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Christian Mähr: Alles Fleisch ist Gras.

Roman.
Wien: Deuticke Verlag, 2010.
398 Seiten; geb.; Euro 19,90.
ISBN 978-3-552-06127-9.

Link zur Leseprobe

Die Ökobiolösung ist die beste.

"Die Deutschen, hatte sein Vater oft betont, existierten nur in zwei Zuständen. Im Mozart-Zustand und im Hitler-Zustand." (S. 266)

Es ist ein dialektischer Vexierspiegel, den uns Christian Mähr in seinem neuen Roman Alles Fleisch ist Gras vorhält. Es geht um Gut und Böse, Opfer und Täter, Recht und Unrecht, Agierende und Reagierende usw. Davon lebt das Buch, das erzeugt die permanente Spannung, die dicht aufeinanderfolgenden Spannungsbögen werden gekonnt rauf- und runtergestrichen. Es handelt sich um einen Roman, doch ist es zugleich ein Thriller, ein Krimi oder doch etwas anderes, drittes, was erzählt wird?

Sprachlich versiert und mit einer gehörigen Portion Ironie blättert Mähr das klassische Krimigenre auf, denn hier gibt es nicht nur Täter, Opfer und Kommissar, das heißt, es gibt sie vordergründig schon, doch sind die Protagonisten nicht in ihrer klassischen Handlungsweise zu sehen. Es gibt keine Helden, nur von Umständen Getriebene, Reagierende, die vielleicht gar nicht einmal wirklich schuldig sind, auch wenn sie schlimme Sachen machen, sondern einfach nur durchschnittliche Menschen, die in eine außergewöhnliche Situation versetzt werden.

Das ist durchaus nicht im Camus'schen Sinne gemeint, die Figuren sind sich und der Welt nicht fremd, auch leiden sie nicht an ihr, denn in Alles Fleisch ist Gras geht es um intellektuell unterlegte, wohldosierte weil ungemein kurzweilige und sprachlich sicher geschriebene Unterhaltung. Getragen von einer Komik ohne Effekte, die die mit ihren kleinen menschlichen Schwächen geschlagenen Figuren in Nöte geraten lässt, in denen sie an sich zweifeln müssen, wo ihnen bange wird, Situationen aber auch, aus denen sie dann meist wieder heil herauskommen. Nicht durch ein besonderes Verdienst, sondern eher durch Zufall.

Doch worum geht es? In der örtlichen Kläranlage Dornbirn arbeitet der Leiter mehr an außerehelichen Vergnügungen als an seiner biederen Haus-Frau-Kind-Fassade, was einem deutschtümelnden Mitarbeiter aus nordischen Gründen übel aufstößt. Die folgende Erpressung endet mit einem kleinen Unfall (wirklich!) und das Problem von Anton Galba, dem Erpressten, erledigt sich elegant, indem er den Erpresser Roland Mathis im hauseigenen Häcksler verschwinden lässt. Durch eine innovative Gärtechnik findet sich dieser schließlich als Blumenerde wieder, eine Methode, für die Galba das Patent besitzt.

Doch dann geht das ganze erst wirklich los, denn als Galbas ehemaliger Mitschüler, Chefinspektor Nathanael Weiß auftaucht, beginnt ein mörderischer Reigen, in dessen Verlauf vornehmlich unliebsame bis verbrecherische Mitbürger über den Gärturm entsorgt werden. Weiß geht es nämlich um eine sauberere Umwelt und er führt kurzerhand eine Rechtsprechung ein, die mithilfe einer Unbekannten auf die tönernen Füße der Femegerichte im Westfalen des 15. Jahrhundert gestellt werden. Der Reihe nach werden Ehebrecher, prügelnde Ehemänner, korrupte Politiker usw. aus dem Weg geräumt, Lynchjustiz im Namen des Guten.

Doch das Gute schlägt unter der Maske des Bösen postwendend zurück, nicht alles scheint so eindeutig, wie man sich das auf den ersten Blick denkt. Galba hat Angst um seine Zukunft und Weiß erledigt sein Handwerk mehr dilettantisch, ein Journalist taucht auf, doch der hat auch jemanden, den er verschwinden sehen möchte, und so weiter und so fort. Der Zufall macht, dass niemand verhaftet wird, aber auch, dass das Recht, das verfolgt wird, zweifelhaft wird.

Es ist ein Parforceritt, auf den Christian Mähr den Leser schickt, voller Humor und abgründiger Boshaftigkeiten, die eine Provinz so schauderhaft, aber auch so charmant erscheinen lassen. Dieser Humor ist es auch, der die Geschichte trägt, ihr Schwung und Eleganz verleiht. Kein bloßer Krimi, Alles Fleisch ist Gras ist mehr, ein guter Roman.

 

Bernd Schuchter
22. Februar 2010

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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