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Bettina Galvagni: Melancholia.

Salzburg, Wien: Residenz, 1997.
204 S., geb.; öS 278.-.
ISBN 3-7017-1068-6.

 

Die Lektüre mancher Bücher wäre um so vieles einfacher, hielte man sich an die Vorgangsweise der Literaturstudentin aus Italo Calvinos Roman "Wenn ein Reisender in einer Winternacht": Man nehme ein Buch und füttere den Computer mit dem darin aufgehobenen Wortschatz bzw. -salat. Das Programm spuckt in der Folge eine Ansammlung von Wörtern aus, deren übermäßiges Vorkommen im jeweiligen Text wesentliche Aufschlüsse über ihn, seine Tendenz und seinen Inhalt zuläßt.

Würde man Galvagnis Tagebuch-Aufzeichnungen dem Computer anvertrauen, so lautete das Ergebnis eindeutig: Melancholie, Todessehnsucht. Der Grund: das Wörtchen "tot" in allen möglichen Schattierungen durchzieht den Text wie ein roter Faden.

Das vorliegende Buch wäre somit ein leichter Fall - vordergründig.

Bettina lebt in Südtirol. Sie ist Einzelkind. Ihr Vater ist krank, das Verhältnis zur Mutter ist gespannt. Es gibt keine Geschichte im eigentlichen Sinn; das, was dem Leser entgegentritt, sind Zustandsbeschreibungen einer heranwachsenden, psychisch labilen Gymnasiastin, die an Magersucht leidet.

Durch die Beschäftigung mit der Krankheit und ihrem verhaßten Körper zieht sich Bettina völlig aus dem Alltag zurück. Dabei wird sie nur hin und wieder von ihren Eltern, Ärzten, Schulfreundinnen, Lehrern gestört.

Was Bettina zu einer Ausnahmeerscheinung macht, ist nicht nur der Umstand ihrer körperlichen Schwäche, sondern vor allem das Wissen um menschliche Abgründe, um seelische Vorgänge und Befindlichkeiten, die einem lebenserfahrenen Erdenbürger, nicht aber einer siebzehnjährigen Gymnasiastin eigen sind - im Normalfall. Ihre selbstgewählte, "schicksalshafte" Nähe zu Autoren wie Thomas Bernhard oder Thomas Mann (Stichwort Lungenkrankheit) ist zwar legitim, mutet aber nichtsdestotrotz etwas hochtrabend an.

Der Leser fühlt sich geradezu bedroht von den gnadenlos auf ihn zukommenden Zitaten und Vergleichen aus der Weltliteratur. Nicht genug, daß diese blutjunge Autorin Berge von Büchern verschlungen hat, die auf so mancher "Liste der Bücher, die man immer schon gelesen haben wollte" stehen. Sie weiß obendrein, diese Lektüre unaufhörlich in Zusammenhang mit ihren Gedanken und Gefühlen zu bringen.

Doch das überbordende Bedürfnis Galvagnis, ihren Wissensschatz in Form von symbolschwangeren Metaphern zu verarbeiten, läßt den Leser beizeiten schier verzweifeln.

Dort aber, wo die Autorin sie selbst ist, ohne Einflußnahme großer literarischer Vorbilder, ist man von ihrem sicheren Gefühl für Sprache nicht nur überrascht, sondern geradezu verführt zum Weiterlesen.

Das ist auch der Grund, weshalb man die manieristischen Attitüden doch verzeiht und die Qualen dieser Jugend bis ans Ende der Aufzeichnungen verfolgt.

Claudia Holly
6. Februar 1998

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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