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Leseprobe: Michael Köhlmeier - "Madalyn."

Schließlich sagte ich: "Madalyn, tu mir das nicht an. Sie werden mich bei der Polizei verhören. Hast du dir das überlegt? Ist dir das egal? Sie werden rauskriegen, dass du mit Moritz in meiner Wohnung gewesen bist. Sie werden rauskriegen, dass ich dir den Schlüssel gegeben habe. Du bist nicht volljährig. Ich habe mich wahrscheinlich strafbar gemacht. Weißt du das? Sie werden mir nicht glauben, dass du die Schlüssel ausgetauscht hast. Sie werden meinen, ich habe euch die Wohnung die ganze Zeit über zur Verfügung gestellt. Man wird mich einsperren. Man wird mich einsperren wegen fahrlässiger Tötung. Warum denkst du nicht an mich? Ich habe an dich gedacht. Du hast selbst gesagt, dass ich alles gut gemacht habe. Warum machst du mir jetzt alles schlecht?" – Ich schämte mich. Für meinen weinerlichen Ton schämte ich mich. Wenn alles gut ausgeht, dachte ich, werde ich ihr nie mehr in die Augen schauen können. – "Warum hast du gerade mich ausgesucht für deine Scheiße", fuhr ich sie an. "Ich habe dir das Leben gerettet, als du fünf warst, und jetzt machst du meins kaputt. Das ist ungerecht."
"Warum hat es Ihr Vater getan?", fragte sie leise.
Vom Balkon aus, einen Stock tiefer, hätte man sie sehen können. Ihre Eltern waren Nichtraucher. Wäre ein typischer Raucherbalkon. Ein Aschenbecher voller regenweicher Tschiks und Streichholzschachteln mit abgebrannten Hölzchen. Und wer zieht nach ihnen ein? Leute, die sich gerne den Kopf verrenken, um mit mir zu plaudern? Und was wird aus dem Tisch mit dem Venuskopf von Botticelli? Ich könnte so tun, als ob ich verrückt geworden wäre. Mir hat einmal jemand erzählt, in der U-Bahn hätten ihn in der Nacht vier Typen zusammenhauen wollen, sie hätten ihn angerempelt und von einem zum anderen gestoßen. In seiner Angst habe er den blöden Affen gespielt, habe hysterisch das Vaterunser heruntergesabbert und das Horst-Wessel-Lied gesungen und den Hitler gegeben mit Handausstrecken und Kauderwelsch und habe sich am Kopf gekratzt wie ein Meschuggener und gefuchtelt. Und denen sei auf einmal die Muffe gegangen, oder sie dachten, einem Verrückten ist es eh völlig egal, wenn man ihn zusammenschlägt, und sie hatten ihn in Ruhe gelassen.
"Warum hat er es getan?" fragte sie noch einmal.
"Weil er sich sonst zu Tode gesoffen hätte, darum."
"Ach so."
"Er war fünfundvierzig Jahre alt. Ich habe ihn bereits um fünf Jahre überlebt."
Wäre ich an ihrer Stelle, dachte ich, und einer würde mir mit Sentimentalitäten kommen, ich würde springen, weil ich mich für die große Menschheit schämte. Was sowieso eine gute Idee wäre. Du blöde Sau, Menschheit! Soll ich so etwas sagen? Vielleicht könnte ich sie zum Lachen bringen? Ich wusste nichts mehr.
(S. 169f)

© 2010 Hanser Verlag, München.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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