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"mitSprache unterwegs"

ist das gemeinsame Projekt der österreichischen Literaturhäuser und verwandter Einrichtungen in den Jahren 2009 / 2010.

Zehn österreichische AutorInnen nehmen die Mobilität, die Vielseitigkeit und den scharfen Blick Joseph Roths zum Anlaß, heute auf Reportagereisen zu gehen und zu berichten.

Mehr zum vom BMUKK geförderten Projekt auf der vielseitigen von Christiane Zintzen verwalteten website:

http://www.zintzen.org/mitsprache-unterwegs-projektinfos/

und in den Programmen der Institutionen:
Franz Michael Felder Archiv Bregenz,
Literaturhaus am Inn in Innsbruck,
Literaturhaus Salzburg,
Robert Musil Institut in Klagenfurt,
Literaturhaus Graz,
StifterHaus in Linz,
Unabhängige Literaturhaus N.Ö. in Krems,
Literaturhaus Mattersburg,
Literaturhaus in Wien,
Österreichische Gesellschaft für Literatur in Wien
Alte Schmiede/Literarisches Quartier in Wien.

 

Zur Diskussion

Wie viel es allein zum Damals und Heute zu diskutieren geben wird oder würde - wenn Roth nicht nur als Säulenheiliger und terminus post quem herhalten soll - zeigt die Verwendung von Roths Ausspruch "Objektivität ist Schweinerei" als Schlagwort in den Berichten zu diesem Projekt, welches keienswegs das charakterisiert, was die Besonderheiten von Roths journalistischer Kunst ausmacht.

Roths Position zum Journalismus und zur Reportage gegenüber der Literatur wird aus mehreren Texten deutlich, die im Zusammenhang mit der Diskussion der "Neuen Sachlichkeit" stehen (vgl. den langen Text "Schluß mit der 'Neuen Sachlickeit'!" aus dem Jahr 1930, in: Joseph Roth: Werke, Band 3, Köln, Kiepenheuer & Witsch, 1991, S. 153-164).

Der Bezug des Zitats "Objektivität ist Schweinerei", der wie ein verärgerter Hinweis auf die Sachlickeits-Diskussion klingt, erhellt sich im Zusammenhang mit Stefan Zweigs Projekt eines Essays über Sigmund Freud, aus einem Brief Roths an Zweig, also einer nicht öffentlichen Äußerung:

"[...] Ich finde es selbstverständlich, daß Sie Freud milde behandeln. Die Gefahr ergäbe sich nur dann, wenn in Ihrem Buch sichtbar würde, daß Sie es tun. Es ist eine Frage der Technik. Würde es sichtbar, so würde es auch privat. Und könnte man es nicht ganz unsichtbar machen, so wäre meiner Meinung nach an einer passenden Stelle eine passende Erklärung privaterer Natur angebracht. Aufrichtig wäre es. Ich möchte nicht, daß Ihnen irgendwo vorgeworfen würde, Sie 'nähmen Rücksichten'. Man muß es ja, alle Objektivität ist Schweinerei, aber man darf es nicht erkennen lassen. [...]"

(Joseph Roth an Stefan Zweig, Brief vom 20. November 1930, in: Joseph Roth. Briefe 1911-1939. Köln: Kiepenheuer & Witsch, 1970, S. 189 [Ausschnitt].)

Die drei Worte allein charakterisieren weder Roths Standpunkt zum Journalismus, noch sein Selbstverständnis in diesem Beruf grundsätzlich. Es kann keine Rede davon sein, daß er dem Gegenteil von Objektivität - etwa Subjektivität im Sinn von Willkür oder beliebiger Manipulation - das Wort gesprochen hätte. Sein Kampf gegen den Nationalsozialismus wandte sich manifest gegen gezieltes Lügen und Behauptungen Aufstellen, der Grundlage von Meinungsmache im Sinn Goebbels'.

Hier einige Texte Roths zum Thema Journalismus / Literatur, die seine Position beleuchten und zur Diskussion anregen:

Einbruch der Journalisten in die Nachwelt.
Zuerst in: Frankfurter Zeitung, Frankfurt, Nr. 947 vom 19.12.1925, Abendblatt, S.1, in: Joseph Roth: Werke. Band 2, Köln, Kiepenheuer & Witsch, 1990, S.519-521.

