Kultur - online

Do, 28.01.2021, 19.00 Uhr Gespräch Die Veranstaltung kann über den Live Stream auf unserer...

Ausstellung
Claudia Bitter – Die Sprache der Dinge

14.09.2020 bis 25.02.2021 Seit rund 15 Jahren ist die Autorin Claudia Bitter auch bildnerisch...

Tipp
Zum Nachsehen: Der großartige Zeman Stadlober Leseklub Adventskalender

Um den Advent und den zweiten Lockdown ein bisschen zu versüßen, wurde im Dezember 2020 der...

OUT NOW flugschrift Nr. 33 von GERHARD RÜHM

Die neue Ausgabe der flugschrift des in Wien geborenen Schriftstellers, Komponisten und bildenden...