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Martin Leidenfrost: Die Tote im Fluss.

Die Tote im Fluss.
Der ungeklärte Fall Denisa S.
144 S.; brosch.; Euro 14,90.
St. Pölten, Salzburg: Residenz, 2009.

Link zur Leseprobe

Am 29. Januar 2008 fand man die 29jährige Denisa Soltísová, tot und nackt, in einem Fluss bei Vöcklabruck in Oberösterreich. Eine Obduktion durch die österreichischen Behörden, die von Selbstmord ausgingen, blieb aus. Im Totenschein wurde der 18. Januar als Sterbedatum angegeben, obwohl Denisa Soltísová, eine 24-Stunden-Pflegekraft aus der Slowakei, noch in der Nacht vom 19. Januar gesehen wurde, wie sie durch Vöcklabruck irrte, in Unterwäsche und ohne Schuhe.

Der 1972 in Niederösterreich geborene Martin Leidenforst, der als "freier Schriftsteller", wie der Verlag wissen lässt (gibt es eigentlich fest angestellte Schriftsteller?), im slowakischen Grenzort Devínska Nová Ves, 35 Kilometer von Wien lebt und arbeitet, ist dem Fall nachgegangen.

Herausgekommen ist eine sympathisch erzählte Reportage, zeitweilig etwas an einen Aufsatz erinnernd (dann geschah das, dann das, dann das ... dramatische Zuspitzungen gibt es nicht), streckenweise auch witzig: "Ich sprach mit den Sprechern. Sie sagten nicht viel". Ein Text, der über ganz Vielfältiges aufklärt, vom Leben slowakischer Pflegekräfte in Österreich bis zu demjenigen der Roma in der Slowakei, und dem man viele Leser wünscht. Weil es, wie Elfriede Jelinek auf dem Buchumschlag treffend zitiert wird, eine "entsetzliche Geschichte" ist, die "man nicht einfach auf sich beruhen lassen" kann.

Das Buch beschreibt den Versuch, herauszufinden, was wirklich geschehen ist, wobei der Autor, eine Mischung aus Detektiv und Reporter, auch viel von sich und seiner Befindlichkeit erzählt: "Denisa Soltísová war eine von 40.000 meist illegalen und meist slowakischen Pflegerinnen, die in Haushalten meist gut situierter Österreicher '24-Stunden-Pflege' leisteten ... Das Thema hatte mich nie sonderlich beschäftigt. Ich hatte bis anhin einen Haufen kleiner Texte über Osteuropa und Mitteleuropa veröffentlicht, meistens heitere Geschichten. Und über einen Kriminalfall hatte ich, aus innerer Abneigung, nie geschrieben. Dann aber blieb mein Auge an diesem Ortsnamen hängen, am Heimatort der Toten: Ratkovská Lehota." Der Autor mag die Slowaken – er interessiert sich nicht nur für alles Slowakische, er liebt dieses Land und seine Bewohner und dies ist nach wie vor eine der besten Voraussetzungen, um sich darüber mitzuteilen. Man wünschte sich mehr solcher journalistischer Recherchearbeiten, die auch davon erzählen, was den Autor antreibt, ihn bewegt, beeinflusst und was er sich so alles fragt. "Später fragte ich mich, was mir an dem kleinen Hochland so gefiel. Mir gefiel wohl, dass ich nicht die übliche Zweiteilung von slowakischem Dorf und separiertem Roma-Ghetto fand, sondern einen altertümlichen, bukolischen, vor den Augen der Welt verborgenen Roma-Staat."

Als Leidenfrost sich entschieden hatte, das nun vorliegende Buch über das Schicksal der Denisa Soltísová zu schreiben, musste er zu ermitteln anfangen, obwohl er sich selber als Ermittler für eine Fehlbesetzung hielt ("... kriminalistisches Talent hatte sich an mir nie gezeigt, Krimis hatte ich nie gern geschaut oder gelesen."). Was er bei seinem Suchen und Nachforschen fand, fasst er resigniert so zusammen: "Ich hatte den Überblick, ich überblickte beide Länder, Sprachen, Perspektiven, aber ich hatte nur weitere Rätsel produziert. Ich hatte mich am Untertanengeist beider Länder aufgerieben und den Kriminalisten keine Überraschung geliefert. Einen Täter hatte ich nicht überführt. Ich wusste in der Sache nicht mehr weiter. Ich musste hoffen, dass nach meinem Scheitern doch noch ein Mensch auftreten würde, der die Schande, die Erniedrigung und die Ungerechtigkeit nicht erträgt, die mit der slowakischen 24-Stunden-Pflegerin Denisa Soltísová geschah."

Martin Leidefrost mag als Kriminalist gescheitert sein, als einer, der Bericht erstattet und Zeugnis ablegt, ist er gewiss erfolgreich. Er hat mit seinen Aufzeichnungen das Seine dazu getan, dass Denisa Soltísovás Leben und Sterben vielleicht nicht ganz so schnell in Vergessenheit geraten wird. Man ist froh drum. Und möglicherweise ist es sogar gut, dass dabei kein spannend zu lesendes, sprachliches Meisterwerk herausgekommen ist, sondern die Schilderung genau beobachteter Alltagswirklichkeiten, vor denen wir die Augen nicht verschliessen sollten. "Die Tote im Fluss" ist ein notwendiges Buch.


Hans Durrer
17. Juni 2009

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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