Die Autoren sind mir persönlich bekannt.
Zuerst in: Frankfurter Zeitung, Frankfurt, 2. Morgenblatt, Nr. 714 vom 25. 9. 1927, Literaturblatt, S. 5-6, jetzt in: Joseph Roth: Werke. Band 2, Köln, Kiepenheuer & Witsch, 1990, S.765-767.

[Antwort Roths auf eine] Umfrage zum 25. Todestag von Emile Zola.
Zuerst in: Die Neue Bücherschau, Berlin, 1927 Jg. 5, Folge 5, 3. Schrift von 1927, S. 99f; jetzt in: Joseph Roth: Werke. Band 2, Köln, Kiepenheuer & Witsch, 1990, S.823-825.

Die Tagespresse als Erlebnis. Eine Frage an deutsche Dichter. Umfrage.
Zuerst in: Die Literarische Welt, Berlin, Jg. 5, Nr. 40 vom 4. 10. 1929, S.4, jetzt in: Joseph Roth: Werke. Band 3, Köln, Kiepenheuer & Witsch, 1991, S.101-102.

 

Einbruch der Journalisten in die Nachwelt.
Zuerst in: Frankfurter Zeitung, Frankfurt, Nr. 947 vom 19.12.1925, Abendblatt, S.1, jetzt in: Joseph Roth: Werke. Band 2, Köln, Kiepenheuer & Witsch, 1990, 519-521.

Wenn deutsche Journalisten Bücher schreiben, bedürfen sie beinahe einer Entschuldigung. Wie kamen sie dazu? Wollen die Eintagsfliegen in den Rang höherer Insekten aufsteigen? Wollen sie, die dem Tag angehören, in die Ewigkeit eingehen? Professoren und Kritiker säumen den Weg, der in die Nachwelt führt. Dichter, die gleichsam schon von Geburt eingebunden waren, wollen manchmal eine genaue Grenze zwischen Journalistik und Literatur ziehen und im Reich der Ewigkeiten, den Numerus clausus für "Tagesschriftsteller" einführen.
Fremdwörter sind sehr selten glücklich und gültig verdeutscht worden. Sie bekamen meist einen präzisen, aber schiefen Sinn (einen undeutschen), wie zum Beispiel das Wort: Tagesschriftsteller. Ein Journalist aber kann, er soll ein Jahrhundertschriftsteller sein. Die echte Aktualität ist keineswegs auf 24 Stunden beschränkt. Sie ist zeit- und nicht tagesgemäß.
Diese Aktualität ist eine Tugend, die nicht einmal einem Dichter schaden könnte, der niemals für die Zeitung schreibt. Ich wüßte nicht, weshalb ein ausgeprägter Sinn für die Atmosphäre der Gegenwart die Unsterblichkeit hindern soll. Ich wüßte nicht, weshalb Menschenkenntnis, Lebensklugheit, Orientierungsvermögen, die Gabe zu fesseln und andere solcher Schwächen, die man dem Journalisten vorwirft, die Genialität beeinträchtigen können. Das echte Genie erfreut sich sogar dieser Fehler. Das Genie ist nicht weltabgewandt, sondern ihr ganz zugewandt. Es ist nicht zeitfremd, sondern zeitnahe. Es erobert das Jahrtausend, weil es so ausgezeichnet das Jahrzehnt beherrscht. Das Unglück, mißverstanden und verkannt zu werden, ist nicht das Kennzeichen, sondern ein Unfall des Genies. Es teilt diesen Schmerz sogar mit durchschnittlich begabten Journalisten. Auch gute Handwerke werden zuweilen verkannt.
Ich hege deshalb - und obwohl ich selbst Journalist bin - kein Mißtrauen gegen die Bücher der Autoren, die für Zeitungen schreiben. Es ist schon so manche Dichtung durch die Rotationsmaschinen einer Zeitung gelaufen, und ewige Wahrheiten haben den Wert des Papiers erhöht, dessen Schicksal es ist, in verschwiegenen Gegenden zu enden.
Das Zeitungspapier hat Alfred Polgar und Egon Erwin Kisch viel mehr zu verdanken, als Honorare abzahlen können. Was Polgar, dem eigenen Trieb gehorchend, "an den Rand" der Zeit geschrieben hat, war, auf Befehl der Not, unter dem Strich der Zeitung gedruckt. Das Tempo einer "Hetzjagd durch die Zeit", die Kisch ausführt, bestimmt nicht die Flüchtigkeit seiner Beobachtung und nicht die kurze Dauer seiner Feststellungen. Sie können ewiger sein als die Langeweile der sogenannten "Beschaulichkeit" ...

