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Elfriede Czurda: Krankhafte Lichtung.

3 wahnhafte Lieben.
Berlin: Verbrecher Verlag, 2007.
111 S.; brosch.; EUR 13,-.
ISBN 978-3-935843-96-6.

Link zur Leseprobe

Zehn Jahre nach dem Erscheinen ihres letzten Romans "Die Schläferin" hat Elfriede Czurda nun wieder ein Prosabuch vorgelegt – nach zehn Jahren, in denen sie Gedichtbände veröffentlicht hat, in denen aber auch Übersetzungen und radiophone Arbeiten entstanden sind. Kenner ihres Werks werden bei dieser Ankündigung vielleicht denken, daß nun die Romantrilogie, deren erste beide Teile "Die Giftmörderinnen" (1991) und "Die Schläferin" (1997) bilden, um den lange angekündigten dritten Teil mit dem Titel "Dichterinnen. Ein Wirtschaftsroman" ergänzt worden sei. Das trifft nicht zu, ist bei näherer Betrachtung aber auch wieder nicht so ganz falsch. Der Klappentext von "Krankhafte Lichtung" erwähnt die "Dichterinnen" als ein Projekt, an dem Czurda gegenwärtig arbeite, gleichwohl kann man von dem letzten und umfangreichsten der drei in dem Buch versammelten Prosastücke den Eindruck gewinnen, die "Dichterinnen" seien hier in nuce enthalten.

"Der komparative Startschuss" exponiert eine "Dichterin" als gespaltene Persönlichkeit. Die beiden Persönlichkeitsanteile oder auch: der Wunschtraum und die Angstvision, die der Dichterin Anna Na im Nacken sitzen, sind einerseits die erfolgreiche, perfekte (vollendet wie das Palindrom ihres Namens) Anna, andererseits die Versagerin Na, die in einem heruntergekommenen Viertel wohnt und gerade mal 80 Seiten von fragwürdiger Qualität publiziert hat. Während Na an "geistiger Magersucht" leidet, heißt es von Anna: "Anna geht. Sie geht exakt wie eine große Industrie Kampagne. Vielleicht wie eine konzertierte Aktion. In jedem Fall ist Anna zeitgemäß. Sie ist eine Art Chef-Etage einer Industrie, in deren Niederungen die Na sich angesiedelt hat." Anna Na erfindet sich eine "Dichterin, die kein Mensch ist und die den blöden Alltag nicht zu fürchten hat". Ihr "hehres Tun, das Dichten" ist nicht vereinbar mit den alltäglichen Niederungen, denen Anna Na ausgeliefert ist, die mit Steuerbehörden zu tun hat und mit unpünktlichen Bussen und die sich im Kulturleben bewegen muß. Mit beißender Schärfe wird eine Veranstaltung in einem "Literatur Basar" geschildert, wie sie jeder kennt, der mit dem sogenannten Literaturbetrieb zu tun hat: Der Leiter des Hauses ist so gut vorbereitet, daß er nicht einmal den Namen des eingeladenen Autors korrekt zu nennen vermag, um einen dünnen, schlecht geschriebenen Roman wird ein großes Brimborium veranstaltet, während sich letztlich alles doch nur um die Eitelkeit einer einflußreichen Kritikerin dreht.

"Der komparative Startschuss" bewegt sich stilistisch nahe an den ersten beiden Teilen der Trilogie. Auch hier finden wir die präzisen, kurzen Sätze, in denen die Protagonistinnen und ihre Vorstellungen laufend gnadenlos demontiert werden, die auseinandergezogenen Komposita ("Wind Mühle") und die relativierenden unbestimmten Artikel ("Eine Welt hält einen Augenblick einen Atem an.") Im Gegensatz zur "Schläferin" und den "Giftmörderinnen", in denen für die Frauenfiguren aus prekären Verhältnissen Opferrollen geradezu zwangsläufig vorgezeichnet scheinen, geht es in dem 1992/93 entstandenen Text freilich um die (Selbst)Reflexion einer Künstlerin und Intellektuellen, um die Frage, ob es unter den herrschenden gesellschaftlichen Bedingungen andere weibliche Rollen geben kann als Opferrollen – eine Frage, die auch die anderen beiden Texte des Bandes grundiert, dem Czurda den Untertitel "3 wahnhafte Lieben" gegeben hat.

"Die lecke Rede", geschrieben 1991, ist vielleicht das ästhetisch radikalste Stück in "Krankhafte Lichtung". Hier wird die Rolle der Dichterin als Geschlechterrolle thematisiert, anhand von Hannah und ihrem männlichen Gegenüber Hakn, die beide in ein heilloses Wahnsystem verstrickt scheinen. Der Refrain lautet: "Sgeld regiert die Welt. Alle andern halten Smaul. Die Berühmtern dürfen reden." Der rücksichtslose "Dichter und Hasser" Hakn hat große Probleme mit seinem männlichen Selbstbild: "Sist das Dichtn nichts für einen Tat Menschn." Ihre "grausign poetischn Floskln" helfen Hannah nicht weiter, das "Anreimen" gegen den Gatten gelingt nicht: "Eine Kohabitation mit einem Dichter Hakn gibt einer Hannah noch lange nicht ein gleiches Recht für alle." Deformiert wie die Protagonisten ist in der "lecken Rede" auch die Sprache, die – ständig den Vokal e verschluckend – ins Stammeln gerät, bis Hannah dann eine ganze Seite lang es erbricht.

Eröffnet wird "Krankhafte Lichtung" vom jüngsten der drei Texte. "Weisser Geruch" hat etwas von einer Endzeitvision. Eine Frau liegt – wie dem Leser suggeriert wird: nach einem Brandunfall – unter einem Sauerstoffzelt. Fragmente aus dem Leben einer "Dichterin", die unvorbereitet einen Vortrag halten muß und in deren Leben zwei Männer eine unklare Rolle spielen, durchziehen den Text, der zusammengehalten wird vom Motiv des Feuers, das auf unterschiedlichen Ebenen evoziert wird: als Brandsatz im Kopf, als Brandrede und Bücherverbrennung, als Revolte, Umsturz (Reichstagsbrand), aber auch in Berichten von den Folgen des Atombombenabwurfs auf Hiroshima, die diesen Abschnitt durchziehen ("Mutter und Kind waren am ganzen Körper rot verbrannt"). Auf eindrucksvolle Weise setzt Elfriede Czurda das individuelle Dichterinnenschicksal in ein Spannungsverhältnis zu den universalen, politischen Katastrophen.

Das kleine orange Bändchen mit seinen gerade mal 110 enorm dichten Seiten zählt sicherlich zu den wichtigsten Prosa-Neuerscheinungen der letzten Zeit und läßt einen den Kopf schütteln über das Getue, das um die jeweiligen Romane der Saison in allen Feuilletons veranstaltet wird. (Literatur Basar!) Vom Berliner Verbrecherverlag, der sich neben allerhand Zeitgeistigem in den letzten Jahren auch Autoren wie Peter O. Chotjewitz und Gisela Elsner zugewandt und Vergriffenes erneut zur Diskussion gestellt hat, wünscht man sich, er möge das auch mit den wichtigen Prosabüchern von Elfriede Czurda aus den Achtzigern und Neunzigern tun.

 

Florian Neuner
21. Jänner 2008

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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