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Leseprobe: Peter Steiner - "Azimut."

Im Schatten des Vordaches erwartete sie eine junge Frau mit blondem, in Locken gelegtem Haar. Ihre sehr weiße Haut verstrahlte einen bläulichen Schimmer. Das kurze Kleid aus leichter, bunt bedruckter Baumwolle endete eine Handbreite über den Knien, vorne zusätzlich etwas angehoben durch den hochgewölbten Bauch. An ihrem linken Arm zerrte ein Bub von zwei oder drei Jahren. Conrad ging auf die Fremde zu, gab ihr die Hand und stellte sich vor. Die Frau schien erfreut, sagte, sie heiße Jeanne, Jeanne Dedieu, und schloß sogleich die Frage an, ob er zum Mittagessen bleibe. Überrascht, zögerte Conrad einen Augenblick, nahm dann mit Dank an. Er blickte in den Himmel. Die Sonne stand im Zenith. Das Haus warf einen handbreiten Schatten. Am Rand der Lichtung aber führte eine stillgelegte, von niedrigem Gestrüpp bewachsene Piste in den Wald. Conrad deutete dem Fahrer die Richtung an und wandte sich wieder seiner Gastgeberin zu. Während Bernard den Wagen in den Schatten fuhr, breitete Frau Dedieu die Arme aus, als wollte sie sagen: "Schauen Sie, das ist mein Reich." Conrad blickte hinauf zum Giebelfeld, wo durch ein aufgeklapptes Fenster die Hitze sichtbar als flimmernde Luft entwich. Die rostbraune Traufe des Vordaches aus gewelltem Zinkblech zerschnitt ihm die Ansicht des Hauses etwas über der Augenhöhe. Darunter hatte Regenwasser eine Rinne in schwarzer Walderde geformt, jetzt staubtrocken, eingefaßt von Flußgeröll. Am Haus entlang wuchsen kurzstengelige Schirmblätter, und an der Ecke, die sie gerade umfahren hatten, wurzelte ein rot blühender Hibiskusstrauch und ein zweiter Strauch mit gefiederten Blättern und kleinen gelb-orangen gefleckten Blüten, den man "Stolz von China" nennt. Zwei Kokospalmen flankierten den Eingang, etwas aus der Hausmitte nach links gerückt, junge Palmen ohne Stamm, bloß Wedel, die aus dem Boden ragten und mit den Spitzen gerade das Vordach erreichten. Es fehle an Wasser, sagte die Frau des Hauses, und Conrad konnte ihr Lachen dazu nicht anders verstehen, als daß sie seine Zustimmung zur Absurdität von Wassermangel im Regenwald vorwegnahm.
(S. 159f)

© 2009 Otto Müller, Salzburg Wien Leipzig.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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