 

Die Autoren sind mir persönlich bekannt.
Zuerst in: Frankfurter Zeitung, Frankfurt, 2. Morgenblatt, Nr. 714 vom 25. 9. 1927, Literaturblatt, S. 5-6, jetzt in: Joseph Roth: Werke. Band 2, Köln, Kiepenheuer & Witsch, 1990, S.765-767.

Es läßt sich nicht leugnen, daß die Autoren der beiden Bücher, die vor dem Referenten liegen, ihm persönlich bekannt sind. Besäße er die untadelige, unnahbare Gerechtigkeit, die man alten, legendären Richtern zuspricht, so hätte er es entweder vermieden, die Bekanntschaft mit Männern zu schließen, die imstande sind, Bücher zu schreiben, oder er hätte den Auftrag, über ein Buch eines ihm persönlich bekannten Autors zu referieren, ohne Entrüstung, aber mit Entschiedenheit abgelehnt. Aber der Referent ist nicht nur ein Mensch mit materiellen Bedürfnissen, die er durch Honorare zu befriedigen vergeblich sich müht; mit einem nachgiebigen Herzen, das verschiedener Bindungen bedarf - : Der Referent ist auch überzeugt, daß es eine absolute Unbestechlichkeit nicht gibt und daß in derselben Welt, in der die Bücher geschrieben, sie auch besprochen werden. Eine Feder bespricht die andere. Jeder Mensch "vom Fach" verbindet oder verwechselt seine literarischen Neigungen und Abneigungen mit seinen persönlichen. In diesem unmenschlichen oder allzu menschlichen Betrieb, den man Literatur nennt, wäre heutzutage das einzig gerechte Urteil das des Lesers - wenn es ihn überhaupt noch gäbe. Aber die Erfahrungen jedes einzelnen von uns sowie die Abrechnungen, die wir von unsern Verlegern so selten bekommen, lehren uns, daß wir selbst die Bücher schreiben, lesen und besprechen. Sogar wenn es eine absolute Objektivität gäbe, wir hätten nichts mit ihr anzufangen. Aber, noch einmal: Es gibt keine.
Was den "Schreiber dieser Zeilen" betrifft, so hält er es von vornherein für eine Zudringlichkeit, dem Leser, den man so gerne schätzen möchte, wenn man ihn fände, ein fertiges Urteil darzubieten. Etwa: Das Buch ist ausgezeichnet oder miserabel oder mittelmäßig. Der Referent ist, auch wenn er den Verfasser nicht kennt - was in dieser Enge unwahrscheinlich ist -, gar nicht imstande, das Werk von seinem Urheber zu trennen. Es gibt überhaupt kein Werk, bei dem es möglich wäre. Er verachtet die falsche Objektivität, die sich den Talar anzieht, wenn sie sich zum Schreibtisch setzt und sich selbst vortäuscht, daß sie ohne Ansehn der Person zu richten beginnt. Es ist gerechter, anständiger und würdiger, zu gestehen, daß so etwas unmöglich ist. Man ist nicht "voreingenommen", man ist nur freudig bereit, das Buch eines Mannes, den man für begabt hält, der fraglichen Öffentlichkeit zu empfehlen. Der Referent bekennt sich somit nicht von vornherein zu den Büchern seiner Bekannten. Er bekennt sich nur zu den Menschen, die er schätzt. Er ist überzeugt, daß es ungerecht ist, ein Buch so zu beurteilen, als stände es allein da, abgetrennt von seinem Urheber - wie man etwa ein Kind beurteilt, ohne nach seinem Vater zu fragen. Ein guter Schriftsteller kann kein absolut schlechtes Buch verfassen. Er kann nur irren, solange er schreibt.
