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Anna Mitgutsch: Wenn du wiederkommst.

Roman.
München: Luchterhand Literaturverlag, 2010.
272 Seiten; geb.; Euro 20,60 [A].
ISBN: 978-3-630-87327-5.

Link zur Leseprobe

 "Wenn ich zwei Leben gehabt hätte, dann hätte ich ihm eines davon ohne Vorbehalte geschenkt, ganz und gar. Das andere, das zweite wäre für mich gewesen. Aber ich hatte nur eines, er musste teilen, mehr von mir herzugeben war mir nicht möglich, und meine Freiheit war eine andere als die seine."

"Kannst du dir vorstellen zu bleiben? Fragte er." Wenn du wiederkommst. "Ein wenig länger als sonst?"
Doch Jerome ist nicht mehr. Er ist von ihr gegangen, um nicht wiederzukommen. Nie wieder wird er sie am Flughafen abholen, nie wieder eine Flasche Wein für sie öffnen, sein Platz am Tisch wird leer bleiben. Diese Leere, die Jeromes Tod im Leben der Erzählerin, seiner Ex-Frau, lebenslangen Geliebten und Mutter der Tochter Ilana hinterlassen hat, ist allgegenwärtig. Die erste Zeit der Trauer verbringen die beiden Frauen im Haus in der Bostoner Suburb, das sie sechzehn Jahre lang gemeinsam bewohnt haben. Es ist dies eine Zeit der Sprachlosigkeit, der Verzweiflung, der Angst und auch der Wut. Es ist dies aber auch eine Zeit, in der sich Mutter und Tochter wieder näher kommen, sich gegenseitig Trost spenden und Halt geben. Die gemeinsamen Orte, die kleinen Dingen des gemeinsamen Lebens zeugen von ihrer Liebe, schenken ihnen die Gewissheit, dass der geliebte Mensch nicht verloren geht.

Der Tod ist der Grenzstein des Lebens, aber nicht der Liebe.

"Du musst loslassen", sagen gemeinsame Bekannte, die während der jüdischen Trauerwoche Schiwa zu Besuch kommen, das Leben geht weiter. Nein, das Leben, wie die Erzählerin es kennt, geht nicht weiter, ohne das DU, ohne die Zeit des Miteinanders. Nichts ist mehr, wie es war. Sie ist nicht mehr, die sie war. Sie kann nicht mehr essen, nicht mehr schlafen. Im stillen Zwiegespräch mit dem Toten irrt sie durchs nächtliche Haus und erinnert sich an die gemeinsamen Jahre, an ihre Hoffnungen und Träume, an die Verheißungen der Liebe und die enttäuschten Erwartungen, an die Versprechen, die sie sich gegeben und immer wieder gebrochen, an die Kämpfe, die sie ausgefochten haben. "Warum haben wir einander so verfehlt", fragt sie ihn, klagt sie sich an. Ihr Bedauern gilt all dem "Versäumten, Unterlassenen, dass wir viel zu wenig unternommen haben und an so vielen Orten, nach denen wir uns sehnten, nicht gewesen sind". Sie trauert weniger um das Leben, das sie hatten, als um das, was sie verpassten. Nein, sie kann, sie will nicht loslassen, vielmehr will sie das, was an Liebe für den Verstorbenen bei ihr bleiben kann, lebendig halten. Auch um den Preis der Aufrichtigkeit gegen sich selbst. Photographien seiner vielen Geliebten werden zerrissen, Briefe und Geschenke anderer Frauen vernichtet, musste sie Jerome schon im Leben mit ihnen teilen, so will sie ihn wenigstens im Tod ganz für sich. Eifersüchtig wacht sie über ihre Trauer, verteidigt sie gegen die anderen, gegen seine jüdisch-amerikanische Familie, die ihr, der Österreicherin, immer wie einer Fremden begegneten, auch nach ihrem Übertritt zum Judentum und der Hochzeit mit Jerome, insbesondere aber nach der Scheidung. Ihre Trauer, ihre Auflehnung gegen die unfassbare, plötzliche und endgültige Trennung stößt bei ihnen auf verständnislose Reaktionen. Schließlich ist es Jahre her, dass sie und Jerome sich getrennt haben und sie daraufhin nach Europa zurückgekehrt ist. Sie können nicht verstehen, dass die beiden sich trennen mussten, um wieder aufeinander zugehen zu können.

Nun legt die Erzählerin Rechenschaft ab, vor sich selbst, vor Ilana und vor dem Leser: Jerome hatte "seine Frauen und ich meine Bücher", sein Beruf "verlangte Sesshaftigkeit und meiner Abwesenheiten". Eine privat gedachte Geschichte wird hier öffentlich. Der Leser begleitet die Erzählerin auf ihrem ganz persönlichen Weg durch die Trauer, dessen Stationen dem jüdischen Ritus folgen. Schiwa – die sieben Tage, Scheloschim – die dreißig Tage und Awelut – das Trauerjahr. Er begleitet sie durch die Phasen der Verleugnung, der Verzweiflung bis hin zur Neuorientierung, der Rückkehr nach Europa. Mitgutsch findet für ihre so radikale wie zärtliche Totenklage eine einfühlsame, bei aller Anschaulichkeit wunderbar poetische Sprache. Es gelingt ihr, das ganz Persönliche aus dem Verlust eines geliebten Menschen herauszuschälen und die Trauer zunächst einmal einfach so stehen zu lassen. Trauer braucht Zeit. Erst am Ende des Trauerjahres weicht das Hadern und gibt der Zuversicht Raum, als "untrügliches Zeichen" von Jeromes Liebe. Und um es mit Dave Matthews zu sagen: "Außer Liebe und Tod ist alles nur Gewäsch".

 

Martina Wunderer
16. August 2010

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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