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Clemens Berger: Das Streichelinstitut

Roman.
Göttingen: Wallstein Verlag, 2010.
356 S.; geb.; Eur 20,50[A].
ISBN 978-3-8353-0619-6.

Link zur Leseprobe

Das Philosophiestudium beendet, die Dissertation halbherzig im Schlepptau, kein Job, kein Geld, dafür aber viel Selbstbewusstsein und ein zartes Händchen: Was liegt also näher, als diese Gabe zu gebrauchen? Diese glorreiche Idee überkommt Anna, Sebastians Freundin, die ihren kargen Lohn am Philosophie-Institut mit Seminaren über Marx, Foucault oder Agamben verdient. Sie setzt das ominöse Wort des "Streichelinstituts" in die Welt, in welchem sie ihn als Angestellten halten will. Diesen Gedanken wird Sebastian, der, wie der Autor selbst, aus dem Südburgenland stammt, nicht mehr los.

In den Gassen des 7. Wiener Bezirks, wo man immer noch auf der Esoterik-Welle der 80er-Jahre schwimmt, begibt sich der Schelm auf die Suche nach einem Raum für seine Geschäftsidee. Auf dem "Spielplatz der alternativen Bürgerkinder", in der "Oase der Toleranz und Aufgeklärtheit", vorbei an Glockenspielen und indischen Kleidern bei Räucherstäbchenduft, bestaunt er die mannigfaltigen Schilder seiner zukünftigen, auf Ganzheitlichkeit bedachten Nachbarn: Trommelkurse, Urschreitherapie, Karten- und Tarotlegen, Wahrsager, Rebirthing und Schamanen. Hier scheint er richtig zu sein, denn hier ist "alles zu finden, was Halt unter unhaltbaren Zuständen geben sollte". In der selbstredenden Mondscheingasse findet er schließlich sein Domizil. Der kleine Taugenichts beschreitet somit naiv und tapsend den harten Weg des Kapitalisten und wird damit – bis zu einem gewissen Grad, den er noch aushalten kann – Erfolg haben.

"Severin Horvath. Streicheln in kalten Zeiten" wird später auf dem Cover der Stadtzeitung stehen. Trotz der Unerfahrenheit in beruflichen Dingen weiß der Protagonist Privates und Berufliches – zumindest theoretisch – schon gut zu trennen. Sein Künstlername beflügelt ihn dann aber doch eher dazu, sich in seiner neuen Rolle auszuleben. Den Vorsatz, niemals unter der Gürtellinie zu streicheln, kann er ziemlich schnell schon nicht mehr befolgen. Somit kommt es auch immer wieder zu clownesken Turbulenzen im Liebesleben, was bei so einem Buch wohl auf der Hand liegt, in Ermangelung anderer Vorkommnisse aber etwas überstrapaziert wird.

Nichtsdestotrotz sind viele Szenen im Buch wunderbar geglückt, einfühlsam und gekonnt geschrieben. So auch die Beschreibung des ersten Kunden, Herrn Nemeth:

"Was führt Sie zu mir?" "Ich wollte das mal, ja, wieder erleben – gestreichelt zu werden." [...] "Ist das lange her?" Er nickte. "Eine Frau?" "Mein Vater. Könnten Sie dann?"

Clemens Berger erzählt in seinem sechsten Buch und dritten Roman über Vereinzelung, Einsamkeit, Sehnsucht nach Nähe und Anti-Sexualität in einer medial-übersexuellen Gesellschaft. Thematisch ist er am Puls der Zeit, sein Wortwitz ist genial, seine Satzkonstruktionen wunderschön – und doch geht einem im Laufe der Lektüre der Atem aus, denn: Es fehlt ein Plot, ein Persönlichkeitsstrukturwandel, der unter die Haut geht, was auch immer. Das Leben des Helden plätschert dahin, es kommt zu Wiederholungen, sowohl das Alltagsphilosophieren als auch die Frauengeschichten werden banal. Der Autor selbst gestand lächelnd während des Publikumgesprächs nach seiner Lesung im Wiener Literaturhaus, dass er irgendwann nicht mehr gewusst habe, wie der Roman weitergehen solle. Da platzte die Wirtschaftskrise in die Welt. Sofort habe er sie aufgenommen und in Severins Welt eingefügt. Damit beweist der Autor andererseits auch, wie wichtig ihm das Schreiben in und über Gesellschaft, Realität und Historie ist. Das zeigte er bereits in seinen vorhergehenden Büchern. Sein Hang zum Kuriosen bleibt dabei aber nie auf der Strecke.

Clemens Berger ist ein Sprachkünstler, ein genauer Beobachter, ausgestattet mit einem gesellschaftskritischen Interesse, Wortwitz und Humor – und wird uns irgendwann dauerhaft ein Begriff sein. Mit diesem Buch hat er Ausdauer bewiesen, sich aber zuviel Unnötiges abverlangt. Seine tolle Idee hält keinen 356 Seiten stand, eine großzügige Kürzung hätte dem Werk gut getan. Doch wir können noch auf jede Menge gute Literatur von ihm hoffen.

 

Claudia Peer
4. August 2010

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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