Oft erhält der Referent Bücher eines Menschen, mit dem er vor zwei Wochen im Kaffeehaus gesprochen hat. Nicht immer sind es Bücher mit den Bildnissen der Autoren, die es, nebenbei gesagt, seit einigen Jahren lieben, ihre Physiognomien der Mitwelt darzubieten. Es ist, als ob die jungen Autoren anfingen, auf ihr Gesicht ebenso stolz zu werden wie auf ihren Stil. Oder als ob eine Art dumpfer Ahnung, daß sie auf ihren Stil nichts mehr sich einzubilden hätten, sie antriebe, mit ihrem Gesicht zu prahlen. Niemals ließen sich Schriftsteller so oft und so nachdrücklich photographieren, porträtieren und veröffentlichen. Auf Prospekten der Verleger, in illustrierten Zeitungen und auf Titelblättern kann man sie sehen. Aber ich spreche von jenen, deren Porträt nicht zu sehen ist. Vor mir taucht ihr Gesicht auf, sobald ich eines ihrer Bücher aufschlage. Ich bringe es nicht über mich, ein kühler "Kritiker" zu sein. In ihren Zeilen suche ich nach ihrer warmen, lebendigen Menschlichkeit, die mir vertraut ist, ungefähr wie man im Laub nach dem Vogel sucht, dessen Gesang man hört. Ach, ich bin bestochen! Was ich ihnen vorzuwerfen habe, ist so unwichtig im Vergleich mit der Achtung, die sie mir einflößen. Dies und jenes in ihren Büchern hätte ich anders gewünscht. Ich werde es ihnen sagen. Aber in dieser Welt, aus der sogar die tiefere Gerechtigkeit des Herzens geschwunden ist, finde ich keinen Grund, die formale Ungerechtigkeit hochleben zu lassen. Ich werde sie nicht "kritisieren", ich werde von ihnen erzählen. Ich werde sie nicht "besprechen", ich werde sie dem fiktiven Leser empfehlen.
Das eine Buch hat Manfred Georg geschrieben. Es heißt "Räubergeschichten". Der Verfasser ist einer der begabtesten jungen Journalisten Deutschlands. Er schreibt Gerichtssaalberichte sehr schnell und mit einer vornehmen Gesinnung, der die Eile nicht schadet. Um zwölf Uhr mittag ist der Prozeß. Um fünf Uhr nachmittag ist der Bericht gedruckt, sind der Angeklagte, die Zeugen, die Richter, die Rechtsanwälte geschildert, sind alle Armseligkeiten armseliger Menschen, die der Prozeß aufgedeckt hat, mit dem Licht der Menschlichkeit erhellt, das alle Fehler verschönert und alle Schuld verzeiht. Der Verfasser schreibt Reiseberichte. Der Verfasser schreibt kleine Skizzen von der großen Not der großen Stadt. Der Verfasser ist nicht nur ein Schriftsteller. Er ist ein Mensch.
Seine "Räubergeschichten" (Spiegel-Verlag, Wien, Berlin, Leipzig) enthalten kurze, spannende, düstere und lächelnde, abenteuerliche Geschichten. Manche sind allzu flüchtig geschrieben, die Sorgfalt fehlt ihnen (und der Sorgfalt fehlt die Zeit). Alle sind dichterisch - nicht im formalen, sondern im menschlichen Sinn. Jede Geschichte zeugt von der mutigen, anständigen, ehrlichen Gesinnung des Autors. Sie geben dem flüchtigen Leser, was er verlangt: Zerstreuung. Dem Bedächtigen, was er verlangt: Grund zur Nachdenklichkeit.
Das andere Buch hat der stille Dichter Franz Hessel geschrieben. Es heißt "Heimliches Berlin", ist ein Roman und im Verlag Ernst Rowohlt, Berlin, erschienen.
Es ist sehr sorgfältig geschrieben - langsame Sorgfalt ist die Tugend Hessels, wie rasche leidenschaftliche Gesinnung die Tugend Georgs ist. Es ist ein klares, gutes und zartes Deutsch. Das Buch erzählt ein paar Begebenheiten aus einem kleinen, sehr gewählten, geistigen Kreis Berlins. Zart und bedächtig blühen die Begebenheiten zu Schicksalen auf. Das Notwendige sieht wie zufällig aus. Am Schluß erst ahnt man, daß hinter oder über dem geschilderten Geschehen eine große, starke, übermenschliche Unerbittlichkeit steht - am Horizont des Buches steht sie, ein Gewitter.

Diese beiden Bücher empfiehlt der Referent, obwohl ihm die Verfasser persönlich bekannt sind.

