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Eva Menasse: Lässliche Todsünden.

252 Seiten; geb.; Euro (A) 19.50.
Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2009.
ISBN 978-3-462-04127-9.

Link zur Leseprobe

Paradiesvogelleben

Keine Gattungsbezeichnung. Warum auch, die sieben Todsünden geben Struktur genug vor. Rezensenten spekulierten über dieses Buch schon als Fortsetzung eines Trends, der mit Kehlmanns Ruhm begonnen hat: lose zusammenhängende Geschichten, deren Personal in wechselnder Gestalt wieder auftaucht, was alles in allem einen Roman ausmacht. Mutig. Und zwar eine mutige Verklausulierung.

Judith Hermann hätte, so Spötter, ihren Erzählband Alice ebenfalls Roman genannt, wäre bei Veröffentlichung der Trend schon absehbar gewesen, Kehlmanns Buch bei näherem Hinsehen Roman zu nennen, ist ohnehin haarsträubend, und es gibt ein paar andere Beispiele. Tatsächlich aber ist dieser ganze Trend, der gar keiner ist, dem Handel geschuldet.
Es gibt eben die Mär (von Buchhändlern, vor allem aber von Vertretern erzählt), dass Romane sich besser verkaufen (so wie sich Lyrik eben nicht verkauft), also nennt man die Zwischenbände der Autoren, die mit dem nächsten Roman noch nicht fertig sind, ebenso. Das alles ist, wie vieles im Betrieb, natürlich Illusion. So auch bei Eva Menasse.

Bei Lässliche Todsünden handelt es sich um einen Band mit Erzählungen, die, ja, lose miteinander verknüpft sind. Aber es sind Erzählungen. Das kann für sich alleine stehen. Seit Arno Geigers Anna nicht vergessen kann man, finde ich, auch wieder Erzählbände schreiben. Es muss kein Roman sein, und: wie bei Eva Menasse, ein hochtrabender Impetus wie die "Sieben Todsünden".
Es gibt eben Themen, da kann man nur verlieren, und selbst ein Kehlmann könnte, das "professorale Wissen" sei ihm zugesprochen, sein nächstes Buch nicht Göttliche Komödie nennen. Selbst wenn er demütig als Gattung Skizzen oder Notizen auf die Deckel schreiben würde.

Aber Eva Menasse. Hier ist wirklich etwas gelungen. Diese Erzählungen sind derart pointiert und sprachlich schön, witzig, modern und doch getragen von einem nicht bloß auf Effekt zielenden Ernst, der einen Staunen macht. Warum nur hat diese Autorin erst jetzt die literarische Prosa für sich entdeckt. Lässliche Todsünden ist kein Zwischenbuch, es sind kleine Entdeckungen.
Natürlich hätte Menasse sich den fadenscheinigen Hinweis auf die Todsünden sparen können, die Texte brauchen diesen Aufhänger nicht. Es sind allesamt Beziehungsgeschichten, aber von einer derart erfahrenen und abgeklärten Art, erzählt mit einem distanziert ironischen, aber liebvollen Ton, der den Leser behutsam an der Hand nimmt und sagt: schau, das gibt es auch. Hier geht es nicht um Moral, sondern um Deutung und Beugehaft, denn was ist sonst von den Sünden geblieben als eine Ahnung von Moral, die der modernen Lebenswirklichkeit der Großstädter nur marginal etwas anhaben kann.

Exemplarisch die Geschichte von Carl Ludwig "Cajou", einem oblomowschen Adeligen, der sich durch sein Leben langeweilt. Mit Hochmut ist diese Episode gekennzeichnet, dabei geht es nur um ein jeweils kleines Stück eines möglichen Interesses, eines Lebensglücks. Hochmut wäre zu hoch gegriffen. Hier passieren Dinge, ohne dass die Protagonisten etwas dazu täten; das liest sich dann so: "Sie war eine große, elegante Frau, für Cajous Geschmack höchstens zu sehr geschminkt. Es gehörte wohl zu ihrem Beruf, dass sie Diskretion verströmte, lächelnde, feuerfeste Diskretion. Wie leicht das gegangen war mit ihr, wie selbstverständlich. Sie sah die ganze Zeit, auch nackt, so zuvorkommend aus, als bestellte er nur einen Tisch bei ihr, allerdings einen besonderen Tisch, einen guten und etwas versteckten. Er traf sie noch einige Male, dann war es vorbei, ohne Grund und ohne ausgesprochenes Ende." (S. 155)

Schlichter kann man nicht beschreiben. Aber doch treffend. Authentisch. Diese schlichte Prosa hat eine berührende Tiefe. Dabei muss es nicht nur Kunst um der Kunst willen sein: in der letzten Geschichte, Habgier, gerät eine freie Filmemacherin in die mottigen Netze der österreichischen Parteipolitik, zwangsläufig wird die Faschismuskeule ausgepackt und ein "Sheriff" bekommt seine Jugendsünden auf Archivmaterial nachgewiesen. In Österreich, wo allenthalben Politiker drei Bier bestellen und doch etwas anderes meinen, wo andere betrunken gegen die Wand fahren und ihre Parteien dennoch Wahlen gewinnen, zeigt Menasse gerade mit diesem letzten Text Mut. Aber muss das alles so kryptisch sein, braucht es die literarische Verschlüsselung bis hin zu den biblischen Sünden? Eigentlich nicht, aber es stört auch nicht. Ebensowenig wundert man sich, dass Menasse ihre Geschichten passgenau in die Zeitgeschichte eingefügt hat, wo der Erscheinungstermin das Ereignis nur um weniges überragt. Das ist nicht schlimm, sondern eher ein Glücksfall. Eben ein Paradiesvogelleben. Eben.

 

Bernd Schuchter
29. September 2009

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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