logo kopfgrafik links adresse mitte kopfgrafik rechts
   

FÖRDERGEBER

   Bundeskanzleramt

   Wien Kultur

PARTNER/INNEN

   Netzwerk Literaturhaeuser

   mitSprache

   arte Kulturpartner
   Incentives

   Bindewerk

kopfgrafik mitte

Robert Menasse: Permanente Revolution der Begriffe.

Vorträge zur Kritik der Abklärung.
Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 2009.
124 S., brosch., EUR 9,30.-.
ISBN: 978-3-518-12592-2.

Link zur Leseprobe

Robert Menasses "Permanente Revolution der Begriffe" ist ein schmaler Suhrkamp-Essayband, aber nicht immer leichte Kost. In acht Vorträgen wendet sich der Autor an die "Sehr geehrten Damen und Herren!", um all jene Begriffe zu hinterfragen, zu interpretieren und zu dekonstruieren, die durch ihre permanente Verwendung in Alltag, Medien, Politik und "Kultur" so abgenutzt sind, dass sie beständig Gefahr laufen, ihre Bedeutung zu verlieren: Die Konzepte Arbeit, Religion, Europa, Demokratie, Öffentlichkeit, Kultur, Sucht und Kritik und ihre jeweiligen Implikationen werden hinterfragt, in ihren geschichtlichen Hintergrund gesetzt, mit persönlichen Anekdoten verbunden und mit spitzer Feder auf den schriftstellerischen Seziertisch gelegt.

So widmet sich der erste Essay dem Satz "Arbeit macht frei" und der Frage, ob die Nazis ihn ebenso zynisch gemeint haben, wie wir ihn zu verstehen beschließen, weil allein die zynische Interpretation ein Sprechen über Arbeit noch möglich macht. Nicht unähnlich der Utopie Rudolf Höß' unterwerfen wir uns auch heute bereitwillig einem System, "um eine Freiheit zu erlangen, die dann selbst auch wieder nur ein ideologisches Produkt dieses Systems darstellt." Unser bereitwilliges Arbeiten für ein Freiheitsversprechen schafft eben die Unfreiheit, der wir durch die Arbeit zu entrinnen meinen. Anstatt von Arbeit, fordert Menasse, müsse Freiheit "von der Notwendigkeit der Befreiung von Arbeit" hergeleitet werden.

Der Essay über den Begriff der Religion erklärt, dass die Aufklärung Religion nicht überflüssig gemacht, sondern ihr lediglich einen neuen Fokus gegeben hätte: nicht mehr "Gott", sondern die Worthülse "Religion" sei nunmehr im Zentrum des Interesses, spende sowohl Trost und mache Angst und habe die wichtige Aufgabe eines "Säkularisierungsinstruments" im Kapitalismus übernommen: mit Berufung auf Religion ließe sich selbst das, was nicht rational erklärbar sei, in den Dienst des Kapitalismus stellen.

Der Essay über die "EUtopia" wirft rhetorische Fragen auf. Haben Sie schon einmal über Indien, Slums, Ideale, Ethik und Wirtschaftsmacht nachgedacht? Über die metaphorischen und ökonomischen Zusammenhänge zwischen diesen auf den ersten Blick so unterschiedlichen Begriffen? Über Ihr unreflektiertes Mitmachen, das das gegenwärtige System mit all seinen untragbaren Schwachstellen reproduziert, weil es so einfach ist, die Augen vor dem Gesamtbild zu verschließen?

Im einem weiteren Vortrag liest Menasse Martin Graf als Symbol und Symptom für unsere Gleichgültigkeit und "das Versickern der Demokratie in den demokratischen Institutionen". Es sei niemand anderes als die demokratisch gewählten Politiker selbst, die die Demokratie untergraben. Graf sei Nationalratspräsident aus "Gewohnheitsreicht", denn in Österreich gehe bekanntlich alle Macht von der Gewohnheit aus. Auf der EU-Ebene hingegen wird Demokratie, nicht weniger undemokratisch, zum Euphemismus für Interessenpolitik, Kapitalismus, Lobbys und Pragmatismus.

Wie schon in "Ich kann jeder sagen" tauchen auch in der "Permanenten Revolution" Erinnerungen an den 11. September und die Ermordung Kennedys auf, und selbst die amerikanische Sonnenbrille mit Jalousien ist wieder vertreten. Als Kind, schreibt Menasse, sei er eifersüchtig gewesen – eifersüchtig auf die Gefühlswelt der Erwachsenen. Der Schock über den Mord an Kennedy verband über alle weltanschaulichen, kulturellen und ethnischen Diskrepanzen hinweg: Die Erwachsenen waren glücklich, am Unglück einen kleinsten gemeinsamen Nenner gefunden zu haben – ein ehrliches Glück und Mit-leiden, wie es Jahre später, an jenem 11. September, den Menasse selbst als Erwachsener erlebte, sich nicht mehr einstellen wollte: zu sehr war die kollektive Trauer, der kollektive Schock im "Zeitalter [der] technischen Reproduzierbarkeit" (wie Menasse mit Walter Benjamin sagen würde) zu einer Farce, einem vorgeschriebenen Rollenspiel geworden, "die mitgelieferte vorbildliche Schockiertheit und das repräsentative Entsetzen irgendwie artifiziell, genauso künstlich wie die technisch hergestellte omnipräsente Reproduzierbarkeit dieser Bilder."

Menasses Gedanken sind nicht neu – er bewegt sich in vertrauten linksintellektuellen Bahnen, und die Anlehnung an Adorno und im Besonderen die Dialektik der Aufklärung ist kaum zu übersehen. Als Ausgangspunkt der Überlegungen ist deutlich die Kulturkritik der Frankfurter Schule zu erkennen, die als scharfes Analysewerkzeug im aktuellen österreichischen kulturellen und politischen Diskurs dient. Viele der Gedanken werden einer linksintellektuellen Menasse-Leserschaft daher bereits vertraut sein. Wenn Menasses neues Werk auch nicht überrascht, so hat er doch in bestechender Zynik, manchmal betont polemisch, dann wieder humorvoll und jedenfalls gewohnt lesenswert eine eindringliche Aufforderung zum Nachdenken geschrieben.

 

Christine Schranz
15. April 2010

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

 

Link zur Druckansicht
Veranstaltungen
Verena Mermer Autobus Ultima Speranza (Residenz, 2018)

Di, 13.11.2018, 19.00 Uhr Neuerscheinung Herbst 2018 | Buchpräsentation mit Lesung &...

Junge LiteraturhausWerkstatt

Mi, 14.11.2018, 18.00–20.00 Uhr Schreibwerkstatt für 14- bis 20-Jährige Du möchtest dich mit...

Ausstellung
Cognac & Biskotten

Das schräge Tiroler Literaturmagazin feiert seinen 20. Geburtstag und präsentiert sich mit einer...

Küche der Erinnerung. Essen & Exil

25 Jahre Österreichische Exilbibliothek. Ausstellung von 01. Oktober 2018 bis 10. Januar 2019

Tipp
flugschrift 25 von Ruth Weiss

Soeben ist die Jubiläumsausgabe der flugschrift erschienen. Sie wurde von der in den USA lebenden...

Literaturfestivals in Österreich

Kennen Sie die Europäischen Literaturtage in Spitz an der Donau? Den Blätterwirbel in St. Pölten?...