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Ludwig Laher: Einleben.

Roman.
Innsbruck-Wien: Haymon, 2009.
167 S.; geb.; Euro 17,90.
ISBN 978-3-85218-603-0.

Link zur Leseprobe

Vater, Mutter, Kind: Johanna, Architektin ist schwanger von Mario, Mitbesitzer einer Werbeagentur. Die beiden sind schon länger ein Paar, ohne zusammenzuwohnen. Das Kind war nicht geplant, doch Johanna ist 34, beruflich etabliert – was also spricht dagegen? Sie beschließt, das Kind zu bekommen. Mario will sie in zwei, drei Wochen einweihen, "wenn sie sich in die neue Situation eingelebt haben wird" (S.  10).

Es folgen die üblichen Untersuchungen. Sie haben u.a. den Zweck, Genommutationen (vor allem die Trisomie einundzwanzig) frühzeitig festzustellen. Johannas Ergebnisse liegen nah an den Grenzwerten, sind aber noch im grünen Bereich. Da Johanna unter einer Spritzenphobie leidet, verzichtet sie auf eine Fruchtwasseruntersuchung: Sie will – nach reiflicher Überlegung – weder sich noch dem Kind diesen Stress antun. Es wird schon nichts sein. Aber dann ist doch etwas. Dem Baby Steffi wird drei Tage nach seiner Geburt das Down-Syndrom diagnostiziert.
Johanna ist starr vor Schreck.
"Als sie die hungrige Steffi widerwillig zum Stillen anlegt, diese auf einmal so fremdartig kleinwinzige Gestalt, ist sich Johanna sicher: Wenn sie jetzt einschläft und nicht mehr aufwacht, soll es mir auch recht sein."(S. 19) Johannas Vergletscherung löst sich, kurz bevor sie die Gebärstation verlässt. Nach einem ungewöhnlichen Telefonat wird ihr klar: Sie will ohne Steffi nicht mehr sein.
Mario reagiert anders. Er ignoriert die Befunde, recherchiert im Internet, sucht nach Beweisen dafür, dass Steffi eben doch ein "Standardkind" ist. Selbst fünf Monate nach der Geburt will er eine Fehldiagnose noch nicht ausschließen.

Ludwig Laher kann "berührend, beherzt und unsentimental zugleich schreiben, er ist einer der heimlichen Meister der realistischen Literatur" (Gerhard Zeilinger in "Literatur und Kritik"), und das zeigt er auch in diesem Buch. Allerdings weicht es stilistisch ein wenig von den Vorgängern ab. Hat Laher zuvor Lebensgeschichten in relativ einfache Sätze gegossen, kommt "Einleben" etwas distanzierter daher. Die Sätze sind länger, vollgepackt mit Inhalt. Gelegentlich wirken Formulierungen spröde, fast so, als würden sie einer wissenschaftlichen Arbeit entstammen. Vielleicht, weil auch juristische, sozial-medizinische und gesellschaftspolitische Reflexionen mit in den Bericht aus dem Familienalltag genommen wurden. Möglicherweise liegt es aber auch daran, dass vor allem aus Johannas Sicht erzählt wird, einer Frau mit "klarem Blick für Strukturen, fürs Wesentliche." (S. 8), einer Frau, die sich für architektonische Grundlagenforschung interessiert, den akademischen Bereich.

Vieles erfahren die Lesenden aus Rückblenden. Steffi ist zu Beginn des Buches schon ein fröhliches Kindergartenkind. Dass Johanna und Mario sie lieben, steht außer Zweifel. Die beiden sind froh, Steffi bekommen zu haben. Dennoch gerinnt ihre Freude nie zu den üblichen Phrasen wie "Steffi hat unser Leben komplett gemacht" oder "Seit es Steffi gibt, weiß ich, was wichtig ist im Leben" und dergleichen mehr.
Natürlich, die Sätze stimmen schon. Aber ganz so einfach ist es eben auch nicht: das Belastende wird nicht ausgespart. Johanna und Mario wissen, dass es ihr Kind vielleicht nicht gäbe, wäre schon während der Schwangerschaft das Down-Syndrom festgestellt worden. Immerhin werden mittlerweile mehr als neunzig Prozent der Föten mit dieser Diagnose abgetrieben.
Johanna macht sich Sorgen um Steffis Zukunft. Was, wenn sie eines Tages erfährt, dass das flapsige "Mongo" ein Schimpfwort ist und sie damit gemeint?
Viele, oft sehr grundlegende Fragen geistern Johanna durch den Kopf: Es ist "ziemlich beunruhigend, wenn man so wenige Antworten hat und so viele Fragen.", schreibt sie in ihr Tagebuch. (S. 72) Laher löst diese Spannung nicht auf, die Lesenden können sich an Johannas Überlegungen und Zweifeln nicht vorbeischleichen.

Darüber hinaus kämpfen Johanna und Mario natürlich auch mit Problemen, die alle Paare/Eltern kennen: Wieviel Freiraum darf man für sich beanspruchen? Welches Maß an Rücksichtnahme kann sich der/die andere erwarten? Wie sehr soll man das Kind fordern/fördern? usw.
Laher hat keinen Roman über Trisomie einundzwanzig geschrieben, sondern über Johanna, Steffi, Mario. Das macht das Buch so lesenswert!  

 

Barbara Angelberger
19. Oktober 2009

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

 

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