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Martin Prinz: Über die Alpen.

Von Triest nach Monaco – zu Fuß durch eine verschwindende Landschaft.
München: C. Bertelsmann, 2010.
461 Seiten; geb.; 27 farb. Abb.; Euro 23,60.
ISBN 9783570010532.

Link zur Leseprobe

Es ist ein komplexer Bericht, den Prinz hier vorlegt, mit einem großen Fächer von Themen, die einander durchdringen, ergänzen, vorantreiben: Da ist einerseits die Geschichte von einem, der auszog bei Triest, um in Nizza anzukommen (dazwischen liegen 161 Tagesetappen über zweitausendfünfhundert Kilometer unwirtliches Gelände), andererseits die unklare Beziehung zu einer Frau, das Heranwachsen des noch ungeborenen Kindes. Nicht Kontemplation im Gehen, nicht Balance und Selbstfindung, sondern dramatischer Prozess zwischen Distanz und Nähe unter der Last kaum lösbarer privater wie gesellschaftlicher Probleme und Sachfragen prägen so den Text.

Prinz' Anspruch ist es, Persönliches wie Politisches parallelzuführen: das Beziehungsthema wird ebenso hereingenommen wie die Lügen einer EU-Agrarpolitik, Fußball-WM und Statistiken zu Lawinenunfällen. Wird nicht gegangen, wird recherchiert, im Web gesurft und um SIM-Karten telephoniert. Probleme der kommunikativen Vernetzung und die technische Seite des Unternehmens sind ständig präsent. Prinz begegnet aber auch dem Romantisch-Mythischen und Abgründigen des Alpinen (einmal dreht er um und stürzt in Panik davon vor einer Schlucht), wie er den alpinen Wirtschaftsraum erkennt als "vervorstädterte" Industriezone. Er erkennt die alpine Wildnis und Naturlandschaft als längst vom Menschen geformt und zerstört, kritisiert die europäische Reduktion des alpinen Raums als Playground sportlicher Leistungsfähigkeit, und ist doch auch in ähnlicher Mission unterwegs.

Der launige Karl Lukan, literarischer Vorgänger einer ganz anderen Generation (er fehlt in der kleinen Literaturliste des Autors, wie auch der legendäre Kyselak), ging als frischer Rentner von der Wiener Haustür weg mit seiner Frau nach Nizza, nur einen kleinen Rucksack mit Zahnbürste und Kocher dabei; auch Prinz freut sich des Nomadischen, steht aber mitten in schwierigsten Entscheidungsfindungen und trägt Hightech-Ausrüstung in Form eines 25-Kilo Rucksacks mit sich. Er ist vernetzt und verlinkt, mit Internetzugang für seine Blogs für die Hochglanzbeilage der Tageszeitung, die ihm das Unternehmen finanziert. Alle diese kleinen Details sind einmontiert und zeigen ein Gehen an die und an der Leistungs- und Belastungsgrenze. Prinz zelebriert keine besinnliche Pilgerreise, sein Gewaltmarsch ist vielmehr Stress pur auf mehreren Ebenen: Funktioniert der "Communicator"? Klappt der Übergang, ist der Pass begehbar? Dazu die ständige Recherche, die Beschäftigung mit Körper und Material; Berichte über unterbotene Wegzeiten und gehend eingeholte Mountainbiker, Grenzwertiges von Wetter und Wegen, immer wieder mit einem Fuß ein wenig am Rand des Abgrunds; nur einmal beschreibt er die Erlösung, als er beim Abstieg im Wald stürzt und den Moment einer Verlangsamung und Ruhe erlebt, einen Moment des bei sich angekommen Seins.

Obwohl er den in Geld nicht messbaren und gesellschaftlich kaum anerkannten symbolischen Wert von Tätigkeiten erkennt, die gemeinschaftsbildend sind und soziale Lebensqualität bereitstellen (zu dem auch die Poesie gehörte), definiert sich Prinz' Erzählung eher über messbare Leistungen wie Höhenmeter, Entfernungen, Gehzeiten und das immer wieder beschworene Gewicht des Rucksacks. Das Unternehmen wird zur Initiation, wenn er die körperliche Wandlung an sich beobachtet: Aus dem schmalen Läufer geht ein muskulöser, gekräftigter Mann hervor, der auf halbem Weg das Glück einer Begegnung erfährt, die ihm vieles erst verstehbar macht. Grundgefühl dieses Berichts aber bleibt die Angst; das Wort taucht immer wieder auf durch den gesamten Text: Angst vor Knieschmerzen, Angst vor dem Gewicht des Rucksacks, Angst es nicht zu schaffen, Angst vor den eigenen Vorgaben, vor Abgründen, Absturz und Wettersturz, Angst vor falscher Bindung und Vaterschaft, vor den Katastrophen von Ökonomie und Finanzwirtschaft, Angst um die Verbindung zur Außenwelt bis hin zum hektischen Abstieg, wenn der leere Akku des "Communicators" im Tal aufgeladen werden muss.

Prinz Buch ist hoch komplex, problematisch in seiner Involvierung in die Prinzipien des Kritisierten, zugleich beeindruckt und berührt es aber in seiner Offenheit und Intensität. Es ist sowohl Sachbuch wie subjektive Erzählung, zeigt sich im Befreiungsversuch von Bedingungen, denen der Autor auf halbem Weg entkommt in einem Moment der Liebe. Seine Ambitionen erreichen ihr sportliches Ziel, aber zugleich findet der Text auch neue Positionen und gesteht dem Leser den Einblick zu in einen dramatischen Prozess der Lösung. Vom Ankommen wird dann nur noch wenig erzählt, der letzte Teil der Tour findet im Zeitraffer statt, und die letzten Etappen stapft der Erzähler tatsächlich in den Schuhen des Großvaters, tritt nicht nur symbolisch in die extremalpinistische Linie seiner männlichen Vorfahren. Alpinliteratur, so zeigt sich wieder, ist gekennzeichnet durch Dramen und Tragödien; in diesem Fall aber endet die Erzählung glücklich mit dem Überreichen eines Rings in den Küstenbergen oberhalb von Nizza, mit Aussicht auf Meer und neues Leben.

 

Martin Kubaczek
5. August 2010

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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