 

[Antwort Roths auf eine] Umfrage zum 25. Todestag von Emile Zola.
Zuerst in: Die Neue Bücherschau, Berlin, 1927 Jg. 5, Folge 5, 3. Schrift von 1927, S. 99f; jetzt in: Joseph Roth: Werke. Band 2, Köln, Kiepenheuer & Witsch, 1990, S.823-825.

Lieber Gerhart Pohl!
Ihre freundliche Aufforderung, mich an Ihrer Enquete über Zola und die Möglichkeiten seiner Wirkung auf die heutige deutsche Generation zu beteiligen, erreicht mich erst heute - und gerade in der Stunde, in der ich von der Hinrichtung Saccos und Vanzettis aus den Zeitungen erfahre. Vielleicht wird zu der Zeit, in der diese Zeilen Ihren Lesern vor die Augen kommen, der Zusammenhang zwischen dem Mord in Amerika und dem größten Diener der Gerechtigkeit in Frankreich nicht mehr so natürlich wie mir in diesem Augenblick und etwas willkürlich konstruiert erscheinen. Erlauben Sie mir dennoch, von dem Gedanken auszugehen, der mich während der ganzen qualvollen Lektüre der Berichte verfolgt: Es gibt keinen Zola mehr in der Welt! ...
Ich weiß nicht, ob er heute (nach dem Krieg) und in Amerika (dem Land der unbegrenzten Unmenschlichkeiten) den Mord verhindert hätte. Aber daß kein einziger Schriftsteller "von Weltruhm" sich gerührt hat, ist für uns, Genossen dieser Zeit, mehr als beschämend: Es könnte fast unsere Hoffnungen vernichten. Die Überzeugung, daß die Gerechtigkeit tot ist - in Amerika und in Europa -, muß alle Herzen kalt und starr gemacht haben. Zola aber hätte auch den Mut gehabt, für eine aussichtslose Sache zu kämpfen. Denn es war sein Glaube, daß die Zukunft die Sünden der Gegenwart rächt - um sie auszulöschen; und daß diese Zukunft den Armen von heute gehört, den Elenden.
Nur Blinde können glauben, daß mit der "rein literarischen" Wirkung eines Mannes nicht eng zusammenhängen: seine Leidenschaft, an der sogenannten "Aktualität" teilzunehmen; seine Liebe zum Tag und alles, was zu ihr gehört: das Volk, die Bitterkeit der Armut und die Härte des Reichtums und seiner Gesetze. Niemand kann sich über die Erde erheben, auf der er lebt. Es gibt keine Grenze zwischen einer Stellungnahme zu den öffentlichen Gemeinheiten und einer tapferen, "zur Ewigkeit hingewendeten" Arbeit. Ein Mensch, den ein Zeitungsbericht über eine Schändung der Menschlichkeit nicht unmittelbar zur Tat ruft, kann nicht mehr das Recht haben, über Gesichter und Handlungen von Menschen zu schreiben. Zola hat aus leidenschaftlicher Achtung für die Wirklichkeit die Grenze zwischen dem "Profanen" und dem "Edlen" aufgehoben. Jene verlogene Grenze, von den ewigen Reaktionären errichtet. Denn es ist ihre Eigenschaft, "Heiligtümer" zu errichten, um Eintrittskarten zu verkaufen. Zola war der erste europäische Schriftsteller ohne Schreibtisch als Instrument der Eingebung, der erste Romancier mit dem Notizbuch. Der erste Dichter auf der Lokomotive.
Ich glaube, daß er dadurch gerade Deutschland ein Beispiel sein kann. Denn unsere Autoren sind die Dichter am Schreibtisch. Wir haben die Fabel von den blinden Sehern und dem Fluch der professionellen Ästhetiker. Wer von den deutschen berühmten Schriftstellern hat sich um schwarze Reichswehr, massakrierte Arbeiter, bayrische Justiz, Pommern und die Herren von Kähne gekümmert? Wie viele Dreyfus-Affären hatten wir seit 1918? Wer von den berühmten Männern hat schon einen Lokomotivführer angeschaut? Konstruiert haben sie sich manchmal einen.
Nicht sie haben das Recht, den Zolaschen "Naturalismus" "flach" zu nennen. Er war die literarische Form eines starken Glaubens an die Kraft der Wirklichkeit. Nur durch eine minutiöse Beobachtung der Wirklichkeit kommt man zur Wahrheit.
Ich bitte Sie und Ihre Leser um Entschuldigung für diese hastigen Sätze und bin mit kameradschaftlichem Gruß Ihr
Joseph Roth

 

Die Tagespresse als Erlebnis. Eine Frage an deutsche Dichter. Umfrage.
Zuerst in: Die Literarische Welt, Berlin, Jg. 5, Nr. 40 vom 4. 10. 1929, S.4, jetzt in: Joseph Roth: Werke. Band 3, Köln, Kiepenheuer & Witsch, 1991, S.101-102.

Ich lese die Zeitung, um eine "Neuigkeit" (oder mehrere) zu hören, ohne auch nur einen Augenblick den Abstand zu vergessen, der die Tatsache von der Nachricht trennt. Um also die Wahrheit zu erfahren, versuche ich, alle Unzulänglichkeiten in Betracht zu ziehen, unter denen die Nachricht zustande gekommen sein mag: etwa die Dummheit oder die Ahnungslosigkeit des Berichters beziehungsweise der Korrespondenz, die natürliche Tendenz der Zeitung, "interessante" oder "pointierte" oder "wichtige" Nachrichten zu bringen (die ja auch wahr sein können); die Leichtgläubigkeit eines sorgenvollen, schlecht bezahlten Redakteurs, der auf eine Plumpheit hereinfällt; die Fixigkeit, mit der Setzer und Korrektoren arbeiten müssen und durch die simple Druckfehler entstehen können. Nachdem ich alle diese Begleitumstände wohl überlegt habe, bleibt nur noch wenig von der Zeitungsnachricht beziehungsweise der Notiz. Wäre die Zeitung so unmittelbar, so nüchtern, so reich, so leicht kontrollierbar wie die Realität, so könnte sie, wie diese, Erlebnisse wohl vermitteln. Allein sie gibt eine unzuverlässige, gesiebte Realität -- und eine mangelhaft geformte, das heißt also: eine gefälschte. Denn es gibt keine andere Objektivität als eine künstlerische. Sie allein vermag einen Sachverhalt wahrheitsgemäß darzustellen. Jede andere Art der Darstellung ist eine private, das heißt: unvollkommene. Die Berichterstatter und die Korrespondenten sind nun zumeist keine Künstler. Ihre Nachrichten, Berichte, Schilderungen sind wie private briefliche Mitteilungen, aber an die Öffentlichkeit adressiert. Es ist kein höhnischer Zufall, daß die Berichtquellen der Zeitungen "Korrespondenz" und "Korrespondenten" heißen. Blieben ihre Berichte private Briefe: Wieviel Erlebnisstoff böten sie uns! Aber da sie selbst ihr Briefgeheimnis verletzen, da sie an Hunderttausende schreiben, nicht an einen, geht das "Erlebnishafte" verloren, verstreut sich in den Wind, der schließlich alle "Drucksachen" davonträgt. Die kleinen Provinzblättchen konnten hier und dort einem Dichter - Sie erwähnen in ihrer Anfrage Kleist - ein Erlebnis vermitteln, das heißt: den Rohstoff zu einem künstlerischen Bericht. Warum? - Weil ihre Öffentlichkeit noch eine derart beschränkte war, daß sie beinahe eine private war. Die Berichte der Zeitung, der kleinen, alten, primitiven Zeitung, waren etwa ebenso interessanter Rohstoff wie heute nur noch die bezahlten Anzeigen, die Heiratsinserate zum Beispiel. Die bezahlten Anzeigen sind auch die einzigen Notizen, die ich mit Gläubigkeit lesen kann, weil ihre Übertriebenheit sich selbst eingestehen und agnoszieren. Die Zeitung von heute ist viel unzuverlässiger als eine private Kunde, als der Läufer von Marathon. Ihr "Stoff" ist meistens derart schlecht verarbeitet, daß ich ihm kein Erlebnis entnehmen kann. Ich kann nur hier und dort ein bereits geformtes Erlebnis in der Zeitung genießen: Ich meine die seltenen Beiträge der seltenen guten Schriftsteller. Und nur dieser Umstand rettet die Zeitung von heute: die Mitarbeit guter Schriftsteller.

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